GA-Serie "Mobil in der Region": Mit Hightech gegen den Stau

GA-Serie "Mobil in der Region" : Mit Hightech gegen den Stau

Die Stadt Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis setzen Bluetooth ein, damit sich Autofahrer über die Verkehrslage informieren können. Heutzutage lässt sich jedes Handy orten, was Dienste wie Google nutzt.

Die Stadt Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis setzen Bluetooth ein, damit sich Autofahrer über die Verkehrslage informieren können. Heutzutage lässt sich jedes Handy orten, was Dienste wie Google nutzen.

Verkehrszählungen waren bis in die 80er Jahre ein ruhiger Job. Auch wenn er ein schnelles Reaktionsvermögen verlangte. Da saßen Leute auf Klappstühlen an der Ampel und klickten für jedes Auto auf einen Zähler. Kein Arbeitsplatz mit Zukunft. Heute hat auch auf den Straßen die Technik das Zepter übernommen. Infrarot, Bluetooth oder GPS heißen die Steuerungs- und Messelemente, die Autofahrer, aber Fahrgäste im Nahverkehr meist schneller von A nach B kommen lassen. Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis setzen etwa auf Handytechnik, um auf einer Karte die Belastung auf Straßen anzuzeigen.

In Bonn verzichtet man allerdings auf eine Verkehrslenkung, sagt Tiefbauamtsleiter Peter Esch. „Das ist außerhalb der Spitzenzeiten auch nicht nötig.“ Was allerdings schon funktioniert und im Berufsverkehr bis auf die letzte Sekunde ausgenutzt wird, ist die verkehrsabhängige Schaltung. „Mehr Grün auf der Reuterstraße geht irgendwann nicht mehr“, sagt Esch zu morgens und abends, wenn alle zur Arbeit oder nach Hause rauschen. Denn irgendwann wollen auch mal die Wartenden auf den Querstraßen losfahren.

Dabei bereiten derzeit die Schaltzeiten der Ampeln Eschs Team Sorgen. Das liegt an der Novelle der Straßenverkehrsordnung, wonach Radfahrer vermehrt auf die Straße geleitet werden. Da sie langsamer als Autos sind, muss die Schutzzeit – also die Zeit zwischen Grün-Ende und Grün-Beginn bei aufeinandertreffenden Straßen – verlängert werden. Da reicht es laut Esch nicht, Software umzuprogrammieren. An jeder Ampel muss etwas umgestellt werden. „Das bindet so viele Kräfte, dass für Innovatives die Zeit fehlt.“

Doch die Erfindungen der 90er Jahre tun heute noch gute Dienste. Induktions- und Koppelspulen geben Straßen- und Stadtbahnen an Ampeln Vorfahrt. Eine Mischung aus Infrarot und Funk teilen den Bussen vorrangig Grün zu. Dafür sind vorne unter dem Dach zwei Linsen angebracht, die an den Ampeln mit Kästchen kommunizieren. Das alte System gilt heute als fehlerträchtig. Doch Neues würde, wie schon damals, wieder richtig viel Geld kosten. Trotzdem: Bonn tut einiges, damit Busse und Bahnen gut rollen.

Induktionsschleifen, das in Duisdorf gescheiterte City Traffic, Verkehrsmessung über Gummimatten und Kameras sind einige der lange existierenden Systeme. Bonn und an seinen Grenzen der Kreis setzen nun auf Bluetooth. Doch Umleitungen bei Stau werden in der Stadt nicht ausgeschildert, weil sich Ortskundige sowieso ihren Weg selbst suchen. So lohnt sich vor dem Losfahren der Blick auf www.bonn.de/@aktuelle-verkehrslage. Da sieht man seit 2014 sofort, wo es auf den Hauptstraßen klemmt. Das funktioniert völlig anonym, und zwar so: Eingeschaltetes Bluetooth etwa bei Mobiltelefonen wird von einem der 15 Sensoren erfasst. An anderer Stelle noch einmal, so dass nach einer gewissen Anzahl Autos deren Reisezeit bekannt ist. So zeigt sich, ob der Verkehr fließt oder nicht.

Michael Schreckenberg nennt als Nachteil die geringe Reichweite von Bluetooth. So sei Stand der Dinge nun die Ortung über Satellit per GPS im Smartphone, sagt der Professor für Physik, Transport und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen. Mittlerweile lasse sich im Prinzip jedes Navi und auch Handy orten. Dabei gehen die Satkoordinaten laut Schreckenberg automatisch an den Mobilfunkanbieter, was zwar in den Nutzungsbedingungen steht, die meisten Kunden aber ohne zu lesen akzeptieren. Autovermieter nutzen das, um zu sehen, ob Kunden – anders als abgemacht – mit einem Wagen ins Ausland gefahren sind. Aber auch wer ein Auto kauft, „unterschreibt, dass er ständig geortet wird“, so der Verkehrsexperte. Auf die Art werde auch die LKW-Maut erfasst. Die Brücken für 600 Millionen Euro auf den Autobahnen dienten nur der Kontrolle. „Die können Sie abbauen.“

Mit GPS-Daten arbeitet auch das kostenlose Google Maps – laut Schreckenberg kein schlechtes System. Wobei aber niemand genau wisse, woher genau die Amerikaner die Daten beziehen. Der Verkehrsfunk werde neben Polizeimeldungen heute von ADAC-Kunden gefüttert: Wer sein Handy beim Automobilclub bestellt habe, liefere seine Position fürs Radio oder auch die umgestaltete Seite verkehr.nrw.de.

Doch wem gehören die Daten? Die hitzige Diskussion darüber komme erst noch, sagt Schreckenberg. Nämlich wenn 2018 „eCall“ eingeführt wird. Sobald der Airbag auslöst, geht ein Notruf mit Ortung an 112 raus. „Die Datenkrake will ich nicht“, sagt da Esch und schwört weiter auf Bluetooth. Doch wenn ein Unfall auf der Stadtautobahn passiert, nutzt das alles nichts mehr. Jeder Bonner weiß: Dann ist auf fast allen Straßen Stillstand.

Was sind die nervigsten Ampeln in Bonn und der Region? Schreiben Sie uns: dialog@ga-bonn.de

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