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Corona-Krise im Rhein-Sieg-Kreis: Gastronomen setzen auf Lieferdienste

So kämpfen Handel und Gastro mit der Corona-Krise : „Wie soll es uns schon gehen?“

Die Maßnahmen, um Covid-19 einzudämmen schreiten voran: Seit Mittwoch müssen auf Anweisung des Landes noch mehr Geschäfte als zuvor schließen. Wer noch öffnen darf, muss sich teils an strenge Vorgaben halten. Wie gehen Einzelhändler und Gastronomen damit um?

An der Königstraße in Bornheim fallen viele Geschäfte durch Schilder oder Tafeln am Eingang auf. „Aufgrund der aktuellen Situation bleibt die Kaiserhalle vorübergehend geschlossen“, steht mit Kreide auf der Tafel an der Fassade des bekannten Brauhauses geschrieben. „Bitte erschrecken Sie nicht, wenn unsere Damen Sie mit Mundschutz bedienen“, heißt es auf einem Schild vor der Bäckerei Landsberg. Und am Fenster der Volksbank weist ein Zettel die Kunden auf gängige Hygienemaßnahmen hin. Hände waschen, in die Armbeuge niesen, das Gesicht nicht berühren. Der Frisör hat noch offen, ein Bekleidungsgeschäft hingegen nicht. Einige machen aus der Not eine Tugend – wenn die Kunden nicht in den Laden kommen, kommt der Laden zu den Kunden – und liefert seine Produkte, darunter der Spezialitätenladen „Genussvoll Leben“.

Am Herrenwingert im Zentrum von Alfter sind ebenfalls Geschäfte von der angeordneten Schließung betroffen, darunter Gabis Fotowelt. Gleichwohl ist Gabriele Haag, Inhaberin des Geschäfts mit Kamerazubehör, Deko, Schmuck und Möglichkeiten zum Drucken, am Mittwoch in ihrem Laden. Immerhin bekomme sie online noch einige Aufträge, Dokumente zu drucken. Das seien gerade vor allem Eltern: Deren Kinder brauchen die Arbeitsblätter, die sie wegen des ausfallenden Unterrichts auf elektronischem Weg erhalten haben. Das bringe aber höchstens ein paar Euro. Haag tue das vor allem, um den Menschen zu helfen. „Es gibt viele Haushalte, die keinen Drucker mehr haben“, sagt sie.

Auf der Bäckerei Landsberg an der Königstraße in Bornheim steht auch Desinfektionsmittel für die Kunden. Foto: Matthias Kehrein

„Die Kollegen sind alle schockiert“, sagt Haag, die auch Vorsitzende des Alfterer Gewerbevereins ist, zur Gesamtsituation. Der Publikumsverkehr habe in den vergangenen Tagen kontinuierlich abgenommen, dann kam die Anordnung des Landes, die Geschäfte komplett zu schließen. „Die Lage ist absolut existenzbedrohend.“ Kredite, die Einzelhändler auf Anweisung des Bundesfinanzministeriums bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beantragen können, sind laut Haag noch nicht verfügbar. Abwarten sei aktuell daher das Motto. „Die Miete für den Laden ist bald fällig, zahlen kann ich sie wahrscheinlich nicht.“ Ihr Vermieter habe auf diese Nachricht immerhin mit Verständnis reagiert.

Bei anderen liegen die Nerven offensichtlich blank: Auf die E-Mail-Anfrage des GA an eine Gaststätte antwortet eine Frau telefonisch. Sie will sich nicht vorstellen, reagiert aber mit Verdruss. „Wie soll es uns schon gehen, wenn die Existenzgrundlage bedroht ist?“, klagt sie. Es sei eine Frechheit, diese Frage überhaupt zu stellen.

Entspannter gibt sich Christopher Nolden, Inhaber des Restaurants „Die Küche“ in Rheinbach. Er spricht davon, dass sein Restaurant sich momentan auf ein „sehr, sehr gutes“ Mittagsgeschäft stütze. Ein Drittel der Kundschaft, die es sonst gebe, komme nach wie vor. Lange hätten er und sein Team wegen des Coronavirus „wenig Stress“ gehabt. Zum ersten Mal bemerkbar gemacht hätten sich die Folgen am vergangenen Freitag. „Samstag war das Restaurant aber schon wieder voll“, berichtet er.

Nichtsdestotrotz hat Nolden für seine Mitarbeiter Kurzarbeit angeordnet. Inzwischen muss er sein Restaurant schon um 15 Uhr schließen. Auf einen Lieferdienst verzichtet er. Der würde bei der „gehobenen Küche“ nicht angenommen, ist er überzeugt. Auch von einem Kollegen habe er gehört, dass sich das Liefern nicht lohne. Die Kurzarbeit funktioniere unkompliziert, die Regierung nehme ihm viel Last ab.

