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Steyler-Schwester Magdalena setzt sich in Bolivien für Kinder ein: Eine Kita hinter Gittern

Steyler-Schwester Magdalena setzt sich in Bolivien für Kinder ein : Eine Kita hinter Gittern

Es gibt Geschichten, die mag man so recht nicht glauben. Diese ist so eine - aus der Mission. Es ist die Geschichte der Steyler Schwester Magdalena und ihrer Missionsschwestern, die eine Kindertagesstätte in einer Gefangenenstadt in Bolivien betreuen.

Eine ganze Stadt mit Gefangenen? Etwa zwanzig Kilometer südlich des Stadtzentrums von Santa Cruz de la Sierra springt Schwester Magdalena aus dem Bus. Ein Trampelpfad mündet in eine bolivianische Mustersiedlung, in der Hunde streunen und Babys schreien.

Wenige Augenblicke später taucht sie plötzlich am Horizont auf: die riesige Festungsanlage mit ihren 14 Wachtürmen, für die der Name des Stadtteiles inzwischen Pate steht: Palmasola. Vor einer Woche herrschte Ausnahmezustand in der Region. Papst Franziskus besuchte das Land, und eine Station war auch die Gefangenenstadt, in der die Insassen und deren Angehörige größtenteils sich selbst überlassen sind.

Als Schwester Magdalena vor vielen Jahren beschloss, Missionarin zu werden, schickte die Ordensleitung die heute 48-jährige Frau zunächst nach Bolivien, dann nach Palmasola. Zwei Quadratkilometer groß ist das Gefängnis.

Abgesichert mit Stacheldraht und einer doppelten Mauer gleicht es einem Staat im Staat. Mehr als 5000 Gefangene verwalten sich selbst - unter Ausschluss der Strafvollzugsbehörden, die sich weitgehend auf die Bewachung von außen beschränken.

"Centro de Rehabilitacion" künden Großbuchstaben über dem großen Eingangstor fast schon zynisch. Schwester Magdalena reiht sich in die Schlange der Wartenden ein. "Viele der Gefangenen sitzen wegen Verstößen gegen das bolivianische Anti-Drogen-Gesetz ein", sagt die Steyler Missionarin. "Aber auch Diebe, Vergewaltiger und Mörder zählen zu den Häftlingen."

Ein resoluter Polizist ist nicht gerade zimperlich, als er Schwester Magdalena abtastet. Dann trägt sich die Ordensschwester routiniert ins Besucherbuch ein - und betritt das größte Gefängnis Boliviens, dessen Infrastruktur einer Kleinstadt gleicht: Es gibt Wohnblocks und Restaurants, Werkstätten und Friseursalons, ein Fitnessstudio und sogar einen Fußballplatz.

Heute ist es ruhig. Das ist nicht immer so: Proteste und Hungerstreiks sind in Palmasola keine Seltenheit. Viele Häftlinge warten seit Jahren vergeblich auf ein Gerichtsverfahren. Laut einer Schätzung sitzen in Palmasola 70 Prozent der Häftlinge ohne Urteil ein. Ein Regiment aus Bandenbossen gibt dort den Ton an.

Manchmal eskaliert die Lage. So wie im Sommer 2013, bei einem Machtkampf unter den Häftlingen, ausgetragen mit Macheten, Schlagstöcken und Flammenwerfern. Die strohgefüllten Matratzen der Insassen fingen Feuer.

700 Polizisten versuchten zwei Stunden lang, die Kontrolle zu erlangen und den Brand zu löschen. Die Bilanz des Tages: Mindestens 50 Verletzte und 30 Todesopfer, unter Letzteren ein Kleinkind von 18 Monaten. "Das Gesetz erlaubt den Häftlingen leider, alle Kinder unter sechs Jahren mit ins Gefängnis zu nehmen", erklärt Schwester Magdalena. "Diese Kinder leiden sehr."

Genau deshalb verbringt sie beinahe jeden Wochentag im Gefängnis, von 8.30 Uhr am Morgen bis 16 Uhr am Nachmittag. Ihr Arbeitsplatz: ein kleiner Bau gleich in der Nähe des Eingangs, dort, wo bunte Klettergerüste dem monotonen Grau der Mauern trotzen. In der Kindertagesstätte von Palmasola betreuen Schwester Magdalena und ihr Team rund 100 Kinder bis sechs Jahre. "Meine Chiquititos", sagt sie. Ihre kleinen Lieblinge.

Katlen ist eine davon. "Ihre Mutter sitzt zum zweiten Mal wegen Drogenbesitzes", erklärt die Ordensschwester. "Die Frau ist aggressiv und schlägt ihre Kinder. Deshalb ist die Kleine stark verhaltensauffällig und gezeichnet von der Angst vor ihrer Mutter und vom Alltag hinter Gittern." Die Steyler Missionarin und ihr Team versuchen dem eine Art Alltagsoase entgegenzustellen. Sie malen mit den Kindern, singen, lachen und basteln.

"Zusätzlich bekommen die Kinder bei uns dreimal täglich eine frisch zubereitete Mahlzeit", sagt Schwester Magdalena. Aus der eigenen Kita-Küche. "Die Gefangenen werden lediglich mit gekochten Schlacht- und Lebensmittelabfällen versorgt. Darunter leidet die Gesundheit der Kinder sehr."

Schwester Magdalena zur Seite stehen zwei Lehrerinnen, eine Psychologin und eine Ärztin, aber auch drei inhaftierte Frauen. 2011, als die Steyler Schwestern nach Palmasola kamen, bauten sie zu nächst einen Gesprächskreis auf, im PC2, dem Frauentrakt. Sie trafen dort auf Verbrecherinnen, aber auch auf viele augenscheinlich unschuldig Einsitzende, die sich regelmäßig zu Tanz- und Handarbeitsgruppen zusammenfanden und gemeinsam für das jährliche Muttertagsfest kochten. Mit diesen "guten Seelen" der Gefängnisstadt sind die Schwestern seither gemeinsam unterwegs. Auch in der Knast-Kita.

Das Team der Kindertagesstätte lässt sich nicht entmutigen. "Wir haben die Hoffnung, dass die Kinder mit Gottes Hilfe eine gute Zukunft erfahren können", zeigt sich Schwester Magdalena überzeugt. Auch wen am Ende des Kita-Tages die Kinder wieder zurück müssen - in die Zellen. ga/mic