Mit Akkordeon durch den Rhein-Sieg-Kreis: Die Geschichte von Johann Schneller aus Eitorf

Mit Akkordeon durch den Rhein-Sieg-Kreis : Die Geschichte von Johann Schneller aus Eitorf

Da kommt der Schäng mit der Quetsch: Die Geschichte über den wandernden Akkordeonspieler Johann Schneller aus Eitorf, der bis 1970 durchs Rechtsrheinische zog.

Dereinst zogen Bänkelsänger von Dorf zu Dorf, um die neuesten Nachrichten zu verbreiten. Das, was heute das Kerngeschäft von Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet ist, war damals vornehme Aufgabe der Wanderbarden. Als Begleitinstrument diente ihnen alles, was bequem zu tragen war. Ein letzter Vertreter dieser Gattung war im vergangenen Jahrhundert im Rhein-Sieg-Kreis bei Bonn unterwegs.

„Der Schäng“, wie er gemeinhin genannt wurde, zog Zeit seines Lebens mit seinem Akkordeon über Land, machte mal hier halt, mal dort. Alles nach einem strengen Plan, der sich jeden Monat aufs Neue wiederholte. Seine Route führte ihn über Land durch Eitorf, Hennef, Lohmar, Siegburg, Neunkirchen-Seelscheid, Much, Ruppichteroth und Windeck.

Mit bürgerlichem Namen hieß der dort allseits bekannte Straßenmusiker Johann Schneller. Beinahe sein einziges Hab und Gut war sein Instrument, das in einem Landstrich, wo der Name Johann zum „Schäng“ (übernommen vom französischen „Jean“) gekaut wird, einfach nur „Quetsch“ heißt. Schängs Rufname variierte, je nachdem, wo er aufspielte mit seinem Akkordeon. Während er in Eitorf „d'r schnelle Schäng“ genannt wurde, hieß er in Ruppichteroth und Windeck „Schängela“. Beides eine verballhornende Kombination aus Vor- und Nachname.

Schon als Junge spielte er Lieder aus dem Radio nach

Schäng wurde 1911 in Eitorf-Hombach geboren. Er kam damals deutlich zu früh. Und seine Mutter starb bei der komplizierten Geburt. Wahrscheinlich war dies nicht der ideale Start ins Leben. Der Junge wuchs mit Bruder und Schwester beim wiederverheirateten Vater auf. Man erzählt sich, der Schäng habe sich schon früh für Musik interessiert. Er spielte auf seinem kleinen Knopfakkordeon die Lieder aus dem Radio nach. Woher das Instrument stammte, ist nicht überliefert. Jedenfalls ging er nur unregelmäßig zur Schule.

Nach der Schulzeit, wohl noch als Jugendlicher, hat er damit angefangen, seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker zu bestreiten. Er zog über die Dörfer von Haus zu Haus und spielte Volkslieder, Schlager und Kirchenlieder. Dabei hatte er offenbar ein ausgesprochenes Gespür dafür, was sein Publikum von ihm erwartete. In der damals streng katholisch geprägten Region spielte er beispielsweise für Angehörige sehr gläubiger Haushalte andächtig Marienlieder. Er stand da mit Kappe auf dem Kopf und Stock über dem rechten Arm und intonierte sein Repertoire.

Sein erstes Akkordeon ist ihm wohl im Zweiten Weltkrieg gestohlen worden. Und weil es sein Ein und Alles war, wurde die Gemeinde tätig und beschaffte ihm einen adäquaten Ersatz. Wo er spielte, steckten ihm die Bauern Lebensmittel zu und boten Kuchen und Brot an. An manchen Orten durfte er auch im Stall übernachten und zog am nächsten Morgen nach dem Frühstück weiter.

Schäng führte ein Nomadenleben, allerdings in vielerlei Hinsicht streng strukturiert. Montagsmorgens verließ er das Haus in Hombach und kam erst Freitag oder Samstag zurück. Das Wochenende war dann reserviert für den Besuch seiner Familie und den sonntäglichen Kirchgang. Er galt in der Pfarrgemeinde als einer der begeistertsten Sänger, was man wohl auch hören konnte. Wenn Prozessionen stattfanden oder Kirmes war, dann kam auch der Schäng, war mit seinem Akkordeon zur Stelle und begleitete die Gesänge.