Sorgt für Abstand: Christopher Nolden lässt in seinem Restaurants „Die Küche“ in Rheinbach jeweils ein über den anderen Tisch frei. Foto: Matthias Kehrein

Dass er den Restaurantbetrieb so lange wie möglich am Laufen halten will, hängt mit Anspruch auf eine etwaige Entschädigung zusammen. Eine Auszahlung bei einer freiwilligen Schließung sei nicht möglich, habe ihm ein Vertreter des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands mitgeteilt.

Die Geschäfte im Eiscafé, das Nolden zusätzlich betreibt, liefen auch noch sehr gut. Inzwischen gebe es das Eis allerdings nur noch zum Mitnehmen. Und auch dort sei um 15 Uhr Schluss. Denn laut Gesetz handele es sich beim Eiscafé wie beim Restaurant um eine Speisegaststätte.

Rheinbachs Gewerbevereinsvorsitzender Oliver Wolf verweist in einem Schreiben auf eine ungewisse Zukunft, die nicht nur der Gastronomie, sondern auch dem Einzelhandel und vielen anderen Wirtschaftszweigen in der Stadt bevorstünde. Er appelliert an die Bürger, während der Zeit des „Shutdowns“ nicht im Internet zu kaufen. Der Rheinbacher Einzelhandel brauche die Bürger und ihre Kaufkraft, um „nach der Auszeit finanziell überleben zu können“. Die Händler schließen ihre Geschäfte laut Wolf  zum Wohle der Rheinbacher. „Ich bitte Sie zur Existenzsicherung des Einzelhandels, diese Wertschätzung nach dem Shutdown zurückzugeben.“

„Liebe Gäste“: Vorübergehend geschlossen ist die Kaiserhalle in Bornheim. Foto: Matthias Kehrein

Bierstube, Restaurant und Biergarten – Seit 27 Jahren betreiben Otto und Andrea Stangl Zum Fässchen im ältesten Gasthaus Meckenheims. „So eine Situation gab es für uns noch nie“, sagt Andrea Stangl. Die Corona-Krise zwinge die Gastronomen in die Knie. Die Gäste blieben aus, das Restaurant erlebt einen riesigen Einbruch. „Statt 40 Mittagessen serviere ich zehn.“ Im Normalfall arbeiten drei Festangestellte, das Ehepaar Stangl und zehn Aushilfen im Betrieb. Das mussten die Gastronomen jedoch runterfahren. „Wir müssen derzeit ohne unsere Aushilfen auskommen“, sagt Stangl. Stattdessen helfen zwei der drei Söhne aus.

Stangls wollen den Betrieb offen lassen, solange es geht. Die laufenden Kosten müssen weiterhin gedeckt werden. Genau darum gehe es auch in den kommenden Wochen: Kosten decken – das wäre für Stangls bereits ein Erfolg. Um diesen Erfolg zu erzielen, bieten sie seit Dienstag einen Lieferservice an. Den Ruhetag habe das Lokal ebenfalls gestrichen. „Unsere Existenz hängt vom Erfolg des Lieferservices ab“, sagt Stangl.

Nur unter Auflagen darf die Stadtbücherei in Bornheim öffnen. Foto: Matthias Kehrein

Auch die Zukunft von Engin Polats Lokal hängt nun von einem Lieferservice ab. Er betreibt das Krümmels in Meckenheim, ein Restaurant, das viel von Vereinen genutzt wird. „Die Stammtische wurden alle abgesagt“, sagt Polat. In der Regel bedient er 30 bis 40 Gäste täglich, in den vergangenen Tagen kamen nur drei bis vier. „Wenn das so weitergeht, können wir in zwei Monaten dicht machen“, sagt er. In den kommenden Tagen will der Familienbetrieb damit beginnen, einen Lieferservice aufzubauen. „Wir müssen versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“

Aber nicht allen Meckenheimer Gastronomen steht das Wasser bis zum Hals. Der Obsthof Cremerius betreibt neben dem Café Landlust einen Hofladen. Dieser zählt als Grundversorger und darf somit geöffnet bleiben. Um die ältere Kundschaft auch weiterhin versorgen zu können, bietet auch der Obsthof künftig einen Liefer- und Bestellservice an. Das können nicht alle.

Donata Campo arbeitet im Eiscafé Garde am Neuen Markt in Meckenheim. Ein Lieferservice komme für die Eisdiele aber nicht in Frage. „Die Situation ist katastrophal“, sagt Campo. „Durch die Winterpause sind wir sowieso im Minus. Jetzt können wir nur abwarten und hoffen.“ Wie sie die Kosten weiterhin decken soll, wisse sie nicht. Kurzarbeitergeld habe sie schon beantragt.