Bürgermeisterin in Windeck: Alexandra Gauß ist voller Tatendrang

Bürgermeisterin in Windeck : Alexandra Gauß ist voller Tatendrang

Die 40-Jährige ist die erste direkt gewählte grüne Bürgermeisterin in NRW. Als Kandidatin von CDU, Grünen und FDP war ihr mit knapp 54 Prozent der Stimmen im November praktisch ein Durchmarsch gelungen.

Das Bürgermeisterzimmer sieht nach Arbeit aus. Repräsentabel ist anders. An den Wänden hängen eine Karte von der Flächengemeinde und eine Pinnwand, an der Magnete einen Plan und ein Foto vom Tollitätenempfang festhalten. Ein großer Bildschirm, ein Besprechungstisch mit Stühlen und ihr großer Arbeitstisch. Nichts Persönliches. Alexandra Gauß ist zum Arbeiten hier. Das erste, was sie sich nach ihrer Wahl im November zur Bürgermeisterin für ihr Büro angeschafft habe, sei eine neue Tastatur und ein Bildschirm für den Computer gewesen, sagt sie. Das war's.

Als Kandidatin von CDU, Grünen und FDP war der 40-jährigen grünen Politikerin im vergangenen November praktisch ein Durchmarsch gelungen – mit knapp 54 Prozent der Stimmen. Sie ist damit die erste direkt gewählte grüne Bürgermeisterin in Nordrhein-Westfalen. Was bringt eine gut ausgebildete Frau mit einem guten Posten im Düsseldorfer Finanzministerium dazu, den sicheren Beamtenstatus aufzugeben und mit dem Schreibtisch von der Landeshauptstadt ins ländliche Rathaus zu ziehen?

Das Wort „Verantwortung“ geht ihr nicht über die Lippen. Stattdessen erzählt sie von der großartigen Gemeinschaft in Windeck, den offenbar sehr gesunden sozialen Strukturen, der teilweise noch unberührten Natur – und den vielen Aufgaben, denen sich die Gemeinde für die Zukunft stellen muss. Aber sie sagt auch: „Windeck hat kein Mitleid verdient. Dafür leben hier viel zu tolle Menschen.“

Gauß ist entschlossen, etwas zu tun. Als Jugendliche war sie mal in der Jungen Union. Aus Opposition, wie sie sagt. Seit 2010 ist Gauß Mitglied bei den Grünen, „weil zwischen Klimaschutz und Wirtschaft kein ,oder‘ gehört.“ Ihr Engagement habe auch viel mit ihren Kindern zu tun, sagt sie. „Ich sehe, dass die freiheitliche und proeuropäische Demokratie in Gefahr ist, dass wir uns mit dem Klimawandel und der mangelnden Flexibilität und Anpassungsfähigkeit auf eine Krise zubewegen. Da habe ich mir eines Tages gesagt, du musst raus aus deiner Komfortzone und etwas bewegen.“

Gauß ist in Windeck aufgewachsen, im „Randbereich“, wie sie meint, wenige hundert Meter vor der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz. Die Kindheit muss wunderschön gewesen sein. „In unserer Ortschaft waren wir ein Dutzend Kinder und immer draußen.“ Mit einem Taschenmesser in der Hosentasche streiften die Kinder durch Äcker und Wälder und bauten sich Hütten. „Das war die absolute Freiheit“, sagt sie. „Und die sollen meine Kinder auch erleben.“ Zur Ausbildung und zum Studium verließ sie Windeck. Als der Sohn ein halbes Jahr alt war, kehrte sie „voller Überzeugung“ wieder zurück. Das ist jetzt etwa acht Jahre her. Ihre Tochter wurde vor sechs Jahren, wie sie selbst auch, in Köln geboren.

Schnell engagierte sich Gauß bei den Grünen, zunächst im Windecker Ortsverein, dann auf Kreisebene, kommt auf Platz eins bei den Kommunalwahlen. Das alles klingt nach Kämpferin. „Ich habe keine politische Karriere geplant, wenn Sie das meinen“, sagt sie. „In meinem Studium der Verhaltensökonomie habe ich erfahren, dass Frauen in der Regel systematisch Wettbewerbe vermeiden. Da habe ich mir vorgenommen, mich dem zu stellen. Das ist alles.“

„Wir haben hier noch wilde Natur und eine tolle Gemeinschaft“, schwärmt sie. „Ich will, dass meine Kinder genauso autark aufwachsen wie ich.“ Als Jugendliche habe sie nichts vermisst. Und Köln sei über die Schiene ja gut erreichbar. Jede Stunde fahren jeweils die S 12, die S 19 und der RE 9. In 40 bis 50 Minuten ist man am Dom. „Je nachdem, wo Sie in Köln wohnen, brauchen Sie auch so lange bis in die Innenstadt.“

Und doch: Seit 1979 ist Windeck von rund 21 000 auf heute 19 000 Menschen geschrumpft. Tendenz weiter sinkend. Gauß sieht das so nicht. „Wir haben Potenzial, und wir werden den Strukturwandel schaffen“, sagt sie bestimmt. „Aber wir brauchen Hilfe.“ Und da sieht sie vor allem den Bund in der Pflicht, der immer mehr Aufgaben nach unten weiterreiche. Die Kassenkredite der Gemeinde, so etwas wie der Dispo der Kommune, lägen bereits bei 41 Millionen Euro. „Wir brauchen einen Altschuldenfonds.“ „Diese Gegend hat einen Strukturwandel durchlebt, der dem im Ruhrpott ähnlich ist – nur ist das den Wenigsten bekannt“, sagt sie. Flächengemeinden wie Windeck bräuchten im Prinzip Hilfsmaßnahmen, wie sie für das Ruhrgebiet bereitstanden. „Wir hatten einen enormen Niedergang bei der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu verkraften. Zu meiner Kindheit haben fünf Familien in meinem Dorf von der Landwirtschaft gelebt, heute ist davon kein einziger Vollversorger mehr übrig. Das hat in allen Dörfern so stattgefunden.“

„Windeck sorgt mit seiner Natur für Entschleunigung“, wirbt Gauß, die im Wahlkampf noch angemahnt hatte, man müsse mehr für das Image von Windeck tun. „Hier habe ich meine Familie und meine Freunde, den Hund, die Obstbäume und die Bienen“, sagt die Hobbyimkerin. Und den alten Trecker vom Opa hat sie auch, mit dem sie durch die „Büsch“ fährt. Ihren Lieblingsplatz verrät sie indes nicht.

Macht ihr die Arbeit als Bürgermeisterin Spaß? „Es ist eine sinnhafte Arbeit“, antwortet sie. Aufgeregt sei sie eigentlich nur noch vor einer Sache: Im September wird sie Prinzessin Sabrina I. (Rohm) und Bauer Daniel I. (Mindel) vom derzeit noch amtierenden Windecker Dreigestirn trauen. Deshalb hängt das Bild auch noch an der Wand. „Dafür habe ich eigens den Standesamtschein gemacht.“ Spaß gibt’s also doch.