Für solche Ereignisse wich er auch schon mal von seinem Tourenplan ab. Bei seinen Rundreisen hatte er ganz bestimmte Anlaufpunkte, von denen er wusste, was er wo zu erwarten hatte. Auch wenn er nach heutigen Maßstäben ein ärmliches Leben führte und vielleicht in seinen Möglichkeiten eingeschränkt war, so war er doch völlig selbstständig und bei der Wahl seiner Auftrittsorte durchaus wählerisch. Wenn sein Vortrag nicht auf den erhofften Anklang stieß oder er sich dumme Sprüche anhören musste, dann „berücksichtigte“ er das Haus im nächsten Monat nicht mehr.

Auch im Alter ließ ihn der Wandertrieb nicht ruhen

Es gab auch Gegenden, die er grundsätzlich mied. Wohnhäuser von Lehrern oder Schulhäuser standen nicht auf seinem Tourneeplan. Bei seinen Hausbesuchen brachte er den Leuten passgenau ein Ständchen. Und man kann sich vorstellen, dass es ein Ereignis war, wenn Schäng einmal im Monat auf einen Bauernhof kam und für Abwechslung sorgte. Eines seiner Lieblingslieder war „Maria zu lieben“, an dessen Vortrag sich Zeitzeugen noch heute erinnern. Vor weniger frommen Haushalten spielte er gerne das passende Gegenstück: „Maria aus Bahia“. Und er genoss es, den Text ausschweifend zu instrumentieren.

Zu den Namenstagen trug er gerne das Lied des jeweiligen Namenspatrons vor. Und natürlich umfasste sein Repertoire auch jahreszeitliche Lieder wie „Der Mai ist gekommen“ oder Karnevalsschlager wie „Wer soll das bezahlen?“ Schäng spielte auch in Geschäften, Betrieben und Kneipen. Und er erwartete eine angemessene Entlohnung. Sein Selbstverständnis war, dass er Berufsmusiker sei. Dabei war er immer sehr ambitioniert.

Und wenn es hin und wieder mal nicht ganz reichte, ein Ton schief kam oder ganz fehlte, dann verziehen ihm die Zuhörer das ohne Weiteres. Es wird erzählt, dass er Texthänger mit dem Akkordeon überspielte und Melodielücken seiner Quetsch durch entsprechende Gesangspassagen ergänzte. Nicht immer erinnerte er sich an den kompletten Text oder alle Noten eines Stückes.

„Oft vernahm der Zuhörer nur eine der beiden Stimmen oder ein unverständliches Gemurmel, aber man hatte immer den Eindruck, dass Schäng sich bemühte und Spaß an seiner Musik hatte. Niemand konnte wirklich sagen, wo Schäng das Akkordeonspiel gelernt hatte und ob er es überhaupt gelernt hatte“, erinnert sich Heimatforscher Wolfgang Eilmes, der viele Dokumente über den Wandermusiker gesichert hat.

Solange Schäng singen und spielen konnte und mit seinem Akkordeon die Menschen unterhielt, war er ein zufriedener Mensch. Das änderte sich schlagartig, als er sein Wanderleben krankheitsbedingt 1970 im Alter von 59 Jahren aufgeben musste. Er verbrachte die letzten 20 Jahre seines Lebens in Heimen in Sankt Augustin und Bad Honnef. Aber so ganz ließ ihn der Wandertrieb nicht ruhen. Immer wieder einmal zog er los, um wie früher in seiner Heimat die vertrauten Stationen anzulaufen und die Menschen musikalisch zu beglücken. Das geschah manchmal in Begleitung von Verwandten oder Betreuern, manchmal machte er sich aber auch heimlich aus dem Staub und wurde erst nach Tagen wieder aufgegriffen. Am 9. Februar 1990 starb Schäng im Alter von 79 Jahren. Er wurde in seiner Heimat Eitorf beigesetzt.

Der dortige Männer-Gesang-Verein hat zu seinem Jubiläum im Jahr 1998 eine Schäng gewidmete Strophe in ihr Heimatlied aufgenommen, in der es heißt: „Und spielt der Schängela op der Quetsch, dann macht es doppelt Spaß“.

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