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Rhein-Sieg-Kreis: Apotheker warnen vor Engpässen bei Gesundheitsversorgung

Gesundheitsversorgung im Rhein-Sieg-Kreis : Apotheker warnen vor Engpässen

Laut Ulrike Jüngel-Sandner, Sprecherin des Apothekerverbands, droht im Rhein-Sieg-Kreis ein Fachkräftemangel. Außerdem sind verschiedene Medikamente aktuell nicht lieferbar.

In der Stadt mag man’s kaum feststellen. Aber die Zahl der Apotheken geht kontinuierlich zurück. Seit 2014 gibt es diesen bundesweiten Trend schon. „Alle 38 Stunden macht eine Apotheke zu“, sagt Ulrike Jüngel-Sandner, Sprecherin des Apothekerverbands und der Apothekerkammer Nordrhein im rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis. „In unserer Region haben wir noch eine flächendeckende Versorgung, und das gilt sogar im östlichen Kreisgebiet.“ Aber es werde immer schwieriger, angestellte Apotheker zu finden. Eine Kollegin aus Much habe monatelang inseriert und gesucht. „Nicht umsonst hat die Agentur für Arbeit den Apothekerberuf zum siebten Mal in Folge als Engpassberuf eingestuft“, sagt die 56-Jährige, die seit 2003 die Augustinus-Apotheke in Sankt Augustin führt.

Bundesweit liegt die Zahl der Apotheken bei etwas mehr als 19.000, vor zehn Jahren waren es noch gut 2500 mehr. Der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zufolge war 2019 das schlimmste Jahr: So viele Apotheken seien in einem Jahr noch nie geschlossen worden, heißt es. 348 stellten ihre Arbeit ein. Das steht im krassen Widerspruch zu dem, was NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann am Montag im TV bei „Hart aber fair“ sagte: „In meinem Wahlbezirk gibt es mehr Apotheken als Bäckereien.“ Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL) reagierte prompt: „Laut Bäckerhandwerk gibt es bundesweit 46.000 Bäckereien (11.000 Meisterbetriebe und 35.000 Filialen). Demgegenüber gibt es bundesweit knapp 19.200 Apotheken, nämlich 14.613 Hauptapotheken und 4583 Filialen. Soviel zum Thema ‚gefühlte‘ Wahrheit.“

Region profitiert von Bonner Uni

Für Jüngel-Sandner gilt, wie es in ihrem Kammerbezirk ausschaut. „Mittelgroße Städte wie Troisdorf, Siegburg und Sankt Augustin profitieren noch von der Zuwanderung“, sagt sie. Zudem profitiere die Region davon, dass man in Bonn Pharmazie studieren könne. „Viele absolvieren ihr praktisches Jahr an einer Apotheke in Bonn oder dem Rhein-Sieg-Kreis, sind mit den Jahren hier vernetzt und lassen sich dann auch beruflich und familiär hier nieder.“

Ähnlich sehe es im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis aus, sagt Sven G. Goebel von der Löwen-Apotheke in Meckenheim. Er ist Sprecher seiner Kolleginnen und Kollegen zwischen Rheinbach und Bornheim. „In vielen ländlichen Regionen Deutschlands ist der Rückgang noch viel stärker zu beobachten als bei uns. Das hängt auch mit dem attraktiven Wohnumfeld und der Infrastruktur zusammen. Da sind wir in unserer Region doch gut aufgestellt.“

Apotheken stehen vor Generationswechsel

Dennoch fürchtet der Verband, dass die großen Schwierigkeiten noch kommen werden. Denn der demographische Wandel und die damit einhergehende wachsende Zahl älterer Menschen würden die Gesellschaft vor noch größere Herausforderungen stellen. „Der Altersdurchschnitt der Kollegen im östlichen Rhein-Sieg-Kreis liegt rechnerisch bei 52 Jahren. Daran lässt sich ermessen, wann viele Apotheken vor einem Generationenwechsel stehen – oder der Schließung“, so Jüngel-Sandner. Und dann komme ja noch hinzu, dass ältere Menschen auch mehr ärztliche beziehungsweise pharmazeutische Versorgung bräuchten.

