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Atemschutzmasken sind im Rhein-Sieg-Kreis weiter Mangelware

Apotheken und Co. : Atemschutzmasken sind im Rhein-Sieg-Kreis weiter Mangelware

Die Nachfrage nach Atemschutzmasken steigt. In den Apotheken im Rhein-Sieg-Kreis sind sie aber weiterhin Mangelware. Wer auf selbstgenähte Exemplare zurückgreift, muss einiges beachten.

In Zeiten der Krise blühen Kreativität und Improvisationstalente auf. Was machen, wenn es keine Atemschutzmasken mehr gibt? Die Kronen Apotheke im Sankt Augustiner Ortsteil Hangelar geht jetzt Kooperationen mit örtlichen Schneidereien ein. „Die Lieferbedingungen sind äußerst schwierig“, sagt Michael Meurer von der Kronen Apotheke. Schon dreimal seien Bestellungen kurzfristig storniert worden, weil ein anderer Abnehmer dem Lieferanten den dreifachen Preis angeboten habe. „Es gibt Firmen aus China, die uns Atemschutzmasken anbieten, wollen aber Vorkasse. Allerdings können wir nicht die Qualität der Ware überprüfen. Deshalb nehmen wir Abstand von solchen Angeboten“, sagt Meurer.

Um wenigstens den Eigenschutz seiner Mitarbeiter zu gewährleisten, habe er zuletzt mehrere Lackierereien angerufen, um nach Atemschutzmasken zu fragen. „Eine hat uns dann sogar zehn Masken geschenkt“, sagt er. Freundschaftliche Hilfe in Krisenzeiten. Mittlerweile habe er aber im Großhandel Atemschutzmasken ordern können. „Die Preise sind verrückt“, sagt Meurer. Die einfachen OP-Masken kosten das Zehnfache von dem, was man üblicherweise bezahlt hatte. Aber die Kronen Apotheke geht einen ganz klaren Weg: „Wir beliefern bevorzugt Arztpraxen und Altenheime und geben bei diesen den Einkaufspreis 1:1 weiter. Ein Geschäft wollen wir hier nicht machen. In den Verkauf an die Kunden geht nur das, was übrig bleibt“, so Meurer.

Nun hat der Hangelarer die örtlichen Schneidereien kontaktiert, um eine weitere Möglichkeit zu haben, Kunden mit Masken zu bedienen. Nathalie Mian hat eigentlich ein Schneideratelier an der Kölnstraße. Jetzt nähen sie und eine Mitarbeiterin Atemschutzmasken. „Die sind so genäht, dass zwischen Futter und Oberstoff eine Lücke ist, in die man gegebenenfalls einen Filter einschieben kann“, erklärt sie.

50 Masken können die beiden am Tag nähen. „Wenn nötig, können wir alles so umstellen, dass wir mehr produzieren können, wenn der Bedarf da ist“, erklärt die Hangelarerin. Noch habe sie genügend Gummibänder und eine Lieferung stehe auch noch aus, sagt Mian. „Aber die Lager sind leer.“ Aber sie weiß sich schon zu helfen: „Dann nehmen wir einen dehnbaren Stoff und nähen Schlaufen dran.“

Die Nachfrage nach Atemschutzmasken ist ungebrochen. Ende der Woche bekommt eine Apotheke in Meckenheim noch eine Lieferung, will aber nicht genannt werden. Auch die Falken-Apotheke in Hangelar erwartet eine Lieferung von FFP2-Masken. „Die meisten sind allerdings schon reserviert“, so eine Mitarbeiterin. Die Masken, die sie jetzt geliefert bekommen, seien welche, die man bis zu 60 Mal tragen und auskochen könnte. 12,95 Euro kosten sie, so teuer, wie sie vor der Pandemie nicht gewesen sind.

Die Frage ist noch nicht ausgesprochen, da winkt auch Nina Clausen, Mitarbeiterin der Brunnen-Apotheke in Bad Honnef, ab. Seit Monaten warte man darauf, dass die Order endlich von Erfolg gekrönt sei. Ihr Tipp: selber nähen, „das ist besser als nichts“. Ähnlich sieht es bei den Kollegen in anderen Apotheken aus. „Wir haben schon vor Wochen bestellt“, so Jürgen Plenk, Hirsch-Apotheke. Allerdings sei es bislang bei den Ankündigungen geblieben, dass etwas geliefert wird.

