1. Region
  2. Sieg & Rhein
  3. Sankt Augustin

Theater in Sankt Augustin: Begegnungen mit der Vergangenheit

Theater in Sankt Augustin : Begegnungen mit der Vergangenheit

Interview: Die preisgekrönte Autorin Gilla Cremer gastiert mit dem Stück „Die Dinge meiner Eltern“ in Sankt Augustin. Die Schauspielerin wuchs in Königswinter auf.

Haben sie diese Situation ihrer Protagonistin tatsächlich erlebt?

Gilla Cremer: Im Stück steckt viel Autobiografisches, das ich vor sechs Jahren bei der Haushaltsauflösung in meinem Elternhaus in Königswinter erlebt habe. Man begegnet sich in vielen Dingen der Eltern auch selber zu einem Stück wieder, man überlegt, dreht um, rückt etwas zur Seite und bewahrt so manches dann doch weiter auf, was man eigentlich wegtun wollte. In der Vergangenheit der Eltern begegnet man sich auch selber.

Unzählige Dinge, die nicht weggeworfen, sondern aufbewahrt wurden, registriert ihre Hauptdarstellerin Agnes im Haus der Eltern. Was würden Sie selber niemals wegwerfen?

Cremer: Das ist sehr schwer zu sagen. Nach der Auflösung bin ich noch zwei weitere Male in kleinere Wohnungen umgezogen und musste immer wieder überlegen, was ich mitnehmen sollte. Interessanterweise habe ich meine eigenen Tagebücher weggetan, nicht aber die meiner Eltern. Und aufbewahrt habe ich dann auch wieder die Sachen meiner Kinder.

Sie wurden 2015 mit dem Sonderpreis des Inthega-Vorstands geehrt für ihr 'beeindruckendes Gesamtwerk, mit dem sie seit fast 30 Jahren die deutsche Theaterlandschaft prägen.' Welche Ihrer vielen Bühnenstücke liegt ihnen besonders am Herzen?

Cremer: Das kann ich nicht sagen. Meine Stücke sind wie meine Kinder. Ich liebe sie alle auf ihre Art und Weise. Jedes einzelne hat für mich eine persönliche Bedeutung.

Sie sind die Tochter eines Kaufmanns und einer Gärtnerin und haben als Schauspielerin, Autorin und Theater-Macherin Ihre Berufung gefunden. Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Cremer: Nein, das gab es nicht. Aber ich komme trotzdem aus einer sehr theatralen, spielfreudigen Familie. Meine Eltern haben jedes Jahr Weihnachtsstücke inszeniert. Mit der ganzen Familie habe ich den kleinen „Maikäfer“, „Rumpelstilzchen“ und „Räuber Hotzenplotz“ aufgeführt. Wir liebten das. Und mein Vater war auch selber ein großer Clown und begeisterter Karnevalist.

Wie ist es mit ihren beiden Kindern? Haben Sie sich gewünscht, dass beide auch Schauspieler werden?

Cremer: Sie gehen beruflich andere Wege. Wir teilen aber die Liebe zum Schauspiel. Gewünscht habe ich mir nur, dass sie das tun, was sie beglückt.

Den Grad zwischen Boulevard-Komödie und sozialkritischem Theater meistern sie in Ihren selbst geschriebenen Stücken immer hervorragend. Sind Theaterbühnen besonders geeignet für kritische Botschaften?

Cremer: Die Bühne ermöglicht manchmal einen stärkeren Zugang zum Thema als es jede Statistik. Das Stück „Meeresrand“ ist das vielleicht Traurigste und Wichtigste meiner Stücke, weil es von Kinderarmut handelt. In einer Bühnendiskussion mit einigen Zuschauern kam der Vorschlag, das Stück im Bundestag aufzuführen, weil es die Nöte und Sorgen alleinerziehender Mütter so intensiv darstellt, dass es einen einfach nur packt und betroffen macht.

„Die Dinge meiner Eltern“ ist Ihr aktuelles Stück zur Vergangenheitsbewältigung. Welches Thema wird ihr nächstes?

Cremer: Am 24./25. Februar bin ich in Beuel in der Brotfabrik mit meinem Stück „Freundschaft“. Da geht es nicht um Sozialkritik, sondern einfach um das Thema „Freundschaft“.

Sie werden nächsten Monat Sechzig. Wie wird gefeiert?

Gilla Cremer: Überhaupt nicht. Ich komme dann gerade von einer Reise zurück und habe vor Weihnachten noch sehr viel zu tun, da passt es nicht. Die Zahl schreckt mich aber nicht ab – damit gehe ich ganz entspannt um.

Sie sind in Königswinter aufgewachsen. Woran erinnern sie sich gerne zurück?

Gilla Cremer: An ziemlich alles. Diese märchenhafte Landschaft – wir wohnten am Fuße des Drachenfels'. Der Rhein war mein Freund. Ich mochte diese unbeschwerte Zeit, in der wir glücklicherweise ohne große Sorgen aufwachsen durften.

Gilla Cremer gastiert in der Koproduktion ihres Theaters Unikate mit dem Theater Wolfsburg und den Hamburger Kammerspielen am Samstag, 26. November, in der Aula des Rhein-Sieg-Gymnasiums. Im Stück „Die Dinge meiner Eltern“ sieht sich die Hauptdarstellerin Agnes ab 20 Uhr bei der Haushaltsauflösung ihres Elternhauses mit ihrer eigenen und der Vergangenheit ihrer Eltern konfrontiert. Karten zum Preis von 17,30 Euro bis 22,80 Euro sind bei den üblichen Vorverkaufsstellen und in den Ticketshops der GA-Zweigstellen erhältlich.