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März 1945 in Rhöndorf: Kriegszeit im Rheinidyll

März 1945 in Rhöndorf : Kriegszeit im Rheinidyll

Sie sollten dem Feind die Stirn zeigen. Aber Bäckermeister Peter Profittlich schickte die notdürftig ausgerüsteten Männer des Volkssturms lieber nach Hause, statt sie zu "Kanonenfutter" zu machen. "Ich führe keinen Partisanenkrieg", ließ sich Profittlich, selbst ehemaliger Frontsoldat in beiden Weltkriegen, nicht umstimmen.

Als der Krieg vor 70 Jahren auch in seine Heimat kam, hatte der Rhöndorfer eigentlich einen ganz anderen Auftrag zu erfüllen. Profittlich sollte nicht nur den Ort vor den nahenden US-Soldaten schützen, sondern auch die beiden Eisenbahnüberführungen am Steinchen und an der Karl-Broel-Straße in die Luft jagen.

Über die Schienen war am Abend des 7. März 1945 der letzte Zug gerollt. Er kehrte vom Honnefer Bahnhof zurück, weil wegen der Übernahme der Ludendorff-Brücke bei Remagen durch die Amerikaner die Weiterfahrt nach Süden versperrt war. An Bord des Zuges: mehr als 300 Schwerverwundete. Der völlig verzweifelte Oberstabsarzt konnte einige Patienten in Rhöndorf unterbringen, ehe der Lazarettzug weiter nach Königswinter, Niederdollendorf und Oberkassel fuhr, wo die Amerikaner erst später einzogen. In den Rheinorten wurden Notlazarette für die deutschen Soldaten eingerichtet.

Peter Profittlich und seine Vertrauten jagten die beiden Eisenbahnüberführungen nicht in die Luft. Stattdessen lagerten sie den gefährlichen Sprengstoff zunächst in seiner Bäckerei, und versenkten sie dann in den Fluten des Rheins. Die Eisenbahnlinie blieb heil. Eine ganz andere Zerstörung erschütterte die Rhöndorfer damals zutiefst. Ihre Pfarrkirche Sankt Mariä Heimsuchung, die sie mit großem Eigenanteil 40 Jahre zuvor in neuromanischem Stil errichtet hatten, wurde in der Nacht auf den 10. März fast völlig zerstört. US-Artillerie schoss von der anderen Rheinseite in den Ort hinein.

Die Absicht ist unklar. Galt der Feuerschlag dem deutschen Gefechtsstand auf der Besitzung Riese am Frankenweg, sollte das Rhöndorfer Tal als Nachschub- und Rückzugsweg der deutschen Truppen getroffen werden?

Unweit der Kirche, im Haus Rheinfrieden und im Parkhotel, später Sitz des Deutsch-Französischen Jugendwerks, waren Lazarette untergebracht. Erst 1949 war das Gotteshaus wieder aufgebaut. Auch Konrad Adenauer, der hier die Messen besuchte, pfiffen am Hang oberhalb der Kirche die Granaten "um die Ohren", als er am Sonntag, 11. März, von seinem Garten auf die andere Rheinseite schaute. Splitter davon hob er sein Leben lang in einer Schachtel auf.

Ein furchtbares Unglück ereilte sich in Adenauers Nähe. Familie Küster wohnte in dem Eckhaus an der Löwenburgstraße, an dem vorbei das Gässchen zum Zennigsweg führt. Ein Trupp Hitlerjungen kam von Schloss Drachenburg herab, wo sich eine NS-Elite-Schule befand. Die Jugendlichen erkundigten sich am Café Profittlich nach dem Gefechtsstand am Frankenweg und wollten ihn durch das Gässchen erreichen.

Im Hof der Familie Küster hing ein weißes Tuch. Peter Küster, seine Frau und seine drei Töchter hatten am Morgen, so wird es überliefert, durchziehenden deutschen Soldaten noch Kaffee gekocht. Nun herrschte der Anführer des Trupps Peter Küster an: "Wem gehört das Tuch?" Und schon schoss er. Tochter Katharina sah ihren Vater zusammenbrechen. Sie rief dem Schützen zu: "Drei Söhne dieses Mannes stehen im Feld." Zynisch habe der Anführer geantwortet, dann käme es ja auf einen mehr oder weniger nicht an. Der schwerverletzte Familienvater starb am Tage darauf in einem Lazarett in Rhöndorf.

Einige Tage später, am 16. März, gab es in Rhöndorf übrigens die erste Begegnung zwischen dem späteren ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Vertretern der amerikanischen Militärregierung: Lieutenant Colonel Tuhus und Captain Emerson klopften an seine Tür. Eine neue Zeit brach an.