Chlorgas-Austritt in Niederkassel: Suche nach Ursache für den Zwischenfall bei Evonik dauert an

Chlorgas-Austritt in Niederkassel : Suche nach Ursache für den Zwischenfall bei Evonik dauert an

Nach dem Chlorgasunfall am Dienstagabend in Niederkassel-Lülsdorf ist die betroffene Teilanlage der Firma Evonik weiter außer Betrieb. "Bis die Ursache des Gasaustritts endgültig geklärt ist, bleibt die Anlage aus", sagte Evonik-Laborleiter Michael Frank dem General-Anzeiger.

Die Anlage werde von eigenen Fachleuten und einem externen Gutachter "akribisch untersucht", um herauszufinden, was den Defekt in einer Rohrleitung verursachte. Auch die Kölner Bezirksregierung als zuständige Überwachungsbehörde war vor Ort. "Ich rechne aber nicht damit, dass die Ursache noch heute gefunden wird", sagte Frank.

Um 19.10 Uhr am Dienstag hatten Mitarbeiter während Wartungsarbeiten an der zur Elektrolyse gehörenden Anlage Chlorgeruch in der Luft bemerkt. Es wurde Großalarm für den gesamten Rhein-Sieg-Kreis ausgelöst. Feuerwehrleute legten einen Wasserschleier, um zu verhindern, dass sich die Chlorgaswolke ausbreitete. Gegen 21 Uhr war der Einsatz beendet. Für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden, betonte Michael Frank gestern: "Es wurden nirgendwo Gefahrenstoffe gemessen."

Evonik-Standortleiter Gerd Wolter entschuldigte sich öffentlich für den Vorfall: "Wir bedauern diesen Vorfall außerordentlich und entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten." Wolter bedankte sich bei den Einsatzkräften "für die sehr gute Zusammenarbeit".

Eine Minute lang hatten die Sirenen die Bevölkerung im Kreis mit einem auf- und abschwellenden Heulton gewarnt. Der signalisiert, das Radio anzuschalten, Türen und Fenster zu schließen und sich möglichst drinnen aufzuhalten, wie Dietmar Klein, Leiter der Kreis-Rettungsleitstelle, bekräftigte. "Wir haben uns direkt ins Lokalradio eingeschaltet und über den Vorfall informiert", so Klein.

Ein Prozedere, das offensichtlich vielen nicht gegenwärtig war, obwohl es erst am vergangenen Samstag einen entsprechenden Probealarm gab. In Sankt Augustin-Mülldorf etwa spielten Kinder weiter auf der Straße, Anwohner arbeiteten im Garten. Die Kassiererin eines Supermarktes hatte die Sirene gar nicht erst gehört. "Ich weiß nicht, was ich nun tun muss", sagte sie und beschloss, weiterzuarbeiten, "bevor es Ärger gibt".

[kein Linktext vorhanden]Ein Feuerwehrmann aus dem Kreis meldete sich gestern beim GA und kritisierte die Einsatzleitung: "Der Informationsfluss war sehr schlecht." Als beispielsweise die Sirene in Sankt Augustin gegangen sei, hätten Bürger, die daraufhin das Radio einschalteten, die Warnung der Feuerwehr gar nicht hören können: "Stattdessen lief erst mal Musik."

Im Siegburger Seniorenzentrum hingegen lief alles nach Plan, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Die Pflegedienstleitung habe alle Stationen informiert, die Fenster und Eingangstüren seien geschlossen worden, und die Verantwortlichen hätten am Radio auf nähere Informationen gewartet - und so auch von der Entwarnung erfahren. Wer sich hingegen via Internet informieren wollte, hatte teilweise Probleme.

Die Internetseite von Radio Bonn-Rhein-Sieg etwa war zwischenzeitlich überlastet. Auf Facebook lief der Informationsfluss. Dort bemängelte manch einer, dass es keine Entwarnung über Sirenen gab. "Wir gehen davon aus, dass die Bevölkerung am Radio oder Fernseher sitzt und entwarnen daher darüber", erklärte Dietmar Klein, warum es im Kreis nicht den eine Minute währenden Entwarnungston gibt.

Die Piratenpartei forderte gestern eine schnelle Einführung des kommunalen Warn- und Informationssystems KATwarn für den Kreis. Dabei können die Einwohner sich für ihren Wohnort sowie ihren Arbeitsort registrieren lassen. Per E-Mail oder SMS werden sie dann über Voralarme, Katastrophen oder Ernstfälle informiert. Die Linke regte Verbesserungen der Katastrophenvorsorge an.

Die Info-Broschüre "Für den Notfall vorgesorgt" ist abrufbar unter www.bbk.bund.de

Die Dekon-Lagen

Es gibt im Rhein-Sieg-Kreis vier Dekontaminations-Lagen, nach denen die Rettungsleitstelle des Kreises ihre Einsatzkräfte bei Chemie-Unfällen in Alarmbereitschaft setzt. Eine D 1-Lage liegt häufig vor, etwa wenn es bei Shell in Wesseling Geruchsbelästigung gibt. Den Vorfall bei Evonik stufte Leitstellenleiter Dietmar Klein als Dekon 2 ein: "Das ist eine vorsorgliche Warnung, wenn außerhalb eines Geländes etwas festgestellt wurde." Die dritte Dekon-Stufe herrscht bei einem Großalarm, und die höchste Stufe vier liegt bei einem Katastrophenalarm vor.