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Als Lehrling bei der Rhein-Sieg Eisenbahn: Alois Richarz erinnert sich an die Bröltalbahn der 1930er

Als Lehrling bei der Rhein-Sieg Eisenbahn : Alois Richarz erinnert sich an die Bröltalbahn der 1930er

Alois Richarz aus Niederpleis war in den 1930er Jahren Lehrling bei der Rhein-Sieg Eisenbahn. Vieles ist dem 97-Jährigen in Erinnerung geblieben - von den Basaltzügen bis zum Mittagessen per Körbchen.

Viel ist nicht geblieben. In Sankt Augustin zeugen nur noch wenige Überbleibsel von der Bröltalbahn, die bis in die 1960er Jahre viele Jahrzehnte lang durch die Region fuhr. In Niederpleis etwa das alte Bahnhofsgebäude, in dem eine Kindertagesstätte untergebracht ist, und ein Gleisstück, auf dem eine Diesel-Rangierlok der Heisterbacher Talbahn steht. Doch es bleiben viele persönliche Erinnerungen an die einst erste Schmalspurbahn im öffentlichen Verkehr in Deutschland. Bei Alois Richarz aus Niederpleis zum Beispiel. Der heute 97-Jährige war von 1936 bis 1939 Lehrling bei der Rhein-Sieg Eisenbahn und weiß aus dieser Zeit noch vieles zu berichten – von den Basaltzügen bis zum Mittagessen per Körbchen.

Zur Eisenbahn kam Richarz mit 15 Jahren eher zufällig. „Meine Mutter wollte, dass ich weiter zur Schule gehe nach Bonn, aber ich hatte keine Lust“, sagt Richarz. Also suchte er eine Lehrstelle. Zur Auswahl standen die Spar- und Darlehenskasse in Stieldorf oder die Rhein-Sieg Eisenbahn in Beuel. Da der Weg von seinem damaligen Wohnort Hangelar bis Stieldorf zu umständlich gewesen sei, habe er sich bei der Bahn beworben, so Richarz. Mit Erfolg – und so startete er im Juli 1936 in Beuel als Lehrling für den Eisenbahnbetriebsdienst.

Der Lehrling musste die Fahrkarten drucken

Jeden Morgen nahm er den Zug nach Beuel, per Freifahrtschein. Der Bahnhof war Hauptumschlagplatz für die Basaltlieferungen aus dem Westerwald. Im Sommer seien täglich bis zu drei Züge mit bis zu 60 Waggons angekommen, sagt Richarz. „Das waren Selbstentladewagen. Sie wurden nur aufgeschlagen und dann fielen die Basaltsteine nach unten.“ Per Schiff ging es weiter nach Holland, wo die Steine für den Deichbau gebraucht worden seien. Der damals 15-Jährige rechnete Frachtsätze aus, verbuchte Sendungen und kassierte Frachtkosten. Auch die Fahrkarten zu drucken, gehörte zu seinen Aufgaben. Am Schalter verkaufen durfte er sie in den ersten Monaten aber nicht. Es folgten weitere Stationen in Siegburg, Niederpleis und Birlinghoven – und einige Anekdoten, an die Richarz sich noch gut erinnert.

In Niederpleis etwa war er auch für die Reinigung der Büros zuständig. Einmal kehrte er den Staub auf einem Schrank zusammen und kippte ihn in den Ofen. „Der wäre dann fast explodiert“, erzählt Richarz. Denn er hatte aus Versehen die Reste einer zerfallenen Magnesiumfackel hineingeworfen. Sie wurde für eventuelle Unfälle auf der Strecke auf dem Schrank gelagert, seit Jahren war sie jedoch nicht gebraucht worden und langsam verrottet. „Es ist zum Glück nichts passiert.“ Einen Schrecken jagte Richarz ein weiteres Erlebnis am Bahnhof Niederpleis ein. Von Hennef kommend mussten die Züge dort die Siebengebirgsstraße überqueren. Eine Schranke sicherte den Bahnübergang, sie musste vom Betriebsassistenten heruntergezogen werden – eine Aufgabe die der Lehrling nicht erledigen durfte. Dennoch übernahm Richarz sie an einem Tag. „Ich hatte die Schranke runtergelassen, der Güterzug kam angedampft und von Oberpleis kam ein Lkw angefahren“, erzählt der 97-Jährige. Der Lastwagen sei näher und näher gekommen und habe erst im letzten Moment angehalten. „Ich nehme an, der Fahrer wollte mir Angst machen.“

Aus Siegburg ist ihm ein Fischhändler im Gedächtnis geblieben. Er bekam in der kühlen Jahreszeit aus Beuel regelmäßig eine Nachnahmesendung frischer Fisch auf Eis in zwei Weidekörben, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Oft habe er jedoch das Geld für beide Körbe nicht gehabt. „Normalerweise hätte ich nichts rausgeben dürfen“, sagt Richarz. Aber dann wäre der Fisch verdorben. Also händigte er einen Korb auf sein eigenes Risiko aus. Hatte der Fischhändler ihn auf dem Markt verkauft, kam er zurück und löste den zweiten ein. „Das durfte der Vorsteher aber nicht wissen.“

Dienstbeginn um 6.45 Uhr

Seine letzte längere Station verbrachte Richarz schließlich in Birlinghoven als Ersatz für den erkrankten Agenten. Jeden Morgen radelte er um 6.15 Uhr in Hangelar los, um 6.45 Uhr begann sein Dienst. Der erste Zug fuhr um 7.15 Uhr, der letzte um 20.15 Uhr. Der Bahnhof war immer besetzt, wenn Züge ankamen, zwischendrin hatte Richarz Pause. Um zum Mittagessen mit dem Zug nach Hause zu fahren – wie er es in Niederpleis immer getan hatte – reichte die Zeit jedoch nicht. Also musste das Essen eben per Zug zu ihm. Dazu packte seine Schwester alles in ein Körbchen und brachte es in Hangelar an den Mittagszug von Beuel nach Hennef. „In Niederpleis wurde es ausgesetzt und dem Zug nach Birlinghoven mitgegeben“, erzählt Alois Richarz. „Es ist aber auch mal passiert, dass mein Mittagessen im ersten Zug weiter bis nach Hennef fuhr. Dann war es kalt, bis es endlich bei mir ankam.“

Birlinghoven sei eine schöne und lehrreiche Zeit gewesen, so der 97-Jährige. Danach arbeitete er noch einige Wochen im Ablösedienst als Urlaubsvertretung. Nach seiner Lehre hielt es ihn nicht mehr bei der Rhein-Sieg Eisenbahn. Die Zukunftsaussichten hätten nicht vielversprechend ausgesehen, sagt Richarz. So wechselte er im September 1939 zur Rheinischen Zellwolle nach Siegburg. Den Fortgang der Rhein-Sieg Eisenbahn hatte der Niederpleiser dennoch weiter im Blick – bis zum Gleisabbau nach der Stilllegung der Strecke 1967, den er sogar fotografierte.