Kinderherzzentrum in Sankt Augustin: Boulos Asfour schenkt Kindern einen zweiten Geburtstag

Kinderherzzentrum in Sankt Augustin : Boulos Asfour schenkt Kindern einen zweiten Geburtstag

Der Arzt Boulos Asfour und sein Team operieren Neugeborene mit schweren Herzfehlern. Studiert hat er unter anderem an der Elite-Uni Havard.

Das Renommee des Deutschen Kinderherzzentrums hat Strahlkraft und das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Dies ist insbesondere mit dem Namen Boulos Asfour verbunden. Seit 2002 arbeitet der Kinderherzchirurg im Deutschen Kinderherzzentrum Sankt Augustin, seit 2006 leitet er das Zentrum als Chefarzt und Direktor. Er wirkt jünger als 58 Jahre und er macht keinen Hehl daraus, dass er sehr wohl weiß, wie sicher und gut er in seinem Fach ist.

Es sind daher vor allem die schwierigen Fälle, die auf seinem OP-Tisch landen. Hyperplastisches Linksherz-Syndrom (HLHS) nennt man die Fehlbildungen bei Neugeborenen, die nur eine Herzkammer besitzen. Das bedeutete vor noch gar nicht langer Zeit das Todesurteil für die Säuglinge. Heute operiert Asfour schon in der ersten Woche nach der Geburt, und es folgen weitere Operationen im Alter von sechs Monaten und von drei Jahren.

„Der Blutkreislauf wird dabei so umgestellt, dass man mit einer Herzkammer auskommt“, sagt Asfour, der zu den Spezialisten auf diesem Gebiet zählt. Die Operation sei streng genommen keine Korrektur, sondern nur eine Hilfe, die ein weitgehend normales Leben ermögliche. „Die Operationsmethode bei dieser Fehlbildung gibt es erst seit den 90er Jahren und wir lernen noch weiter dazu“, sagt Asfour. „Wir wollen den Kindern Lebensqualität geben, auch mit nur einer Herzkammer“, beschreibt der Mediziner das Erfüllende an seinem Beruf.

Sterblichkeit der schwerkranken Kinder liegt bei unter zwei Prozent

Für die Eltern sei die Operation beim HLHS, die zunächst das Überleben der Neugeborenen sichere und die zweite OP vorbereite, wie eine zweite Geburt ihrer Kinder. „Wir legen den Grundstein für ein langes Leben“, und das sei einfach wunderbar. Rund 500 Operationen am Herzen werden im Deutschen Kinderherzzentrum in Sankt Augustin jedes Jahr durchgeführt. Asfour betont immer wieder, wie wichtig dabei das gut ausgebildete und motivierte Team sei. „Das haben wir im Deutschen Kinderherzzentrum und wir suchen vor allem noch Pflegekräfte im Intensivbereich und auf der Pflegestation, um unsere Wartelisten zu verkürzen.“

Trotz der großen Komplexität der Kinderherzchirurgie sei die Sterblichkeit sehr niedrig. Deutlich unter zwei Prozent der Kinder sterben nach einer Operation. Oftmals seien das Kinder, die schon in einem sehr schlechten Zustand in die Klinik kommen. Asfour kann auf sein „super ausgebildetes Team“ von Intensivmedizinern, Kardiologen, Anästhesisten und Intensivschwestern vertrauen. Diese Qualität biete dann auch die Möglichkeit, mit Todesfällen umzugehen, denn man könne davon ausgehen, dass die Entscheidungen, die das Team getroffen habe, die richtigen waren.

Seine Kenntnisse zieht Asfour aus dem, wie er selbst sagt, „Mekka der Kinderherzchirurgie“ im Children's Hospital in Boston an der Harvard Medical School, wo er 1993 als Gastarzt arbeitete. Nach seiner Promotion folgte 1995 ein Forschungsstipendiat in der Kinderherzchirurgie der John-Hopkins-Universität Baltimore in Maryland. 1998 wurde Asfour Oberarzt an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster, wo er auch habilitierte.

Abiturnote war ein Problem und Ansporn

Geboren wurde der Kinderherzspezialist 1960 in Beirut. Sein Vater stammt aus dem Libanon und arbeitete für eine libanesische Fluggesellschaft, seine deutsche Mutter war damals Fremdsprachensekretärin. 1962 zog die Familie nach Frankfurt. Boulos Asfour war der zweite von insgesamt fünf Söhnen. „Ich soll wohl schon mit sechs Jahren gesagt haben, dass ich Arzt werden will. Als meine Oma mir dann im Teenie-Alter das Buch von Ferdinand Sauerbruch schenkte, hat mich das so gefesselt, dass mein Entschluss, Chirurg zu werden, feststand.“

Ein kleines Problem gab es allerdings, denn er hatte nicht den Abiturnotenschnitt von 1,0. Deshalb musste er erst mal auf einen Studienplatz warten. Asfour absolvierte den Zivildienst und studierte zwei Semester Klavier und Operngesang. Danach hatte er sogar die Wahl zwischen drei Studienplätzen in Budapest, Bochum und Gießen. „Der Budapester Studienplatz war gekauft, der in Bochum gelost und der in Gießen eingeklagt“, sagt er schmunzelnd. Asfour entschied sich für letzteren und beschloss: „Jetzt überhole ich alle, die einen 1,0-Schnitt im Abitur hatten.“ Gesagt, getan – nach sechs Jahren schloss er sein Studium ab, mit 38 Jahren wurde er Oberarzt, mit 42 außerplanmäßiger Professor und Chefarzt.

Als Student erlebte er, wie ein Kind notoperiert werden musste

„Während des sehr theoretischen Teils des Studiums hielt ein Herzchirurg, Professor Hans Heinrich Scheld, eine Vorlesung aus dem Klinikalltag, die mir den Blick öffnete, wozu ich das alles überhaupt mache“, erinnert sich Asfour. „Jahre später, als eines Abends während einer Famulatur (ein Praktikum während des Medizinstudiums, Anm.d.Red.) ein blau angelaufenes Kind als Notfall eingeliefert und operiert wurde, da wusste ich: Ich mache Kinderherzchirurgie.“

Drei Jahre später sei Scheld Direktor der Herzchirurgie in Münster geworden und habe sich an ihn erinnert, als er ihn anrief. 2002 wechselte Asfour dann von Münster nach Sankt Augustin. Er sei auf viel Unverständnis gestoßen angesichts dieser Entscheidung. „Wieso gehst du in dieses Kaff?“, habe man ihn immer wieder gefragt. „Das war eine sehr bewusste Entscheidung, denn ich habe in Sankt Augustin das größte Potenzial gesehen und Recht behalten“, sagt er rückblickend.

„Heute werden in Sankt Augustin so viele Kinder am Herzen operiert wie sonst nirgends in Deutschland.“ Schön wäre es gewesen, wenn das Kinderherzzentrum universitär geworden wäre, glaubt Asfour, der Fachärzte auch in Sankt Augustin zu Kinderherzchirurgen ausbildet.

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