Interview: Wenig Nahrungsangebot für Rebhühner

Interview : Wenig Nahrungsangebot für Rebhühner

Jäger sind zwar die einzigen staatlich geprüften Naturschützer, doch ohne wissenschaftliche Hilfe können sie mittlerweile ihrem Hegeauftrag nur noch schwerlich nachkommen. Wie es um die Rebhühner steht und wie ihnen geholfen werden kann, erforscht der Bonner Wissenschaftler Thomas Gehle.

Was ist der Grund für Ihre Untersuchungen an Rebhühnern in den Niederkasseler Revieren?
Thomas Gehle: Die Kreisjägerschaft Rhein-Sieg e.V. bat mich um Hilfe bei dem Wunsch, dem Rebhuhn zu helfen. Nun könnten die Untersuchungen in Niederkassel zu weiteren, wichtigen Hinweisen im Rahmen meines Gesamtprojektes führen. Wir arbeiten in der Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung seit 2008 intensiv mit Rebhühnern.

Es besteht nämlich Grund zu der Annahme, dass Rebhühner deswegen seit den 1980er Jahren so selten geblieben sind, weil sie sich entweder selbst im Wege stehen oder im Frühjahr kein ausreichendes Nahrungsangebot mehr finden. Rebhühner verpaaren sich etwa ab Februar, Hauptschlupfzeit der Küken ist der Juni.

In dieser Zeit leben die Elternvögel streng paarweise zusammen und der Hahn verteidigt ein festes Brutterritorium von etwa sechs Hektar Größe. Da jüngere Studien - etwa aus dem Raum Kassel und in Polen - zeigten, dass das Rebhuhn etwa die Hälfte des aus unserer Sicht geeigneten Lebensraumes gar nicht besiedelt, wird vermutet, dass die Küken immer wieder dahin zurückwollen, wo sie aus dem Ei geschlüpft sind. Das ist die sogenannte Nistplatzprägung.

Wie standorttreu Paarhühner in NRW sind, prüfe ich gerade. Dazu wird erfasst, wo sich die Pärchen im Frühjahr aufhalten und dann wird dieser Lebensraum kartiert.

Ist es denkbar, dass Rebhühner auf Grund der Veränderungen in der Landwirtschaft zu industrieller Produktionsweise in der Brutzeit keine oder zu wenig Nahrung finden?
Gehle: Ja. Dies ist eine Kernthese, die ich aktuell prüfe. Der größte Nahrungsmangel herrscht nicht im Winter, sondern im Frühjahr. Dies ist seit den 1960er Jahren bekannt. Und die praktischen Hilfen der Jäger vor Ort, nämlich die Gabe von Weizen, haben in verschiedenen europäischen Ländern zu einem Aufhalten des Rebhuhnsterbens geführt, in Einzelfällen den Hühnern sogar derart geholfen, dass die Feldhühner wieder so häufig wurden wie vor dem Rückgang in den 1980er Jahren - und das bei konventioneller Landwirtschaft.

Wie sieht es um die Aufzucht der Küken aus, können die mit genügend tierischem Eiweiß gefüttert werden?
Gehle: Was Rebhuhnküken brauchen, ist seit über 60 Jahren gut bekannt. Rebhühner sind zwar unter den Vegetariern Allesfresser, doch wachsen die frisch geschlüpften Küken nur dann gut, wenn sie in den ersten Wochen bodennah ausreichend Gliederfüßer wie zum Beispiel Ameisen, Käfer, Zikaden oder Blattläuse finden.

Junge Hühner stellen ihre Nahrung zwar bis zur neunten Lebenswoche fast komplett auf Pflanzen um, doch suchen auch die Altvögel im Frühjahr und Sommer nach Insekten.

Alternativ werden während der Kükenaufzucht Unkrautsamen und Getreidekörner bevorzugt, die jedoch in der ausgeräumten Feldflur Mangelware sind. Diese Not kann vom Jäger durch ein Angebot von Weizen, übrigens ihrem Lieblingsfutter, gemildert werden.

Gibt es Projekte in Europa, auf die Sie sich bei Ihren Untersuchungen stützen können?
Gehle: Ja. Denn die Ergebnisse der europäischen Rebhuhnforschung haben mich veranlasst, die beiden Schlüsselfragen, ob nämlich Nahrungsmangel oder Nistplatzprägung die Ursache der Seltenheit des Rebhuhns im Offenland sind, zu bearbeiten.

Durch den konsequenten Schutz von Randstrukturen in der Feldflur, eine angepasste Fruchtfolge, effektive Beutegreifer-Bejagung und das Angebot von Weizenkörnern konnten einzelne Reviere in Frankreich, England und Deutschland die Brutpaardichten nachhaltig enorm anheben und auch sichern.

Es wäre schön, wenn diesen Weg möglichst viele Niederwildjäger einschlagen würden. Diesen Jägern möchte ich bei ihrem Wunsch nach Fürsorge gern verlässliche Hilfen anbieten.

Wie lange werden Sie an dem Projekt arbeiten ?
Gehle: Geplant ist, die Gesamtstudie 2016 abzuschließen.

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