Pendler im Siebengebirge: Selbstversuch mit Bus und Bahn

Pendler im Siebengebirge : Selbstversuch mit Bus und Bahn

Täglich pendeln in Königswinter und Bad Honnef Tausende mit dem öffentlichen Nahverkehr zu ihrer Arbeitsstelle. Ein Selbstversuch.

Der Bahnsteig füllt sich, die einen schauen entnervt auf ihre Uhren und Smartphones, andere äußern lautstark ihren Unmut über die Unzuverlässigkeit der Öffentlichen Verkehrsmittel: Ein Bild, das sich beinahe täglich auf deutschen Bahnhöfen zeigt – sei es über größere Distanzen mit der Deutschen Bahn oder Kurzstrecken mit Bus und Straßenbahn.

Berufspendler sind auf die Pünktlichkeit der Bahnen angewiesen. Auch aus Bad Honnef und Königswinter machen sich viele allmorgendlich auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz in Bonn oder Köln.

Denn die Situation hat sich in den vergangenen Jahren eher verschärft als entspannt: „In den meisten Ballungszentren ist die Zahl der Arbeitsplätze deutlich schneller gestiegen als die Zahl der Wohnungen“, sagt Claus Michelsen, Immobilienexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Laut einer Erhebung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) sind 2016 rund 60 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland von ihrem Wohnort zu ihrem Arbeitsplatz in einem anderen Ort gependelt.

Auch die Zahl der Wochenendpendler hat sich seit 1991 verdreifacht, lediglich 20 Prozent unter ihnen nutzt dafür den Öffentlichen Nahverkehr. Nicht umsonst ist Köln zur Stauhauptstadt gekürt worden: Einer Studie von Inrix, einem Anbieter von Verkehrsdienstleistungen und -informationen, zufolge, verbrachten Autofahrer in der Domstadt 2014 durchschnittlich 65 Stunden im Stau.

Ist es also wirklich so: immer mehr Pendler, mehr Autos, mehr Stau, Stress und Umweltverschmutzung? Schließlich wird der Nahverkehr ausgebaut, Intervalle werden verkürzt, Nachtbusse eingeführt und Mitfahrpunkte installiert – doch das Auto steht als Verkehrsmittel weiterhin an erster Stelle. Wenn also die Arbeitsplätze nicht zu den Menschen kommen oder mehr bezahlbarer Wohnraum in die Ballungszentren – wieso wird dann die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel nicht attraktiver gestaltet?

Mit dem Bus von der Innenstadt nach Rhöndorf

Ein Selbstversuch soll zeigen, wie gut oder schlecht die Orte des Siebengebirges vernetzt sind. Von der Redaktion im Zentrum Bad Honnefs soll es zum Konrad Adenauer-Haus in Rhöndorf gehen. Keine nennenswerte Distanz, mit dem Auto braucht man für die rund zwei Kilometer lange Strecke keine fünf Minuten. Anders sieht es da beim Nahverkehr aus. Zwischen zwölf und 20 Minuten werden für die Fahrt prognostiziert.

Die reine Fahrzeit mit dem Bus der Linie 566 beträgt vom städtischen Kurhaus bis zur Kapelle in Rhöndorf nur vier Minuten – eigentlich. Dank der Verspätung, mit der der Bus eintrifft plus entsprechendem Stau auf der Strecke selbst, werden hierfür tatsächlich 18 Minuten benötigt. Zu Fuß wäre man gleichfalls in dieser Zeit am Ziel angekommen. Weiter geht es von dort aus zum Drachenfels. Trotz einer Luftlinie von unter drei Kilometern muss auch mit dem Auto eine Strecke von 6,5 Kilometer gefahren werden – ohne Stau in einer Viertelstunde problemlos zu schaffen.

Der Weg mit Bus und Bahn ist enttäuschend: Gut zwei Kilometer sind zu Fuß zu absolvieren. In Königswinter am Hauptbahnhof oder an der Haltestelle Wintermühlenhof ist Schluss. Dort angekommen und weiter auf dem Weg zum Oelberg zeigt sich das gleiche Problem. Prognostizierte Fahrtzeit mit dem Auto: 19 Minuten.

Reelle Fahrzeit mit dem Nahverkehr: 56 Minuten. Auf dem Weg zurück in die Redaktion präsentiert sich der Nahverkehr noch einmal von seiner unschönen Seite. Ein Bus kommt so verspätet an, dass der Anschluss nicht mehr erreicht wird. Doppelt ärgerlich, weil die Linie 560 nur alle 30 bis 60 Minuten kommt. Mittlerweile erschließt sich, warum nur ein Fünftel den Nahverkehr nutzt.

Und Michelsen prognostiziert, dass sich Pendlerverflechtungen noch weiter verstärken. „Dies dürfte zu einer intensiveren Nutzung des Verkehrsnetzes führen – gerade in NRW ist dieses ja schon jetzt vielfach überlastet.“ Grund für die Überlastung sieht er in der Vernachlässigung des Ausbaus in den vergangenen Jahren. „Es müsste daher mehr in die Verkehrsinfrastruktur investiert werden.“ Und das gilt ebenso für den Nahverkehr. Denn obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel 70 Mal mehr Sicherheit als das Auto versprechen, fällt der Umstieg vielen nicht leicht.

Auch das Fahrrad übrigens scheint mit Blick auf die meisten Straßen im Siebengebirge keine adäquate Alternative zu sein: Wie berichtet, fehlen an vielen Stellen in Königswinter und Bad Honnef gesicherte Radwegeverbindungen.

Weitere Informationen zur Pendlerstatistik in NRW unter www.pendleratlas.nrw.de.