14. Königswinterer Kunsttage im Palastweiher: Künstler als feine Seismografen

14. Königswinterer Kunsttage im Palastweiher : Künstler als feine Seismografen

"Künstler sind nicht nur Lebenskünstler - weil sie müssen oder wollen -, sie sind auch Propheten, Seismografen", sagte Helmut Herles, Journalist und ehemaliger Chefredakteur des General-Anzeigers, bei der Eröffnung der 14. Königswinterer Kulturtage im Kunstforum Palastweiher am Donnerstagabend.

Und tatsächlich scheint es so. "1000 Jahre, 1000 Schritte - eine Annäherung" ist die Eröffnungsausstellung von Ingrid Klein, Lilian Szokody, Christine Theile und Rolf Wernicke überschrieben. Seit vergangenen Freitag haben die Künstler neue Nachbarn - direkt neben ihnen leben rund 100 Flüchtlinge in einer Notunterkunft.

"Sie sind weit mehr als 1000 Schritte gegangen, um hierher zu gelangen", so Herles. "Und wir müssen uns ihnen nähern." Bei der Eröffnung fiel das gar nicht so schwer: Viele der Flüchtlinge waren der Einladung der Künstler zur Eröffnung gefolgt.

Heinz Zöller von der Lokalen Agenda begrüßte die Gäste - und ganz besonders "die neuen Nachbarn. Wir freuen uns, dass so viele von ihnen gekommen sind." Er bescheinigte der Verwaltung "einen guten Job gemacht zu haben" und betonte, er hoffe, die Flüchtlinge fühlten sich wohl. Und verwies auch gleich auf die Spendendose. Das dort gesammelte Geld - "hoffentlich überwiegend Scheine" - soll für Sprachkurse für die Flüchtlinge verwandt werden. Und auch, so berichtete er, die Erlöse aus der Versteigerung der diesjährigen "Wet painting"-Aktion sollen diesem Zweck zufließen.

Auch Herles warb um Spenden: "Spenden Sie an die Stadt, damit sie die Wünsche dieser Menschen, vor allem der Kinder, erfüllen können." Er habe selbst einmal als Sechsjähriger als Flüchtling in einer Turnhalle gesessen. "Ich habe es gepackt, und ich wünsche den Flüchtlingen, dass auch sie es packen", sagte der sichtlich bewegte Journalist. Dann lud er die Besucher zur Besichtigung der Ausstellung und zum Gespräch mit den Künstlern ein.

Die vier Künstler, die alle ihr Atelier im Kunstforum haben, hatten sich auf ganz unterschiedliche Art dem Thema genähert. Für Christine Theile war es ein Kampf. "Eigentlich wollte ich gar nicht, ich musste eine Einzelausstellung vorbereiten und hatte eigentlich keine Zeit", schildert die Künstlerin die Entstehungsgeschichte der drei Bilder, die in der Ausstellung zu sehen sind. Auch das Thema war ihr zu sperrig. Und so entschied sie sich, das zu malen, was sie empfand. Das erste Bild zeigt Fußabdrücke, die einen Kreis bilden. "Ich drehte mich im Kreis. Und das tat ich dann auch tatsächlich, ich bin auf der Leinwand im Kreis herumgelaufen."

Das zweite Bild verkörpert ihren Zorn über die Kollegen, die sie überredet haben, und über sich selbst, weil sie sich überreden ließ. Das dritte Bild beschäftigt sich mit Abhängigkeit, etwas, was es vor 1000 Jahren ebenso gab wie heute. Wieder Öl auf Leinwand "aber durch diese schmerzhafte Auseinandersetzung habe ich mich dem Thema angenähert und nun sind bereits neue Werke entstanden. Sie war aufreibend, aber fruchtbar", sagt Theile. Was die neuen Bilder zeigen werden, verrät sie noch nicht.

Auch Lilian Szokody ist mit ihrem Werk "Geradeaus" noch nicht fertig. Das dreidimensionale Werk zeigt eine "Schlange" aus einzelnen kleinen Bildern, die Schattenbeine auf einem steinigen Weg zeigen. "Wege werden aus Steinen gepflastert, man kann sich aber auch Steine in den Weg legen", sagt sie. Auf jeden Fall ist der Weg verschlungen, er beginnt zwar gradlinig, doch dann dreht er sich, führt vor und zurück. 672 Bilder sind es bislang, am Ende sollen es 1000 sein, die den rund 23 Meter langen ("Lebens"-)Weg ausmachen werden.

Rolf Wernicke hingegen hat sich die Menschen vorgenommen, die ihm auf der Strecke zwischen Schiffsanleger und Bahnschranke begegnet sind. Nicht als echte Porträts, sondern die Gesten, Details, die ihn faszinierten. Versehen hat er seine mit Farbstift gezeichneten Porträts mit Zitaten. Manchmal mit echten Sätzen, manchmal mit Zitaten, die er in diesen Menschen erkannt hat.

Ingrid Klein schließlich nahm das Thema zum Anlass für einen Besuch im Siebengebirgsmuseum und stieß dort auf die Schnellfotografen vom Drachenfels. "Das führte zu Gesprächen in der Familie", so die Künstlerin. Und dabei stellte sie fest, dass sich schon ihre Mutter auf dem Esel vor der Drachenfelskulisse fotografieren ließ. Dieses Bild und alte Fotos aus den Familienalben inspirierten sie zu den Bildern, "entscheidend war der Charme, den sie ausstrahlen". Diese nimmt sie als Vorlage für ihre Zeichnungen auf Pappe, die sie mit Bienenwachs bestreicht. Dann werden die Bilder mit Tempera-Farbe bemalt, bevor sie die nächste Schicht Wachs bekommen. So entstehen die Bilder Schicht um Schicht und erhalten einen besonderen Eindruck von Tiefe.

Zu sehen sind die Werke der vier Künstler bis zum 13. September. Nach den Kunsttagen ist die Ausstellung am Samstag und Sonntag immer von 14 bis 18 Uhr.

Kunstforum Palastweiher

Das Wilhelm-Auguste-Viktoria-Haus wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom Fabrikanten Ferdinand Mülhens gestiftet.

Nach wechselhafter Geschichte bezog 2005 nach einer umfassenden Renovierung die örtliche Gruppe Kultur der Lokalen Agenda 21 als Mieterin das Gebäude, um es als Kunstforum (Kunstforum Palastweiher) zu nutzen und Ateliers an Künstler zu vermieten. Außerdem dient die Liegenschaft dem Studienhaus für keltische Sprachen und Kultur.

Ausschnitte aus dem Programm

Die Kulturtage selbst dauern bis zum 31. August und geben auf vielfältige Weise Einblicke in das kulturelle und musische Schaffen in Königswinter. Veranstalter ist die städtische Arbeitsgruppe Kunst und Kultur der Lokalen Agenda 21.

In der Art Lounge in Ittenbach, Königswinterer Straße 310, sind vom 28. bis zum 31. August täglich von 11 bis 18 Uhr die Werke von sieben Künstlern zu bewundern.

An den Atelieraustellungen in den städtischen Ortsteilen Oberdollendorf, Thomasberg, Hüscheid, Altstadt, Stieldorf, Eudenbach und Römlinghoven beteiligt sich eine Vielzahl von Künstlern.

Über sämtliche Ausstellungen informiert ein Flyer der Lokalen Agenda, den es beispielsweise bei der Stadtverwaltung gibt. Er ist auch auf der Internetseite des Forums Palastweiher zu finden.

Infos unter www.palastweiher.de und www.koenigssommer.de