Glocken in Stieldorf: Zwischen Gusskunst und kuriosem Klang

Glocken in Stieldorf : Zwischen Gusskunst und kuriosem Klang

Einst läuteten in der Stieldorfer Pfarrkirche Sankt Margareta drei Bronzeglockenaus dem 15. Jahrhundert. Diesen widmete Robert Simon sogar ein Gedicht.

Der Bronzeglocke von Stieldorf widmete Heimatdichter Robert Simon aus Rauschendorf sogar ein Gedicht. Im Jahr 1988 schrieb er: „Links lässt man dich liegen, einsam neben dem Gotteshaus…“. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bürgerverein Stieldorf die Glocke noch nicht auf das Pflasterpodest vor der Kirche gehoben. Derzeit wird sie in den Niederlanden repariert, um sie dann in der Pfarrkirche – vor Metalldieben sicher – aufzubauen.

Die Bronzeglocke gehörte zum alten Geläut der Pfarrkirche Sankt Margareta. Die insgesamt drei Glocken hatten die Aktion „Metallspende“ im Zweiten Weltkrieg überdauert und waren nicht für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen worden. Das Glockentrio von Sankt Margareta stammt aus dem 15. Jahrhundert – und existiert bis heute.

Als vor einigen Wochen über die Verlegung der Glocke vom Glockenplatz in die Stieldorfer Kirche diskutiert wurde, war nicht bekannt, wo die beiden anderen abgeblieben sind. Während die mittlere des Trios aus dem Jahr 1464 in Stieldorf blieb, läutet die kleinste aus dem Jahr 1483 in der Kirche Sankt Mariä Himmelfahrt in Birlinghoven. Die größte und älteste von 1412 gehört zum Geläut von Sankt Peter in Vilich.

Das Glockenbuch des Erzbistums Köln vermerkt den Ortswechsel für die jüngste Glocke; einen Hinweis auf den Verbleib der ältesten enthält es jedoch nicht. Aber bei Edita Hoschützky, kundig in der Geschichte des 1000 Jahre alten ehemaligen Vilicher Stifts, kommt es auf Nachfrage wie aus der Pistole geschossen: „Die hängt hier. Es hieß, die Glocke sei aus Stieldorf ausgeliehen.“

Beim Bombenangriff am 18. Oktober 1944 brannte der Kirchturm von Sankt Peter ab, die Glocken wurden dabei vernichtet. Vilich erhielt von einem Glockenfriedhof ein Exemplar aus Ostpreußen, eine eigene wurde gegossen. Und die Glocke aus Stieldorf ergänzte das Ensemble. Wann genau, und vor allem auf welche Veranlassung hin sie nach Vilich gelangte, kann Hoschützky indes nicht sagen.

Die kleine Glocke kam bereits Mitte der 1950er Jahre in die Kapelle Sankt Mariä Himmelfahrt Birlinghoven, erinnert sich die dortige Küsterin Edelgard Haenel. Der Ort gehörte bis 1972 zum Kirchspiel Stieldorf. Vor einigen Jahren, so erzählt Haenel, entzifferte ein Fachmann die kaum mehr leserliche Namensinschrift des Glockengießers.

„Die Glocke soll von einem Gießer aus oder namens Overath gegossen worden sein“, erinnert sie sich. Zu den Schöpfern der drei Stieldorfer Glocken gibt es im Glockenbuch unterschiedliche Angaben. So wird in einer Auflistung jeweils der Gießer Joiris aufgeführt, ein lothringischer Wandergießer.

In einer weiteren Aufstellung wird für die Stieldorfer Glocke von 1464 allerdings der Glockengießer „Sifart Duisterwalt aus Cöln“ genannt und der Gießer der dritten Glocke mit einem Fragezeichen versehen. In einer Tabelle, die Glocken nach Gussjahren sortiert, erscheint dann tatsächlich Heinrich von Overraide für die kleine Glocke, ein Kölner Meister. Diese Glocke sei sehr gut in Schuss, unterstreicht die Birlinghovener Küsterin.

Die beiden anderen hingegen bereiteten reichlich Arbeit. Die Pfarrchronik vermerkt 1953, dass die Glocke von 1464 von der Firma Witte in Leverkusen geschweißt wurde. Wieder aufgehängt, war sie abermals gesprungen und wurde vom Glockengießer gleich wieder mitgenommen. 1956 schrieb Pfarrer Josef Bolten in die Chronik: „Im Kirchturm zu Stieldorf hängen zwei denkmalwerte Glocken aus dem 15. Jahrhundert.“ Die größere sei mehrfach geschweißt und wieder gesprungen, sodass sie für Läutezwecke vollkommen unbrauchbar sei. Die kleinere sei auch angeschlagen. Die Erzbischöfliche Behörde hätte erlaubt, die beiden Glocken in einen ehrenvollen Ruhestand zu setzen.

Danach dürfte die älteste Glocke, die Margareta-Glocke von Joiris, wohl nach Vilich gelangt und noch einmal repariert worden sein. Ihre klangliche Beurteilung danach: „Diese Glocke ist ein interessantes Stück gotischer Glockengusskunst und das Schmerzenskind unter den rheinischen Denkmalglocken: Trotz der dreimaligen Operationen werden wesentliche Verschiebungen der einzelnen Klangkomponenten wie auch der Vibrationswerte nicht festgestellt.“ Der Klang sei ein beispielloses Kuriosum.

Sehr betagte Menschen aus dem Kirchspiel hatten vor 80 Jahren Heimatschriftsteller Heinrich Dittmaier Legenden um die große Glocke von Stieldorf erzählt. Sie habe einen summenden Nachklang und mindestens drei Häue seien in ihr drin, weil der Meister wütend auf sie eingeschlagen habe. Robert Simon hat diese Geschichten für sein neues Buch ausfindig gemacht.

Die drei Glocken

Die Glocke von 1412 hat ein Gewicht von 1400 Kilogramm, einen Durchmesser von 1270 Millimeter und den Ton „f“. Als ihr Schöpfer gilt der Wandergießer Joiris aus Metz. Glocke Nummer zwei wurde 1464 von Sifart Duisterwalt aus Cöln gegossen, ist 850 Kilo schwer, hat 1080 Millimeter im Durchmesser und den „as“-Ton. Die dritte Glocke stammt aus dem Jahr 1483, ist 110 Kilo schwer, 549 Millimeter im Durchmesser und mit dem Ton „g“ ausgestattet. Ihr Schöpfer ist Heinrich von Overraid aus Köln.

Im Dekanat Königswinter hat übrigens nur Oberpleis mit einer Glocke um 1330 und Erpel mit einer Glocke aus dem Jahr 1388 ein noch älteres Exemplar als Stieldorf. Ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert stammt eine Glocke in Bruchhausen (1423).Das aktuelle Geläut der Stieldorfer Kirche besteht aus drei Glocken von 1958 und einer aus dem Jahr 1959 der Firma Mabilon Saarburg. Am 5. November 1958 erklangen die ersten drei Glocken erstmals.

Nach ihrer Einsegnung am 30. März 1958 waren sie noch Monate unter der Orgelbühne aufgestellt. Es zeigte sich, dass der Glockenstuhl nicht nur repariert, sondern vollkommen neu aufgebaut werden musste.

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