Königswinter-Eudenbach: Helga Vöth ist seit 40 Jahren als Schülerlotsin tätig

Mit Leidenschaft : Helga Vöth ist seit 40 Jahren als Schülerlotsin tätig

Die Eudenbacherin Helga Vöth führt seit 40 Jahren Grundschüler sicher über die Straße. Sie kannte schon die Großeltern als Schüler.

Ihre erste Kelle hat Helga Vöth noch. Im Wohnzimmerschrank bewahrt sie das gute Stück – der Stiel aus griffigem Holz, die Metallscheibe in Rot und Weiß beklebt – auf. 1979 hat die heute 69-Jährige zum ersten Mal zur Kelle gegriffen und die Jungen und Mädchen in Eudenbach sicher über den Zebrastreifen vor der Grundschule gebracht. Seitdem ist die resolute Dame Schülerlotsin. Und gehört damit zu den dienstältesten Verkehrshelferinnen – so der offizielle Titel – im Land Nordrhein-Westfalen.

Helga Vöth sitzt in ihrem Esszimmer, trinkt eine Tasse Kaffee. Aus dem Fenster blickt sie direkt hinüber auf die andere Straßenseite zur Grundschule. Eine halbe Stunde bleibt ihr noch. „Als meine Tochter hier im August 1979 eingeschult wurde, dachte ich mir: Schülerlotsin? Warum auch nicht?“, erinnert sie sich. Zur Kindererziehung pausierte die gelernte Einzelhandelskauffrau damals in ihrem Beruf. „Und als das ältere Ehepaar, dass den Lotsendienst übernommen hatte, die Aufgabe abgeben wollte, bin ich eingesprungen.“ Bis heute.

Jeden Morgen klingelt der Wecker

Jeden Morgen um 7.15 Uhr klingelt ihr Wecker. Auch, nachdem Vöth vor sieben Jahren in Rente ging. Pünktlich um 8 Uhr steht sie mit Warnweste und Kelle am Zebrastreifen im Unterdorf, egal, ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit. „Das kann auch schon mal richtig ungemütlich sein“, gibt sie zu. „Zumal jetzt im Winter, wenn es morgens noch dunkel ist.“ Gemeinsam mit den Jungen und Mädchen geht sie dann einige Meter bis zum Zebrastreifen vor der Grundschule, gewährleistet, dass die Kinder sicher bis zum Schuleingang kommen. „Unter meiner Aufsicht hat es hier in den vergangen vier Jahrzehnten keinen Unfall gegeben“, sagt sie. Und es klingt durchaus ein bisschen stolz.

Erst nach dem Frühdienst gibt es bei den Vöths Frühstück. „Dann wollen mein Mann und ich ja in aller Ruhe zusammensitzen und uns nicht hetzen.“ Etwa ab 11.40 Uhr ist die 69-Jährige erneut gefragt: nach der vierten, fünften und manchmal auch noch nach der sechsten Unterrichtsstunde, wenn die Jungen und Mädchen Schulschluss haben. „Danach gibt es bei uns Mittagessen.“ Da ist Vöth kategorisch.

Warum?

Warum macht sie dieses Ehrenamt? „Warum nicht?“ fragt sie zurück und zuckt mit den Schultern. „Irgendjemand muss es doch machen.“ Ihre Aufgabe als Schülerlotsin strukturiere ihren Tag. „Sonst würde ich ja doch vielleicht morgens länger liegenbleiben.“ Einmal habe sie in 40 Jahren gefehlt, da sei sie im Krankenhaus gewesen. Auch ihre Urlaube planen die Vöths nach dem Schulferienkalender in NRW. „Was das Reisen natürlich immer etwas teurer macht als außerhalb der Hauptsaison.“ Ihre monatliche Aufwandsentschädigung spare sie, um so die Reisen mitzufinanzieren. „Seit 1979 habe ich nur einmal außerhalb der Ferien Urlaub gemacht“, erzählt sie. „Da hatte meine Cousine runden Geburtstag.“ Eine Vertretung hatte sie sich für diese Zeit im Übrigen auch gesucht.

Für die Kinder sei sie eine feste Institution. „Die müssen auf mich hören“, sagt Vöth, die auch schon mal ihre Stimme erheben kann. „Früher waren die Kinder noch ein bisschen schüchterner, das hat sich etwas verändert. Aber ich kann mich durchsetzen. Ich bin ein impulsiver Mensch.“ Die Eudenbacherin kennt ihre Schützlinge. „Mittlerweile lotse ich ja schon die Kindeskinder.“ Auch gedrückt werde sie schon mal. Neulich erst habe ihr ein Junge eine Taschenlampe geschenkt, damit sie auch im Winter morgens noch mehr Licht hat.

Resolut wird Vöth auch, wenn die Autofahrer nicht auf ihre Zeichen als Verkehrshelferin achten. „Das Miteinander im Straßenverkehr ist in den vergangenen Jahren rücksichtsloser geworden“, hat sie beobachtet. „Da bekommt man morgens auch schon mal einen Vogel gezeigt.“ Im Dezember feiert Helga Vöth ihren 70. Geburtstag. „Ich hatte schon mal überlegt, dann aufzuhören“, sagt sie. „Aber ich denke, ich mache weiter, so lange ich das kann. Warum auch nicht?“ Sie greift zu Kelle und Weste, die halbe Stunde ist herum.