GA-Serie "Augustiner Köpfe": Josef Schlemmer aus Sankt Augustin ist Seelsorger aus Leidenschaft

GA-Serie "Augustiner Köpfe" : Josef Schlemmer aus Sankt Augustin ist Seelsorger aus Leidenschaft

Seine Predigten schreibt der 82-jährige Monsignore immer wieder neu, und zwar handschriftlich mit einem Füller, den er sich 1953 für 200 Mark gekauft hat.

Wenn Josef Schlemmer durch Mülldorf läuft, dann begrüßen viele Menschen „de Pastor“, sagt der 82-Jährige schmunzelnd. Für sie ist er das immer noch, auch wenn der Monsignore heute nur noch als Subsidiar aushilft, wenn in der Kirchengemeinde Not am Mann ist. Zu tun hat der Pfarrer im Ruhestand aber immer noch genug. Drei bis vier Gottesdienste pro Woche, kleinere Beerdigungen, aber auch Besuche bei Menschen in seiner Gemeinde zählen zu seinen Aufgaben.

An Tagen, an denen es keine Termine für ihn gibt, nutzt Schlemmer die Zeit zum Stundengebet, dem Brevier, oder aber, um sich in die Literatur zu vertiefen. „Das Buch ist mein Medium“, sagt er und nutzt seine Bibliothek im Dachgeschoss der Privatwohnung, in der er inzwischen lebt, um sich mit Fragen des Glaubens zu beschäftigen. „Der Glaube beschäftigt mich ein Leben lang, denn damit kann man nicht irgendwann abschließen“, sagt er.

Dass er Theologie studieren wollte, um dann Pfarrer zu werden, das wusste Schlemmer schon als Kind. „Ich werde Pastor“, sei seine Antwort auf Fragen nach der Zukunft immer gewesen. Aufgewachsen ist er in Buchholz im Westerwald. Um sein Ziel zu erreichen, besuchte er 1955 das Gymnasium in Siegburg und studierte schließlich in Bonn, Frankfurt am Main und Köln Philosophie und Theologie. Zum Priester weihte ihn Erzbischof Joseph Kardinal Frings im Dom zu Köln am 2. Februar 1961.

"Was hat das Amt aus mir gemacht?"

Seine erste Kaplanstelle trat Schlemmer in der Gemeinde St. Severin in Köln an. „Die alte romanische Kirche war wunderschön, aber es gab in der Gemeinde viele sozial belastete Menschen“, erinnert er sich an seine ersten Schritte als Seelsorger. Nur etwa fünf bis sechs Prozent der Menschen seien damals zum Gottesdienst gekommen. In dieser Zeit lernte er den dortigen Pastor Josef Hanrath kennen und sagt heute, dass dieser ihn geprägt und beeindruckt habe. „Er war allen Menschen sehr zugewandt, unabhängig davon, ob sie kirchennah oder kirchenfern waren“, erzählt Schlemmer. Begeistert fuhr er mit den Kindern und Jugendlichen in Ferienfreizeiten von drei Wochen, die Hanrath ins Leben gerufen hatte.

Nach sechs Jahren in Köln wechselte Schlemmer als Kaplan in zwei Pfarreien nach Solingen. Dort traf er den zweiten Pfarrer, der ihn nachhaltig in seiner Entwicklung prägte. Es waren die Besonnenheit und die geistige und geistliche Tiefe von Max Schäfer.

Seine erste Stelle als verantwortlicher Pfarrer trat Schlemmer 1973 in Köln-Vingst an, und drei Jahre später kam er schließlich nach Sankt Augustin-Mülldorf zur Pfarrgemeinde St. Mariä Heimsuchung. Dort blieb Schlemmer 26 Jahre als Pfarrer und zusätzlich von 1987 bis 1999 als Dechant für Sankt Augustin. Von 1992 bis 2002 betreute er zudem noch die Pfarreien in Menden und Meindorf.

„Ich bin nach Mülldorf gekommen und geblieben und habe dort eine tolle Kooperation mit den Gremien und den Gläubigen erfahren“, schwärmt Schlemmer. In dieser Zeit war er verantwortlich für zwei Pfarrbüros, vier Kitas und insgesamt 45 hauptamtlich tätige Personen. „Ich habe die Gemeindemitglieder und den Kirchenvorstand motiviert, Verantwortung zu übernehmen und sich mehr zuzutrauen.“ Das Engagement sei dann förmlich explodiert.

Mit 67 Jahren stellte sich der Pfarrer die Frage, was das Amt aus ihm gemacht habe. „Mit Erschrecken stellte ich fest, dass ich die Finanz- und Vermögensverwaltung besser kannte als die Bibel.“ Die Beschäftigung mit theologischen Fragen sei während dieser Zeit zu kurz gekommen. Schlemmer zog die Reißleine und ging einen Schritt zurück. Er wurde Pfarrvikar und konnte sich so ausschließlich den seelsorgerischen Tätigkeiten widmen. Der einstige Dechant tat dies von 2002 bis 2005 in Troisdorf. Mit 70 Jahren ließ sich Schlemmer pensionieren und arbeitet seither wieder in Sankt Augustin als Subsidiar.

Den Glauben stets hinterfragen

Sein bewegtes Leben hatte für den Pfarrer vor allem ein Ziel: Er wollte den Menschen helfen zu glauben. „Fromme Sprüche helfen dabei nicht“, sagt Schlemmer, wenn er sich an so manchen Besuch im Hospiz erinnert. „Manchmal hilft nur schweigen.“

Letztendlich hinterfrage er seinen Glauben bis heute immer wieder. Es sei wichtig, den Glauben mit Denken zu durchdringen. Auch seine Predigten schreibt er immer wieder neu – handschriftlich, mit einem Füller, den er sich 1953 für damals 200 Mark gekauft hatte.

Grundsätzlich hält Schlemmer es mit dem Satz des Philosophen Immanuel Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Dennoch komme man immer an Grenzen, wo dann nur noch der Glaube möglich sei, sagt Schlemmer. Auch er könne nicht beweisen, dass bei der heiligen Kommunion Jesus Christus gegenwärtig sei.

Reisen, Bergsteigen, Bergwandern und Fahrradfahren sowie Gartenarbeit waren seit jeher Hobbys des Pfarrers. Heute genügen ihm sein täglicher Spaziergang, Naturfilme oder Volksmusik aus dem Alpenland und ganz besonders die Gespräche mit den Menschen aus Mülldorf.