Stefan Gärtner liest aus seinem Roman "Putins Weiber": "Eine Pointe ist fast immer Handwerk"

Stefan Gärtner liest aus seinem Roman "Putins Weiber" : "Eine Pointe ist fast immer Handwerk"

Auf dem falschen Dampfer ist, wer bei Titanic nur an schmachtvolle Céline-Dion-Lieder und einen aufwendigen Katastrophenstreifen denkt. Beim Satiremagazin gleichen Namens war Stefan Gärtner zehn Jahre Redakteur und unter anderem verantwortlich für die beliebte Rubrik "Briefe an die Leser". Nach einem "erotisch-historischen Schelminnenroman" über Angela Merkel hat der 41-Jährige nun mit "Putins Weiber" sein Debüt als Literat vorgelegt. Mit Gärtner, der am Donnerstag, 21. Mai, 19.30 Uhr, in der Rheinbacher Hochschul- und Kreisbibliothek "Zu Gast auf dem Sofa" ist, sprach, via E-Mail-Interview, Mario Quadt.

Sie schlugen vor, unser Interview per E-Mail anstatt am Telefon abzuhalten. Warum dies?

Stefan Gärtner: Weil Schlagfertigkeit immer das ist, was einem später einfällt. Ich hoffe schlicht, dass ich schriftlich die entscheidenden Minuten gewinne...

Die Sprache Ihres Buches ist zum Dahinknien. Bei Ihnen dürfen Sätze auch mal verschachtelt sein, anstatt ausschließlich kurz und knackig sein zu müssen. Täuscht der Eindruck, dass "Putins Weiber" kein Buch zum flotten Runterlesen ist?

Gärtner: Das freut mich. Idealerweise geht freilich beides: die muntere Lektüre und die Freude über den Satz, der sich Zeit lässt. Ein geschätzter Kollege von mir hat das Buch (nach eigener Aussage) jedenfalls runtergelesen, und er sagt, er lese eigentlich langsam: Das war ein schönes Kompliment. Vielleicht sollten wir sagen: "Putins Weiber", der Pageturner für Freunde und Freundinnen des gepflegten Schachtelsatzes.

Wir begegnen im Buch Menschen, die Rachmaninow für einen Hustensaft halten. Wo entstehen solche Pointen: beim Lauschen im Café, im Supermarkt oder an Ihrem Schreibtisch?

Gärtner: Ich war ja über zehn schöne Jahre lang Titanic-Redakteur und möchte hoffen, vom Pointenmachen jetzt ein wenig zu verstehen. Eine Pointe ist fast immer Handwerk, und Handwerk ist fast immer Schreibtisch, und gutes Handwerk ist es, wenn es nicht nach Schreibtisch klingt... Dass das Leben, statt bloß die Vorlagen, frei Haus die besten Witze liefere, ist derselbe Irrtum wie die Rede von der "Realsatire". Es gilt nämlich Schillers Wort: Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.

Warum haben Sie ihrer Hauptfigur Waldemar den Spitznamen Putin verpasst, dessen Namensvorbild doch für seine "Politik der harten Hand" bekannt ist?

Gärtner: Der Name war plötzlich da, genauer: der Romantitel. Der war vor fast allem anderen da. Es klang, fand ich, überzeugend und freilich auch so, dass im Buchhandel die Leute vielleicht erst mal hinlangen, ah, Putins Weiber! Das hat Eckhard Henscheids Großroman "Die Mätresse des Bischofs" ähnlich gehalten, da kommt nämlich auch keine Mätresse vor, ja nicht einmal ein Bischof.

Der fiktionale Putin ist die personifizierte Unschlüssigkeit. Darf man autobiografische Züge unterstellen?

Gärtner: Darf man; man sollte die Bedeutung einer solchen Grundierung aber nicht überschätzen. Es ist irritierend, weil eigentlich literaturfern, dass die Leute das immer besonders interessiert, dabei geht es doch bei Literatur eher um die Frage: Was hat das mit mir zu tun? Was das eventuell mit dem Autor zu tun hat, darf dann auch interessieren, aber erst in zweiter oder dritter Reihe.

Sie waren zehn Jahre Titanic-Redakteur und neben Ihren Essays lieben Sie die Leser besonders für "Briefe an die Leser". Gibt's einen Brief, den Sie besonders lieben?

Gärtner: Ja: "Fidel! Durchhalten! Titanic". Ich bin aber 2009 aus der Redaktion ausgeschieden, die "Briefe an die Leser" redigiert mein Nachfolger. Lieben darf man sie natürlich weiterhin.

Wir leben in Zeiten, in denen wir um Satiriker trauern, die von Terroristen erschossen werden. Kalaschnikows versus Zeichenstifte - ist das nicht ein ungleiches Duell?

Gärtner: Es ist ja keins. Jeden Tag entstehen auf der Welt vermutlich 10 000 Karikaturen und 100 000 Witze, und so schlimm jede Bluttat in dem Zusammenhang ist: Man kann nicht im Ernst behaupten, dass die Presse- und Kunstfreiheit davon im Ganzen bedroht wäre. Es gibt diese Freiheit, oder es gibt sie eher nicht, das hat aber andere Gründe.

Ihr Buch ist seit 24. April auf dem Markt. Steht schon fest, wer das Hörbuch spricht? Christoph Maria Herbst? Wladimir Kaminer?

Gärtner: Passend wäre natürlich Wladimir Putin, er spricht ja besser deutsch als Angela Merkel.

Ich las, dass im Herbst 2016 bereits der nächste Roman erscheinen soll. Gibt es Anzeichen von Abgabestress?

Gärtner: Wenn, wäre es nach meinem erotischen Historienroman "Angéla - Lehrjahre einer Liebeshungrigen" der dritte. Aber lassen wir's fürs erste beim Wenn; nicht dass es nachher in Abgabestress ausartet!

Karten gibt es für acht, ermäßigt vier Euro in der Rheinbacher Buchhandlung Kayser sowie den Hochschul- und Kreisbibliotheken in Rheinbach, Von-Liebig-Straße 20, und Sankt Augustin, Grantham-Allee 20.

Für die Lesung verlost der GA dreimal zwei Karten. Rufen Sie uns unter 0 13 79/88 68 11 an oder senden eine SMS mit dem Kennwort GAB3 an die Kurzwahl 1111 - beides für je 50 Cent pro Anruf aus dem Festnetz, abweichend aus dem Mobilfunknetz sind möglich. Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse an. Teilnahmeende ist morgen, 15. Mai, 24 Uhr.

Das Buch "Putins Weiber" ist bei Rowohlt erschienen und kostet 19,95 Euro.

Zur Person

Stefan Gärtner (41) studierte nach eigenem Bekunden "Geisteswissenschaftliches" in Mainz und New York und beendete sein Studium mit einer Arbeit über den Satiriker Eckhard Henscheid. Von 1999 bis 2009 war er Redakteur der Satirezeitschrift Titanic und unter anderem verantwortlich für die beliebte Rubrik "Briefe an die Leser". Noch heute schreibt er regelmäßig für Titanic - insbesondere politische Essays.

Vor "Putins Weiber" (2015) erschienen seine Bücher "Man schreibt deutsch. Hausputz für genervte Leser" (2006), "Guido außer Rand und Band" (2010), "Deutschlandmeise. Streifzüge durch ein wahnsinniges Land" (2012), "Angéla - Lehrjahre einer Liebeshungrigen" (2013) und "Benehmt euch! Ein Pamphlet" (2013).

Mehr von GA BONN