Meeresbiologe Winfried Wiedemeyer: Von Thomasberg rund um den Globus

Meeresbiologe Winfried Wiedemeyer : Von Thomasberg rund um den Globus

Als Meeresbiologe ist Winfried Wiedemeyer weltweit unterwegs. Zuhause sind er und seine Familie im Siebengebirge.

Das ist schon eine große Umstellung. In den vergangenen drei Jahren hatte Winfried Wiedemeyer beim Aufwachen fast immer freie Sicht aufs Meer. Seit kurz vor Weihnachten geht sein Blick vom Haus aus direkt auf die Siebengebirgsstraße. Dort, in Thomasberg, wohnt der 51-Jährige mit seiner Frau Ute und den beiden Söhnen – wenn er denn zu Hause ist. Der promovierte Meeres- und Fischereibiologe ist rund um die Welt in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Er setzt sich gegen die Überfischung der Küstengewässer und die zunehmende Zerstörung der Korallenriffe ein.

Nach fast zwei Jahrzehnten im weltweiten Einsatz hat Wiedemeyer die vergangenen drei Jahre größtenteils in der Karibik verbracht. Das von ihm geleitete internationale Expertenteam hatte seine Operationsbasis auf der Insel Saint Lucia. Von dort aus führte ihn seine Mission nach Belize, Guyana, Jamaika, Grenada, Dominica, Saint Vincent und die Grenadinen sowie Saint Kitts and Nevis. Während eines derartigen Langzeiteinsatzes besucht er seine Familie in Königswinter drei Mal im Jahr für zwei bis vier Wochen.

Seine Lieben wiederum verbringen vier oder fünf Wochen während der Sommerferien bei ihm. In der Zeit, in der die Familie räumlich getrennt ist, halten die Wiedemeyers ständig Kontakt. Sie schreiben sich E-Mails, telefonieren häufig. Ab und zu hält eines der Kinder eine Klassenarbeit in die Skype-Kamera, damit der Vater auch über die Distanz am Alltag zu Hause teilnehmen kann.

„Wir haben uns vor ein paar Jahren bewusst entschieden, nicht mehr gemeinsam als Familie auszureisen, um besonders den Kindern ein konstantes soziales Umfeld in einem sicheren Land zu ermöglichen“, erzählt Ute Wiedemeyer. Die 43-Jährige hat ihren Job als Koordinatorin des Familienzentrums Menschenkinder, verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten und somit ein großes Netzwerk in Königswinter.

Allein fühlt sie sich nicht, wenn ihr Mann am anderen Ende der Welt ist, obwohl er natürlich fehlt. „Wir haben großes Glück mit den netten Menschen hier im Ort. Uns liegt sehr viel an unserer Nachbarschaft und unserem Freundeskreis. All das wäre nicht aufrechtzuerhalten, wenn wir immer wieder ein paar Jahre weg wären“, erklärt der Familienvater. Hinzu käme der ständige Schulwechsel für die beiden 14 und elf Jahre alten Söhne.

Also bleibt die Basis der Familie in Thomasberg. Das war nicht immer so. Von Mitte 1998 bis Anfang 2004 lebte das Paar auf den Philippinen. Während sich der Biologe, zu der Zeit Mitarbeiter des Deutschen Entwicklungsdienstes, unter anderem für die Schaffung neuer Schutzgebiete im Meer einsetzte, arbeitete seine Frau dort als Tauchlehrerin. Im November 2001 brachte die gelernte Krankenschwester auf der philippinischen Insel Cebu ihren ersten Sohn zur Welt. Winfried Wiedemeyer hat maßgeblich an der Schaffung von 25 Schutzgebieten in verschiedenen Küstengebieten rund um den Globus mitgewirkt.

Mit seiner Doppelqualifizierung als Meeres- und Fischereibiologe gehört er zu nur etwa 20 Spezialisten weltweit, die in dieser Sparte der Entwicklungszusammenarbeit sehr gefragt sind. Er berät sowohl gesetzgebende Behörden, als auch lokale Fischer und Dienstleister, die ihr Geld mit Tauchtouristen in ehemaligen Unterwasserparadiesen verdienen. „Es geht unter anderem darum, die chronisch überfischten Fischbestände zu stabilisieren, die Zerstörung der Korallenriffe aufzuhalten und gleichzeitig die ökonomische Situation der Menschen entlang tropischer Küsten zu verbessern“, sagt der Spezialist für Nachhaltigkeit.

Ganz so leicht fiel es der Familie dann nicht, sich 2004 nach fünfeinhalb Jahren in Asien wieder in Deutschland einzugewöhnen. Da viele Entwicklungshilfeorganisationen ihren Sitz in Bonn hatten, zog die Familie ins Umland. Schon die erste Wohnung lag in Thomasberg, später folgten das Eigenheim und die Geburt des zweiten Sohnes. Eine Begebenheit nach der Rückkehr von dem Inselstaat hat sich Ute Wiedemeyer besonders eingeprägt. „Wir standen in einem Baumarkt an der Kasse. Eine Mutter, die mit ihrem Kind dort wartete, beschwerte sich, dass es in dem Baumarkt keinen Spielplatz für die Kleinen gibt.“

In dem Moment habe ihr kurz das Verständnis gefehlt. Zu frisch waren noch die Eindrücke von den Philippinen, wo es den Kindern an viel mehr mangelte. Wo sein nächster Einsatzort sein wird, weiß Wiedemeyer, der weiterhin international als selbstständiger Berater arbeitet, noch nicht. Derzeit laufen Ausschreibungen für Samoa, Südafrika und Belize. Was jedoch schon fast feststeht – es sei denn, es kommt ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Diesmal will er kein Projekt bearbeiten, bei dem er als Leiter ständig vor Ort sein muss. Lieber wären ihm kurze, wochenweise Aufenthalte im Ausland und dann wieder in Thomasberg. „Jetzt ist mal Familienzeit angesagt“, sagt der 51-Jährige.

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