Erinnerungen an Pogromnacht: "Menschlicher Lichtblick in dunkler Zeit"

Erinnerungen an Pogromnacht : "Menschlicher Lichtblick in dunkler Zeit"

Es war in der Nacht vom 9. auf den 10. November vor 76 Jahren: Im ganzen Land brannten Synagogen und Geschäfte jüdischer Mitbürger. Allein im Rhein-Sieg-Kreis gingen 22 jüdische Gotteshäuser in Flammen auf.

Juden wurden misshandelt, ermordet, verschleppt, ihre Häuser ausgeplündert, ihr Eigentum zerstört - für die meisten war diese Pogromnacht der Anfang vom Ende.

Nur wenige, die Glück hatten, überlebten den Holocaust - wie die Familie Bernauer aus Troisdorf. Ihre Geschichte wurde am Samstag im Rahmen eines ökumenischen Gedenkens im evangelischen Gemeindehaus in Dollendorf erzählt, stellvertretend für viele jüdische Mitbürger aus der Region, die damals verfolgt und deportiert wurden, aber auch als Beispiel für einen "menschlichen Lichtblick in dunkler Zeit".

"Tu deinen Mund auf für die Stummen" heißt ein Spruch in der Bibel: "Heute Abend tun wir den Mund auf für die Stummen der Pogromnacht", sagte Pfarrer Dariusz Glowacki, der stellvertretend für die katholische Pfarrgemeinde die Gäste an diesem Abend zu der ökumenischen Feier begrüßte.

Dem Mut zweier Familien aus der Gegend um Lohmar hatte es die jüdische Familie Bernauer zu verdanken, dass sie das NS-Regime überlebt hat, unter anderem Ludwig und Elisabeth Weeg - den Urgroßeltern von Nora Weeg. Die heute 18-jährige Schülerin, die das Anno-Gymnasium in Siegburg besucht, hatte eines Tages im Religionsunterricht erzählt, dass ihre Urgroßeltern eine jüdische Familie bei sich versteckt hatten. Ihre Lehrerin, Pfarrerin Annette Hirzel aus Königswinter, motivierte sie, die Familiengeschichte genauer zu recherchieren.

Das Ergebnis dieser Recherchen, die die junge Frau unter anderem ins Kreisarchiv nach Siegburg und zur israelischen Botschaft führten, liegt nun in Form einer Gedenkschrift und eines beeindruckenden Lichtbildervortrags vor. Bevor die vielen Zuhörer am Samstagabend in die berührende Lebensgeschichte der Familien Bernauer, Müller und Weeg eintauchten, ließ Hirzel - die bereits seit einigen Jahren die Gedenkveranstaltung mit wechselnden Referenten gestaltet - die Ereignisse des Holocaust bezogen auf die Region Revue passieren: "Auch in Königswinter haben jüdische Mitbürger überlebt, weil es Menschen gab, die den Mut hatten, sie zu verstecken."

Eben dieser Mut war es, der Nora Weeg bei ihren Recherchen besonders beeindruckt hat: "Mir ist erst durch die Gespräche mit Zeitzeugen klar geworden, was das eigentlich für alle Betroffenen bedeutet und welchen Mut es erfordert hat." Mehrere Monate hatten ihre Urgroßeltern die Familie Bernauer sowie andere Flüchtlinge auf ihrem Bauernhof in Muchensieven versteckt. Da die von den Nazis zugeteilten Lebensmittelrationen nicht für so viele Menschen ausreichten, wurde verbotenerweise heimlich geschlachtet: "Dabei wurde dann die laute Quetsche, mit der Getreide gepresst wurde, angestellt, um verdächtige Geräusche zu vertuschen."

Untermalt wurde der Gedenkabend mit jiddischer Musik, die die Gruppe "Di Mechaje", übersetzt "Freude", spielte. Zum Abschluss kamen die Zuhörer noch zu einer gemeinsamen Andacht in der evangelischen Kirche zusammen.

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