Denn auch mit der ärztlichen Versorgung sieht es für die nahe Zukunft nicht gut aus. Kivi, der Verein zur Förderung der Gesundheit im Rhein-Sieg-Kreis, hat bereits auf die Engpässe in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum hingewiesen. Das Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte im östlichen Kreisgebiet liegt bei 55 Jahren. Auch da sei abzusehen, wann Jüngere nachrücken müssen.

Häufig kommt es zum Dominoeffekt: Schließt ein Arzt seine Praxis, macht kurze Zeit später auch die Apotheke dicht. Vor zwei Jahren gründete Kivi eine Projektgruppe, um mit allen Bürgermeistern des östlichen Kreises, Vertretern der Ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung, des Rettungswesens, des Gesundheitsamts und des Apothekerverbands zu überlegen, wie man dem entgegen steuern kann. Und dabei geht es nicht nur darum, junge Mediziner für den ländlichen Kreis zu gewinnen, sondern auch darum die Zukunft der Apotheken zu sichern.

Drohender Versorgungsmangel

„Es darf einfach nicht sein, dass die Menschen, vor allem ältere, in Zukunft erst in die nächste größere Stadt müssen, um ihre Medikamente zu bekommen“, so Jüngel-Sandner. Ihr Verband hat daher an Landrat Sebastian Schuster geschrieben und die Wichtigkeit des Kivi-Vorstoßes betont. Der Landrat möge sich doch „aktiv dafür einsetzen, dem drohenden medizinischen Versorgungsmangel im Rhein-Sieg-Kreis entgegenzuwirken“ und sich für den Projektantrag im Rahmen der Regionale 2025 stark machen. Wie berichtet, hat der Verein gemeinsam mit dem Oberbergischen Kreis bei der Regionalen 2025 Fördermittel beantragt, um eine Koordinierungsstelle zu schaffen, die für den ländlichen Raum unter jungen Medizinern werben und Anreize erarbeiten soll.

Aus Sicht der Verbandssprecherin ist Eile geboten. Denn schon jetzt haben Apotheken mit Fachkräftemangel zu kämpfen. Ihr Kollege Sven Giebel aus Meckenheim sieht auch ein Problem in der Ausbildung von Pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA). „Der Staat hat sich aus der Ausbildung immer weiter zurückgezogen. Die nächste Berufsschule ist die private Bernd-Blindow-Schule in Bad Godesberg. Und da sind Schulgebühren fällig“, so der Apotheker. Überhaupt müsste man viel mehr für den Beruf werben, sagt er. Deshalb bietet er in seiner Apotheke etwa Praktika an, auch für Schüler. Das empfiehlt er auch seinen Kolleginnen und Kollegen.

Aufgaben nehmen zu

Die Frage nach Fachkräften steige – und das hänge damit zusammen, dass die Aufgaben enorm gestiegen seien, sagt die Bezirkssprecherin. „Der bürokratische Aufwand ist immens.“ Die Rabattverträge, die die Krankenkassen mit der Pharmaindustrie abschließen, führten zu ungeheurer Mehrarbeit. Über die EDV kann die Apothekerin ablesen, wenn etwa ein verschreibungspflichtiges Medikament nicht lieferbar ist und was die Alternativen wären. Häufig müssen ihre Kolleginnen und sie Rücksprache mit dem verschreibenden Arzt halten. Manche alternativen Präparate haben unter Umständen eine leicht andere Zusammensetzung. Da muss der Arzt kontaktiert werden, ob sich das für den betreffenden Patienten verträgt.

Und dann kommt noch das vor einem Jahr EU-weit eingeführte IT-basierte Schutzsystem für verschreibungspflichtige Medikamente. „Jede Packung, die den Hersteller verlässt, bekommt einen sogenannten Data Matrix Code. Damit sollen legale Lieferketten noch besser abgesichert werden“, erklärt die Augustiner Apothekerin. Damit könne jedes Medikament direkt vor der Abgabe an den Patienten noch einmal auf Echtheit geprüft werden. Das sei zwar sicher sinnvoll, bedeute aber für die Apotheken, dass auch jede Schachtel manuell kontrolliert, verifiziert und fürs eigene Warensystem eingescannt werden müsse.