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Siebengebirge: Zwei katastrophale Hochwasser jähren sich

Rhein im Überfluss : Zwei katastrophale Hochwasser jähren sich im Siebengebirge

Im Januar jähren sich zwei katastrophale Hochwasser. Vor 100 Jahren folgte auf die Flut ein Lebensmittelengpass. Vor 25 Jahren versorgte das Technische Hilfswerk die Eingeschlossenen.

Die Rheintal-Bewohner leben damit, dass der Rhein hin und wieder über die Ufer tritt. Zwei besonders schwere Hochwasser jähren sich in diesem Januar: Vor 100 Jahren, am 16. Januar 1920 näherte sich das braune Wasser der Marke des Katastrophenhochwassers von 1784 – zwei Wochen nach dem Silvesterhochwasser. Vor 25 Jahren, im Januar 1995, pendelte sich der Rhein auf einem Höchststand von 10,08 ein, nur fünf Zentimeter unter dem Höchststand des Weihnachtshochwassers von 1993 im Winter zuvor.

Schneller als gedacht und gewünscht sei dem ersten ein zweites Hochwasser gefolgt, berichtete die Honnefer Volkszeitung am 13. Januar 1920. „Von der Insel Grafenwerth musste das Vieh gestern Abend bereits wieder nach hier fortgeschafft werden“, heißt es darin. Auf Grafenwerth hieß es auch 1995 als erstes „Land unter“. Inzwischen allerdings war die erste Befürchtung, dass die Tennisanlage auf der Rheininsel bleibenden Schaden nehmen könnte. Diese Sorgen wurden vor 25 ebenso wie vor 100 Jahren innerhalb weniger Tage von größeren Problemen verdrängt. Am 16. Januar 1920 mussten das Gas- und das Wasserwerk in Honnef stillgelegt werden – eindringendes Wasser hatte im Gaswerk den Betrieb der Öfen unmöglich gemacht.

Anders als 75 Jahre später waren die Menschen in den Orten weitgehend auf sich gestellt. Die wenigen Telefone, die es gab, versagten den Dienst. Der Austraße war überflutet, damit war den Honnefern der Zugang zur Rheinbrücke in Remagen versperrt. Ebenso unerreichbar machte das Hochwasser den Güterbahnhof. Und auch der tägliche Bus nach Köln kam in diesen Januartagen nicht. Die örtlichen Feuerwehren waren im Einsatz, sie befreiten vor allem die vom Wasser eingeschlossenen Menschen und retteten ihr Hab und Gut. Stündliche Pegelstandsansagen im Radio, eine Telefonnummer, unter der ebenfalls der Pegelstand abgefragt werden konnte, informierten die Bevölkerung 75 Jahre später.

Ersatzbusse, Umleitungen, Versorgung

Ersatzbusse für die stillgelegte Linie 66, Umleitungen für Fahrrad- und Autofahrer, die Versorgung der direkt Betroffenen durch Technisches Hilfswerk (THW) und Feuerwehr – das war die Realität 1995. Die Helfer des THW sorgten mit ihren Booten nicht nur dafür, dass die Anwohner trotz Hochwassers zur Arbeit, zu Ärzten und Apotheken und wieder zurück kamen, sie holten damit auch Hunde und ihre Halter ab, damit sie auf dem Trockenen Gassi gehen konnten.

Anders als 1920 war die Versorgung mit Lebensmitteln 1995 kein Thema. Bereits am 15. Januar 1920 berichtet die Honnefer Volkszeitung über einen Brotmangel in Neuwied, weil die Bäckereien unter Wasser standen. Die Rhein- und Wiedzeitung erschien nicht mehr, weil die Druckerei überschwemmt war. Die Redaktion stellte damals die Arbeit aber nicht ein: „Die Zeitung sah sich genötigt, ihre Geschäftsräume in das Weinrestaurant Wingender zu verlegen“, heißt es.

Und es gab weitere, die versuchten, aus der Notlage das Beste herauszuholen, wie einer malerischen Darstellung des Hochwassers in der Honnefer Volkszeitung vom 16. Januar zu entnehmen ist: „Es ist ein gewaltiger Strom, der sich zwischen hier und Rolandseck, die Inseln Grafenwerth und Nonnenwerth meterhoch überflutend, mit weit vernehmbarem Rauschen dahinwälzt. Auf seinen schmutziggelben Wogen führt der Rhein tausenderlei mit sich, Scheunendächer, Heu- und Strohbündel, mächtige Baumstämme und schwere Bretter, Fässer mit Oel und Benzin, aus irgend einem Lager, wer weiß wo, entführt. Namentlich auf letztere wird von den Schiffern, die aus sicherem Port mit leichtem Nachen pfeilschnell hervorschießen, eifrig Jagd gemacht, und des öfteren konnte man beobachten, wie ein Nachen, im Schlepptau ein oder zwei dieser Beutestücke, wieder dem Ufer zustrebte.“

Mehr Zeit sich auf Fluten vorzubereiten

1995 hatten die Rheinanlieger anscheinend etwas mehr Zeit, sich auf die Fluten vorzubereiten. Kranke und pflegebedürftige Familienmitglieder woanders unterzubringen, riet der damalige Bad Honnefer Ordnungsamtsleiter Richard Thomas am 25. Januar in einem Interview mit der Honnefer Volkszeitung. Für die persönliche Grundausrüstung sei jeder Anwohner selbst zuständig, betonte er außerdem. Nur Sandsäcke für den Schutz vor eindringendem Wasser gab es von der Feuerwehr.

Während das Wasser 1920 innerhalb weniger Tage wieder sank, blieb der Pegel 1995 ungewöhnlich lange auf einem hohen Stand. Die Schäden, die der Rhein zurückließ, waren aber bei beiden Hochwässern enorm. 1920 hatten Unkel und Erpel nahezu komplett unter Wasser gestanden, ebenso standen die Häuser am Burgplatz in Linz bis zum ersten Stock im Wasser. Neben den Schäden an Häusern und Möbeln beklagten die Einwohner vor allem einen Mangel an Lebensmitteln, denn auch die hatten die Fluten weggeschwemmt.

Mit einem Hilferuf wandte sich der Unkeler Bürgermeister Deda am 20. Januar an die Öffentlichkeit: „Helft alle! Helft schnell! Die Not ist unbeschreiblich groß!“, adressiert er vor allem an die, die „einst in Deutschlands schönern Tagen hier rheinische Art und rheinischen Frohsinn kennen gelernt und Erholung gesucht und gefunden haben“.

Zehn Millionen Reichsmark zur Verfügung

Zehn Millionen Reichsmark stellte damals die Regierung in Berlin den hochwassergeschädigten Orten am Rhein zur Verfügung. Viel zu wenig, wie den Betroffenen schnell klar war. Allein der Schaden an den Bauten in Linz wurde auf fünf Millionen Reichsmark beziffert.

Anders sah das 75 Jahre später aus: Die Spenden der Königswinterer für ihre geschädigten Nachbarn wurden nicht gebraucht. „Da seinerzeit aus der Landesfinanzhilfe allen Beihilfeanträgen entsprochen werden konnte, hat die Stadt diesen Betrag für eine ähnliche Notlage verwahrt“, berichtete der General-Anzeiger im August 2002. Deshalb habe Bürgermeister Peter Wirtz einer Auszahlung an die Opfer der Oder-Flut im Sommer 2002 zugestimmt.