Flüchtlinge: Pallotti-Kolleg doch als Unterkunft im Gespräch

Flüchtlinge : Pallotti-Kolleg doch als Unterkunft im Gespräch

Im Sommer 2016 wird das Rheinbacher Vinzenz-Pallotti-Kolleg seine Pforten schließen. Im Gespräch ist jetzt, ob das Gebäude dann als nicht doch als provisorische Flüchtlingsunterkunft genutzt werden kann.

Heimlich zählt mancher Schüler des Vinzenz-Pallotti-Kollegs (VPK) schon die Tage: Nur noch wenige Wochen gehen ins Land, dann bricht an der Pallottistraße das letzte Schulhalbjahr der linksrheinischen Schulinstitution an. Wenn Ende Juni die Sommerferien beginnen, sind die Tage am VPK gezählt. Bereits jetzt weckt das Grundstück, auf dem sich das Schulgebäude, die Pallottikirche und die früheren, 2009 aufgegebenen Internatsgebäude befinden, Begehrlichkeiten: Nach potenziellen Investoren zur Bebauung des Areals in zentralster Rheinbacher Kernstadtlage werden die Kommune und die Gesellschaft des Katholischen Apostolates (Pallottiner) nicht lange suchen müssen. Schwung kommt jetzt in die Frage, ob Teile der bestehenden Räumlichkeiten nicht doch als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden können.

Denn die Stadt muss weitere Asylbewerber aufnehmen. "Wir bekommen rund 25 Menschen pro Woche zugewiesen, das sind 100 im Monat", berichtet Bürgermeister Stefan Raetz während der jüngsten Sitzung des Rheinbacher Rates. Der Christdemokrat nannte die Situation "deprimierend", da kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei. "Wir begrüßen noch im Dezember den 500. Gast in Rheinbach. Wir rechnen mit einer Verdreifachung bis Ende des nächsten Jahres", sagte Raetz. Dann sei spätestens die Zeit angebrochen, da alle Sport- und Mehrzweckhallen im Stadtgebiet zur Disposition stünden - auch jene, die der Rat in seiner November-Sitzung mehrheitlich ausgeschlossen hatte (der GA berichtete).

Um der Situation Herr zu werden, schlug die Verwaltung vor, auf Grundlage der untersuchten Flächenpotenziale neue städtische Flächen auf ihre Realisierbarkeit zu prüfen. An erster Stelle soll die Bebauung eines Areals an der Brahmsstraße in Augenschein genommen werden, um bis zu 100 Asylsuchende unterzubringen. Auf einem Grundstück am Schornbuschweg möchte die Stadt die Errichtung einer Zeltstadt für bis zu 250 Menschen veranlassen. Kosten für dieses Projekt: rund 950.000 Euro. "Das rettet uns auch nur zweieinhalb Monate", sagte Raetz.

Und: Die Verwaltung prüft außerdem, ob das Schulgebäude der Pallottiner ab Mitte nächsten Jahres als provisorisches Quartier genutzt werden kann. Aber: Eine Nutzung der ehemaligen Internatsgebäude II und III des VPK schloss die Verwaltung in ihrer Vorlage aus. Grund: Der Sanierungsaufwand für das häufig von Vandalismus und Brandstiftungen heimgesuchte Häuserensemble liegt nach Angaben aus dem Rathaus bei mehr als 1,5 Millionen Euro.

Zumindest Verwunderung rief diese Beschränkung bei SPD, UWG und Grünen hervor. "Wir können nicht verstehen, dass sich die CDU gegen die Nutzung des Pallotti-Internats sträubt", sagte UWG-Fraktionschef Dieter Huth. Die Gebäude seien die Chance, Schulturnhallen und andere Sporthallen auch weiterhin nicht belegen zu müssen. Huth rechnete vor: Bei rund 300 Bewohnern könne den Flüchtlingen zeitnah eine Unterkunft für einen Aufwand von 5000 Euro pro Person geboten werden, an der Brahmsstraße seien es aber 30 000 Euro pro Person. "Wer kann denn da nicht rechnen?", lautete Huths rhetorische Frage.

"Was uns belastet, ist die Geschwindigkeit der Entwicklung", meinte FDP-Fraktionschef Karsten Logemann. Sind die Menschen erst einmal räumlich untergebracht, erwartet die Kommune gleich die nächste Mammutaufgabe: die Integration dieser vielen Menschen. Dezentrale Lösungen wie bisher seien ein probates Mittel, um einem Abtauchen in Nebengesellschaften zuvorzukommen. Nicht anders sah es CDU-Fraktionschef Bernd Beißel: "Wir werden die Menschen einbinden müssen in Sprachkurse, Kitas, Schulen - und erst recht in den Beruf."

Gleichzeitig warnte Beißel eindringlich davor, von einer großen Flüchtlingsunterkunft im Herzen der Stadt zu träumen. "Was passiert, wenn 500 Flüchtlinge in den Kern der Stadt ziehen?", fragte der Christdemokrat und fügte hinzu: "Was wird aus Rheinbach, wenn wir kopflos Entwicklungspotenziale zerstören?"

SPD-Fraktionschefin Martina Koch wollte dies nicht unkommentiert im Raum stehenlassen. "Ich sehe das Problem, dass der Bürgermeister das nächste Gespräch mit den Pallottinern noch gar nicht geführt hat." Ihre Fraktion wolle die Pallotti-Option zur Unterbringung von Asylsuchenden nicht ausschließen. "Andere Ziele für dieses Areal sind angesichts der aktuellen Krise unterzuordnen", fand Jörg Meyer (UWG). "Entwicklungspotenziale zu gefährden, ist das Opfer, das wir bringen müssen."

Das einstige Pallotti-Internat sei, so Meyer, eine Möglichkeit, innerhalb weniger Monate Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu gewähren, die sonst in Zelten oder Turnhallen unterzubringen wären.

Auch SPD-Fraktionsvize Dietmar Danz sprach sich eindrücklich dagegen aus, die leer stehenden Internatsgebäude auszuschließen. "Wir stehen gar nicht vor der Wahl, irgendetwas auszuschließen", fand Grünen-Fraktionschef Joachim Schollmeyer. "Nicht vor entweder oder, sondern eher sowohl als auch." Vizebürgermeister Claus Wehage (CDU) erinnerte daran, dass die Herrichtung des maroden Internats auch "Zeit kostet und die haben wir nicht", sagte Wehage.

Raetz schlug versöhnliche Töne an: Für Mitte Dezember sei das nächste Gespräch mit den Pallottiner-Gesandten aus dem bayrischen Friedberg vorgesehen. Nach diesem Dialog könne neu beraten werden. Nur: "Wir werden zu Zwischenlösungen kommen müssen", sagte der Verwaltungschef. Einstimmig gab der Rat grünes Licht, die VPK-Internatshäuser nicht für eine Nutzung als Flüchtlingsunterkunft auszuschließen. Außerdem soll das Schulgebäude als Unterkunft geprüft werden.

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