Auch die Kloster Apotheke in Königswinter-Heisterbacherrott hat seit Januar sehr große Schwierigkeiten, überhaupt noch die einfachen Mund- und Nasenschutzmasken zu bekommen, wie Apothekerin Sabine Nöthel berichtet. Sie benötige Masken im Labor zum Schutz der Mitarbeiter beim Umgang mit gefährlichen Arbeitsstoffen. Dafür habe sie noch eine kleine Reserve. Die St. Michael-Apotheke in Königswinter-Niederdollendorf wartet seit Mitte Januar auf eine Lieferung, „aber es ist nichts zu bekommen“, sagt Mitarbeiter Bernd Könsgen. Auch beim Obi-Markt im Mühlenbruch in Königswinter-Oberdollendorf haben Kunden, die nach Atemschutzmasken suchen, keinen Erfolg. „Wir haben welche bestellt, aber ob, wann und wie viele kommen, wissen wir nicht“, so eine Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden will.

Und beim Baumarkt Obi in Siegburg findet der Mitarbeiter die Atemschutzmasken nicht einmal mehr im Computersystem. „Lieferengpässe“, sagt er achselzuckend. „Haben wir schon lange nicht mehr“, sagt ein Mitarbeiter der Eisenwarenabteilung im Bauhaus Bornheim. Zwischendurch hätten sie noch einmal eine Zuteilung erhalten, weil der Lieferant etwas geblockt hatte. Dazu sei er vertraglich verpflichtet gewesen. Aber die Regale seien schnell wieder leer gewesen. „Von der Industrie heißt es, dass vielleicht Anfang Juni wieder etwas lieferbar ist“, sagt der Mitarbeiter.

In den Apotheken in Alfter kann man vereinzelt noch Masken finden. Die Apotheke Sonnenschein im Rewe-Center Oedekoven hat laut einer Mitarbeiterin FFP2-Masken für zehn Euro das Stück vorrätig. Eine Mitarbeiterin der Bären-Apotheke am Herrenwingert muss dagegen abwinken.

Um an weitere Masken zu kommen, geht der Rhein-Sieg-Kreis auch ungewöhnliche Wege. Landrat Sebastian Schuster ist derzeit in Gesprächen mit dem Hochsauerlandkreis. Ein Unternehmen dort soll aus dem Vlies, das das Troisdorfer Unternehmen Reifenhäuser produziert, Masken herstellen, um so den Bedarf vor Ort zu decken. Der Maschinen- und Anlagenbauer aus Troisdorf produziert das Maskenvlies seit einigen Tagen auf zwei seiner Versuchsanlagen und hat dafür den Versuchsbetrieb eingestellt. Bislang geht das Vlies an eine Firma in Vietnam zur Weiterverarbeitung, weil Reifenhäuser auf dem deutschen Markt dafür nach eigenen Angaben keinen Interessenten gefunden hat. Vlies für rund 150 000 Masken hat Reifenhäuser jetzt der Stadt Troisdorf zur Verfügung gestellt. Das Sozialamt der Stadt koordiniert jetzt die Aktion „Troisdorf näht Mundschutzmasken“, um das Vlies zu verarbeiten.

Rainer Meilicke, Leiter des Kreisgesundheitsamts, hält nichts von einer generellen Mundschutzpflicht: „Dass plötzlich alle in der Öffentlichkeit eine Maske tragen, bringt meiner Einschätzung nach nichts.“

„Momentan zeichnet sich in Deutschland der Trend ab, besser eine selbstgenähte Maske aus Stoff zu tragen als keine Maske. Das liegt vor allem daran, dass das Coronavirus über Tröpfchen übertragen wird und nicht über feine Aerosole, die einfache Masken nicht zurückhalten könnten“, sagt Jürgen Gebel vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit am Universitätsklinikum Bonn. „Wie der einfache Mund-Nasen-Schutz schützen sie vor allen Dingen andere Menschen vor der Ansteckung. Aber weil Coronaviren eben dieses Merkmal haben, über Tröpfchen übertragen zu werden, kann man davon ausgehen, dass es auch einen gewissen Schutz vor der eigenen Ansteckung gibt.“

Bei den selbstgenähten Masken gibt es Gebel zufolge eine Reihe von Problemen, die trotz zahlreicher Anleitungen im Netz noch nicht allgemein gelöst seien. Gebel: „Sie müssen passgenau anliegen, der Stoff muss geeignet sein, sie sollten vor dem ersten Gebrauch desinfizierend gewaschen werden, was aber mit Haushaltswaschmaschinen nicht einwandfrei möglich ist, später sollen sie mit mindestens 60 Grad und Vollwaschmittel gewaschen werden. Es gibt keine Untersuchungen, wie oft sie gewechselt werden müssen, und das Auf- und Abziehen muss geübt werden. Nach dem Abziehen muss eine Händedesinfektion durchgeführt werden, was für die meisten Menschen vermutlich nicht praktikabel ist, schon allein, weil die Händedesinfektionsmittel rar sind.“