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94-jährige Künstlerin aus Sankt Augustin: „Ich male, was es bald nicht mehr gibt”

94-jährige Künstlerin aus Sankt Augustin : „Ich male, was es bald nicht mehr gibt”

Sie bereiste die ganze Welt, stellte im In- und Ausland ihre Bilder aus und setzt sich in ihren Werken mit aktuellen Umweltthemen auseinander: Die in Sankt Augustin lebende Malerin Ruth Claire Willisch denkt trotz ihrer 94 Jahre noch lange nicht ans Aufhören.

Ihr Wohnzimmer ist voller Erinnerungen und Bilder. Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder stehen an Regale, Stühle und Schränke gelehnt: Die Summe eines ganzen Künstler-Lebens. Malen versteht Ruth Claire Willisch als Auftrag. Obwohl sich die Künstlerin vor zwei Jahren eine Schulterfraktur auf der linken Seite zugezogen hat, konnte sie das nicht abgehalten, jetzt, im Alter, noch mit großformatigen Bildern zu beginnen. „Mit der rechten Hand kann ich ja noch malen”, sagt sie und lacht, „ich gehe auf die 100 zu, ich bin noch im jugendlichen Alter”.

Die 94-Jährige, die in Sankt Augustin wohnt, freut sich über Besuch. Sie erzählt gerne von ihrem Leben, das am 21. Mai 1924 in Oberröblingen am See im Kreis Eisleben begann. Aufgewachsen ist sie in Asch in der Tschechischen Republik. Schon als Kind hat sie gemalt, und wenn ihre Eltern wandern gingen, bekam sie Bleistift und Papier in die Hand gedrückt und zeichnete, was sie unterwegs sah.

Ihr damaliger Lehrer erkannte ihre Begabung und riet ihrem Vater, sie zu fördern. Das lehnte dieser jedoch mit der Begründung ab, die Malerei sei „ein Hungerberuf”. Willischs Vater starb, als sie 16 Jahre alt war und in einem Internat in Bad Reichenhall lebte. Für sie ein schwerer Schicksalsschlag, denn zu dieser Zeit war sie schwer krank. Wie viele andere Schülerinnen hatte sie sich dort mit Kinderlähmung angesteckt. Eine Krankheit, gegen die sie zeitlebens ankämpfen musste. Auch wenn sie wieder laufen lernte, zwingen sie starke Schmerzen, vor allem im Rücken, bis heute immer wieder in den Rollstuhl.

Geprägt durch Erfahrung der Krankheit

Geprägt durch die Erfahrung der eigenen Krankheit begann Willisch als junge Frau eine Ausbildung zur Krankenschwester. Der Zweite Weltkrieg, dessen Ende sie in Prag erlebte, war für sie ein Albtraum. Ebenso die Vertreibung im Jahr 1946, die sie über die Grenze zurück nach Deutschland führte. Wenig später begann sie an der staatlichen Porzellanfachschule in Selb mit einer Ausbildung. Anschließend ging sie zurück nach Prag und studierte am Hochschulinstitut für Bildende Künste.

Als sie ihren späteren Mann kennenlernte, zog sie mit ihm nach Fulda. Dort erwarb sie sich den Ruf als „Rhön-Malerin”. Nach 23 Jahren Ehe ließ sie sich scheiden und kam durch eine Freundin ins Rheinland. 1975 zog sie nach Sankt Augustin, wo sie ihre erste Ausstellung in ihrem Wohnhaus präsentierte. Später stellte sie ihre Bilder auch in Bonn, Bad Godesberg, Siegburg, Bad Honnef und Hennef aus. 1975 wurde sie Dozentin an der Volkshochschule Bonn und Siegburg. Neben der Aquarell- und Ölmalerei und ihren Zeichnungen arbeitete sie als Bildhauerin, schuf Bronzeskulpturen und machte Tonarbeiten.

1981 erschien ihr Kunstdruckband „Romantik in und um Bonn”, ebenso „Schönes Land an Rhein und Sieg”. Bekannt wurde sie vor allem durch den „Siegburger Bilderbogen“. 1985 gab sie gemeinsam mit dem Benediktinerpater Gabriel Busch das Buch „Kapellenkranz rings um den Michaelsberg” heraus – mit 114 Zeichnungen und Aquarellen. Darüber hinaus erschienen jährlich Kalender mit Zeichnungen und Aquarellmalereien von ihr.

Künstlerin des Jahres

Wegen ihrer intensiven künstlerischen Beschäftigung mit der Region wurde sie 1982 und 1983 als Künstlerin des Jahres geehrt. 1984 erhielt sie den Großen Preis des Corriere d’Italia, einer Sonderauszeichnung durch den „Feder Europa” (Europäischer Presseverband, Brüssel).

Ruth Claire Willisch stellte ihre Werke im In- und Ausland aus und reiste durch die ganze Welt. Ihre Bilder wurden unter anderem. an der Nanzan-Universität in Japan gezeigt. 1992 durchquerte sie Tibet. Zum 80. Geburtstag des Dalai Lama überreichte sie ihm 2015 in Frankfurt bei einer Ehrung eine Ölmalerei mit dem heiligen Berg der Tibeter: „Kailash im letzten Abendlicht.” Weitere Reisen führten sie nach Südost-Asien, nach China, nach Afrika und nach Südamerika.

Häufig thematisierte sie in ihren Bildern Umweltthemen, vor allem, nachdem sie in Island und Grönland gewesen war: die Gletscherschmelze, das Sterben der Eisbären oder das unbarmherzige Abschlachten der Robben. In den vergangenen Jahren auch das Verschwinden der Bienen. „Ich male, was es bald nicht mehr geben wird”, sagt sie.

Seit sie im Senegal war, ist eines ihrer zentralen Themen die Kinderarmut. Ob in Indien oder in Bolivien, „weltweit müssen Kinder arbeiten”, bedauert Ruth Claire Willisch.

Das Schicksal der Sherpas, die in Tibet das Gepäck der Touristen transportieren müssen und dabei oft selbst in Lebensgefahr geraten, hält sie jetzt in ihren neuen großformatigen Bildern fest. Auch hier scheint durch, was die Malerin im Laufe ihres Lebens bis zur Meisterschaft praktiziert hat: Das Licht und die Stille in der Natur in ihren Bildern zu bannen.

Eine Ausstellung mit Bildern von Ruth Claire Willisch, vor allem zum Thema “Kinderarmut” sind ab zurzeit in der Praxis von Dr. Nadji Mamadi, Luisenstraße 127-131 in Siegburg, zu sehen.