Disco "Morgens um 7" in Oberpleis: Zeitreise an der Wingertsbitze

Disco "Morgens um 7" in Oberpleis : Zeitreise an der Wingertsbitze

Im „Morgens um 7“ von Rainer Queck in Oberpleis sind die Nächte lang und die Musikwelt noch in Ordnung.

Die Zeitreise im „Morgens um 7“ endet mitunter morgens gegen fünf. Was sich in der Disco an der Wingertsbitze an der Oberpleiser Umgehungsstraße abspielt, ist für manchen eine willkommene Rückkehr zur Musik der 60er, 70er oder 80er Jahre, die anderswo nicht mehr zu hören ist. Der eine oder andere Gast schwebt da schon einmal barfuß oder im wallenden Gewand über die Tanzfläche, während draußen ein neuer Tag anbricht.

Der Mann, der seit 1994 in Oberpleis die Platten auflegt, heißt Rainer Queck und ist mittlerweile 61 Jahre alt. „Gefühltes Alter 40“, sagt er. Rockmusik hält eben jung. Dabei geht die Disco-Historie an diesem Ort noch etwas weiter zurück. Bereits 1987 gab es in Oberpleis das „Sunset“ in einer ehemaligen Möbelfabrik. Getanzt wurde dort Foxtrott zu der Musik, die gerade in Mode war. Marianne Rosenberg war zu der Zeit groß angesagt. Solche Musik konnte man auch woanders hören. Das „Sunset“ war trotzdem voll.

Als Rainer Queck nach Oberpleis kam, hatte er bereits eine Vorgeschichte als Discjockey hinter sich. Zwischen 1979 und 1987 fuhr er jedes Wochenende nach Hamm an der Sieg ins „Morgens um 7“, dem Namensgeber der Disco in Oberpleis. Ein Großfleischer hatte dort 1969 eine Disco an sein Wohnhaus angebaut. Rainer Queck legte die Platten auf.

„Es entwickelte sich einer der größten und vielfältigsten Rocktempel der deutschen Musikgeschichte – vergleichbar mit dem Star-Club in den 60er Jahren in Hamburg“, erinnert er sich an glorreiche Zeiten. Für die örtliche Presse war das „Morgens um 7“ damals ein Skandal. „Ein braves Dorf – aber am Samstag ist die Hölle los. Hamm an der Sieg ist ein kleiner, verträumter Ort. Aufregendes geschah dort nie. Bis zu dem Tag, an dem das Dorf von der Unterwelt entdeckt wurde“, schrieb die lokale Zeitung damals.

„Wir waren ein alternativer Rockladen, in dem auch bekannte Gruppen wie Grobschnitt, Gong, Eloy, Birth Control oder Alex Oriental Experience auftraten“, erzählt Rainer Queck. Für die ProgRock Fans aus dem Westerwald und dem Rhein-Sieg-Kreis war das „M 7“ ein beliebtes Ziel, aber auch Münchner oder Hamburger Autokennzeichen waren vor dem Eingang zu sehen. 1987 wurde die Disco vom Eigentümer mit der Walze platt gemacht – warum, weiß Queck nicht. Er war fassungslos.

„Wir suchten damals mit Tränen in den Augen in den Trümmern nach Souvenirs“, sagt er. Jetzt hatte er viele Platten, aber keine Disco mehr. Doch sein Entschluss, die Tradition fortzusetzen, war schnell gefasst. Queck suchte im Westerwald nach einer Alternative, die er in einer ehemaligen Raststätte in der Nähe von Altenkirchen fand. Im Obergeschoss befand sich ein Bordell. Der neue Laden hieß „After Seven“ und lief ohne jede Werbung hervorragend. Samstags zum Rockabend kamen 500 bis 700 Tanzwütige von Aachen bis Siegen. 1992 wurde die Disco jedoch ein Opfer der Flammen.

Wieder musste der DJ nach einer neuen Location suchen. Er fand sie in Oberpleis. Das dortige „Sunset“ litt unter dem 1991 eröffneten „Hippodrome“ in Hennef. Nur der Mittwoch funktionierte noch, am Wochenende blieben die Tänzer aus. „Für uns war das ein Glücksfall, auch wenn es etwas weit von unseren alten Gedenkstätten entfernt lag“, berichtet Queck. Dennoch zogen einige der treuen Gäste mit nach Oberpleis um. 1992 bis 1994 hieß der Laden „Topas“, 1994 bis 2006 „Gamma“ und seitdem „Morgens um 7“ – zurück zu den Anfängen.

Umgebaut wurde die Disco seitdem mehrfach. Heute wird in einem kleinen, aber feinen Raum getanzt, der rund 100 Gästen Platz bietet. Von den rundum platzierten, äußerst bequemen Flugzeugsitzen aus lässt sich die Szenerie gut beobachten. Für viele Besucher ist die Disco ein Treffpunkt, an dem sie garantiert „ihre“ Musik zu hören bekommen. „Future City“ von Eloy oder „Solar Music“, um nur zwei Titel zu nennen. Dass der Grobschnitt-Titel selbst in der Studioversion 33 Minuten lang ist, war für DJ Queck nie ein Grund, ihn nicht zu spielen. Tänzer Ü 50 oder auch Ü 60 sind im „M 7“ nicht allein.

Warum aber hat Rainer Queck immer weiter gemacht? „Ich habe das damals nur aus Idealismus durchgezogen, weil ich selbst nicht gewusst hätte, wo ich hingehen sollte, um solche Musik zu hören“, sagt er. Discogänger in seinem Alter seien entweder tot oder kämen nicht mehr vom Sofa runter. „Bei Klassentreffen komme ich mir vor wie auf dem Friedhof.“

Den Gästen zuliebe spielt Queck heute auch mal Titel wie „School“ von Supertramp oder „Passenger“ von Iggy Pop oder sogar „Viva La Vida“ von Coldplay. „Früher wäre ich dafür viel zu arrogant gewesen.“ Während die Diskothek sonst nur am Samstag, vor Feiertagen und einmal im Monat am Freitag geöffnet ist, gibt es seit zwei Jahren an jedem dritten Mittwoch im Monat eine Flashparty – zu einer recht kultivierten Zeit von 20 bis 23 Uhr. Schließlich müssen die Discogänger am Morgen früh aufstehen.

Der Eintritt ist frei, die Musik moderner. „Die Leute wollen heute auch die Titel hören, die im Radio laufen und bei denen sie die Schritte vor dem Spiegel geübt haben“, sagt Queck. Da muss sich ein Altrocker wie er schon mal ein bisschen verbiegen.

Das Programm

An jedem dritten Mittwoch im Monat, das nächste Mal im Juni, findet von 20 bis 23 Uhr (je nach Stimmung auch länger) die Flashparty statt. Gespielt wird an diesen Abenden gut tanzbare Musik von den 1970er bis zu den 2000er Jahren.

Am ersten Freitag jeden Monats, das nächste Mal am 3. Juni, ist M 7-Kultnight mit Progressrock aus den 1970er Jahren. An den Samstagen, das nächste Mal am 28. Mai, läuft unter dem Titel „Querbeat“ Soft und Hardrock, Pop, Indie und Reggae aus den 1980er bis 2000er Jahren. Öffnungszeiten: freitags und samstags von 22 Uhr bis 5 Uhr. Das „Morgens um 7“ ist in Oberpleis, Wingertsbitze (an der Umgehungsstraße), zu finden.

Internet:m7-rockandmore.de

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