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Kriegsende im Siebengebirge: Zeitzeugen berichten von Erfahrungen

Kriegsende im Siebengebirge : Zeitzeugen erinnern sich an die letzten Kriegstage

75 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass amerikanische Soldaten bei ihrem Vormarsch in Richtung Ruhrgebiet auch durch das Siebengebirge gezogen sind. Zeitzeugen erinnern sich an die letzten Kriegstage in der Region.

Vor genau 75 Jahren ist es in diesen Tagen her, dass amerikanische Soldaten durch das Siebengebirge gezogen sind. Zeitzeugen berichten über die letzten Kriegstage in der Region.

Hedwig Jaschke-Weber, geboren am 15. Oktober 1931, Oberpleis: „Ich habe immer gedacht, wenn eine Granate auf die Kellertreppe schlägt, dann kommen die Splitter. Und dann bist du tot“, sagt Hedwig Jaschke-Weber. „Doch ich wollte noch nicht sterben. Aber es kam ja immer wieder eine Granate, immer wieder.“ Fast zwei Wochen schlief ihre Familie im Gewölbekeller des Hauses, da die Zahl der Granateneinschläge zunahm. „Der 19. März, das war eigentlich der schlimmste Tag. Es herrschte Endzeitstimmung“, erinnert sich die heute 88-Jährige, die die letzten Kriegstage in Oberpleis erlebte.

Ihre Erinnerungen an die letzten Kriegstage sind bei Hedwig Jaschke-Weber lebendig: Als Kind hat sie die Zeit in Oberpleis erlebt. Foto: Frank Homann

Überall im Keller hätten diese Hindenburglämpchen gebrannt, weil es dunkel war, so Jaschke-Weber. „Man konnte nichts sehen. Und dann wurde auf einmal oben bei uns im Wohnzimmer gebrüllt, richtig gebrüllt.“ Ein deutscher Soldat, der desertieren wollte, sollte durch die Wehrmacht erschossen werden. „Am nächsten Morgen, das war der 20. März, da ging bei uns unten die Kellertür auf, mein Vater kommt herunter und hinter ihm ein amerikanischer Soldat. Wie das oben war, weiß ich nicht. Aber mein Vater hat bestimmt auch mit hoch erhobenen Händen draußen gestanden, musste er ja als Zivilist. ‚Der Krieg ist vorbei’, sagte Papa. ‚Ich habe einen amerikanischen Soldaten mitgebracht.‘“

„Ich hatte zwei Seelen in mir“

„Als wir wieder aus dem Keller herauskamen, hat man die Leichen der Soldaten noch auf den Straßen gesehen“, so Jaschke-Weber, die bis heute in Oberpleis zu Hause ist. „Im Dorf oben waren ja die Kämpfe gewesen. Dann haben die Männer aus dem Dorf die Handkarren geholt und die Toten begraben.“ Es fing das Aufräumen an.

Auch einige Amerikaner lebten zunächst noch im Ort. „Das Zusammenleben war ein recht freundliches. Die Kinder bekamen viel geschenkt, aber ich habe mir nie etwas schenken lassen. Ich hatte da zwei Seelen in mir“, so Jaschke-Weber. „Ich war ja froh, dass die Amerikaner da waren, aber das tat mir als Kind trotzdem weh.“ Die Amerikaner, die kamen, seien natürlich die Befreier gewesen, sagt sie. „Aber in der Schule hatten wir ja nur gelernt, dass das der größte Feind ist. Je schlechter die Zeit war, desto schlimmer wurde das Eintrichtern, dass das nur die Feinde sind.

Hans Wintersberg, geboren am 26. Juni 1926; Gertrud Wallau, geborene Buchholz, geboren am 17. Dezember 1932; Maria Buchholz, geborene Efferoth, geboren am 14. November 1927, alle Aegidienberg: „Am Nachmittag des 14. März bin ich aus dem Keller herausgegangen, dann sah ich auf den Wiesen schon Amerikaner laufen“, erinnert sich Hans Wintersberg.

Stöbern gemeinsam in den alten Fotos (v.l.): Gertrud Wallau, Hans Wintersberg und Maria Buchholz erlebten das Kriegsende in Himberg. Foto: Frank Homann

„Ich habe nur um die Ecke gesehen und plötzlich spritzte von der Hauswand Putz. Da haben die Amerikaner mich wahrscheinlich gesehen und auf die Wand geschossen.“ Er selbst war als Soldat bis Dezember 1944 bei der Ardennenoffensive im Einsatz, wegen Krankheit jedoch im März 1945 wieder in seinen Heimatort Himberg zurückgekehrt. Dort suchte die Familie Schutz im Keller ihres Hauses, als die Angriffe heftiger wurden und die Amerikaner in das Dorf einrückten.

„Ich bin nach diesem Schuss wieder reingegangen und habe nur gesagt: ‚Sie kommen. Es kann nur noch Minuten dauern’“, erzählt der 93-Jährige. Vielleicht fünf oder zehn Minuten später hätten dann amerikanische Soldaten in der Küche der Familie mit der Falltür zum Keller gestanden und gerufen: „Get up, get up, get up.“ „Wir sollten rauskommen, so habe ich das noch in Erinnerung“, so Wintersberg. „Wir sind dann also raus, ich als Letzter. Und als ich oben war, hat ein amerikanischer Soldat mit der MP in den Keller geschossen. Mehrere Schüsse“, erzählt der Aegidienberger.

„Die Kugeln pfiffen über uns herüber“

Ebenfalls im Keller der Familie Wintersberg harrte zu diesem Zeitpunkt die damals zwölfjährige Gertrud Wallau aus. „Wir mussten aus dem Keller rauskommen, alle die Hände über dem Kopf halten“, sagt sie. „Und dann war da so ein kleiner Pfad bis unten auf die Straße, da mussten wir heruntergehen“, sagt die heute 87-Jährige. „Unten aber waren noch die Deutschen, die haben zu uns geschossen. Die Kugeln pfiffen über uns hinüber“, sagt sie.

Am nächsten Morgen seien alle Dorfbewohner von Himberg und Neichen, etwa 60 bis 80 Menschen, in eine Feldscheune gebracht worden, wo sie bis zum Morgen des vierten Tages blieben. „Wer nach Hause gehen konnte, durfte dann irgendwann nach Hause gehen. Wer nicht nach Hause konnte, musste da bleiben.“, erzählt die 92-jährige Maria Buchholz. Schließlich seien bis zu diesem Zeitpunkt drei oder vier Häuser im Ort in Flammen aufgegangen und alles verbrannt. 17 Jahre war sie alt, als die Amerikaner nach Himberg kamen.

„Die Amerikaner waren wirklich sehr gut, die haben keinem was getan“, sagt sie in der Rückschau. „Im Gegenteil: Die haben jedem geholfen, haben Schokolade gebracht und Kaffee. Auch die deutschen Soldaten haben uns vorher schon immer gesagt ‚Bleibt zu Hause, die Amerikaner tun euch nichts‘“, sagt sie. „Und es stimmte: Sie haben uns nichts getan.“