Debatte in Sankt Augustin: Daniel Fuhrhop fordert eine Reduzierung des Flächenverbrauchs

Debatte in Sankt Augustin : Daniel Fuhrhop fordert eine Reduzierung des Flächenverbrauchs

Passen Wohnungsbau und Umweltschutz zusammen? Mit dieser Frage setzten sich am Mittwochabend die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion in Sankt Augustin auseinander. Dazu eingeladen hatte die Kreisgruppe Rhein-Sieg des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Hauptreferent des Abends war Daniel Fuhrhop, auf dem Podium saßen zudem der Meteorologe Karsten Brand, der Vorsitzende des Kreisausschusses für Umwelt, Klimaschutz und Landwirtschaft Josef Griese, der ehemalige Stadtplaner Wolfgang Züll, der Erste Beigeordnete der Stadt Sankt Augustin Rainer Gleß sowie Petra Heising und Thomas Abraham, Experten für Wohnungsmarkt und Stadtentwicklung des Forschungsinstituts Empirica.

Moderiert wurde die Veranstaltung vom Journalisten Andreas Vollmert."Heute sind wir ein bisschen auf frontal gebürstet", stimmte Achim Baumgartner, BUND-Kreisgruppensprecher, die knapp hundert Besucher in der Aula der Steyler Mission ein. Das ließ auch der Titel der Streitschrift "Verbietet das Bauen" erahnen, dessen Verfasser Daniel Fuhrhop, Dozent an der Uni Oldenburg, den Einführungsvortrag zum Thema hielt.

Er habe nach der "Flugscham", der "SUV-Scham" nun auch den Hashtag "Bauscham" erfunden, kündigte Fuhrhop an. Immerhin erzeugten Bautätigkeiten rund 20 bis 30 Prozent des gesamten Kohlendioxidausstoßes. "Durch Neubauten auf der grünen Wiese entstanden in den 1960er und 70er Jahren Siedlungen, die jeder kennt", erinnerte Fuhrhop an die Siedlungen, die heute oft soziale Brennpunkte in den Städten sind.

Genau das werde heute in ähnlich großem Maßstab wiederholt. "Aber die Äcker werden dann nicht mehr da sein, der Boden ist versiegelt, der Lebensraum für die Tiere verringert sich weiter", so Fuhrhop. Auch so genannte Energiesparhäuser nützten da wenig. "Wir sparen keine Energie, wir verbrauchen nur weniger", erläuterte er die Irreführung des Begriffs. Ohnehin sei das Bauen selbst der größte Energieblock, der der Heizenergie von rund 50 Jahren entspreche.

Von den Kosten ganz zu schweigen. Dass es anders gehe, zeigte er am französischen Viertel in Tübingen mit Quartiersgaragen und Geschäften im Erdgeschoss. Lobend erwähnte er auch das Wohnprojekt "Amaryllis" in Vilich-Müldorf. Flächenschonend und lebendig, so sollen Wohnungen in Zukunft entstehen. Möglich sei das auch durch Aufstocken auf bestehenden Wohnraum, Projekte wie "Jung kauft Alt" oder Anreize, damit alleinstehende und oftmals vereinsamte Menschen ihre großen Häuser für Familien räumten. Auch Wohnen für Hilfe sei ein Projekt, dass Wohnraum für junge Menschen schaffe.

Wenig Widerspruch erntete der Referent bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Rainer Gleß merkte an, dass bezahlbarer Wohnraum in den Kernkommunen des Rhein-Sieg-Kreises Mangelware sei. "Wir haben hier auch nicht viel Leerstand", stellte er fest. Dass Sankt Augustin einen besonders hohen Flächenverbrauch habe, wie es Vollmert formulierte, bestätigte Gleß nicht. "Wir haben uns konsequent an den roten Faden gehalten, nur Baugebiete im Inneren der Stadt zu entwickeln", fügte der Erste Beigeordnete an.

Wolfgang Züll berichtete von seiner Zeit als Technischer Beigeordneter in Niederkassel von 1990 bis 1998. Innerhalb von acht Jahren sei die Einwohnerzahl von 28 500 auf 36 000 gestiegen, so Züll. Schon Mitte der 1990er Jahre habe er versucht, den einstigen Rhabarberschlitten, die Kleinbahn Siegburg-Zündorf, wieder zu beleben. Das Konzept bekomme erst jetzt wieder Schwung, weil der Kreis das Thema aufgreife.

Josef Griese bestätigte, dass sich in den 1960er Jahren die Orte im Kreis überproportional entwickelt haben. "Das ist auch heute noch so in den Städten, die nahe an Bonn oder Köln liegen und optimal an den ÖPNV angebunden sind", so Griese. Dass der ÖPNV ausgebaut werden müsse, sei unstrittig. Gegen Flächenverschwendung etwa durch riesige Parkflächen in Gewerbegebieten wandte sich Karsten Brand: "Wir verbrauchen jeden Tag in Deutschland 58 Hektar Fläche", das seien mehr als 80 Fußballfelder, "das ist dramatisch". Auch Petra Heising plädierte dafür, "das, was schon da ist, effizienter zu nutzen". Ihr Kollege Thomas Abraham bezweifelte jedoch, dass Maßnahmen wie Häusertausch oder Innenverdichtung ausreichten.

Auch wenn es nicht darum gehe, dem einzelnen Menschen vorzuschreiben, wie er zu leben habe, forderte Fuhrhop: "Wir müssen den Flächenverbrauch bis zu einem bestimmten Datum auf Null setzen." Es müsse Instrumente geben, um unsichtbaren Leerstand aufzudecken, etwa ein entsprechendes Kataster. "Ich bin gespannt, wie weit wir damit kommen."

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