Film- und Gesprächsabend im Siebengebirgsmuseum in Königswinter: Kampf gegen das Vergessen

Film- und Gesprächsabend im Siebengebirgsmuseum in Königswinter : Kampf gegen das Vergessen

Ein Buch des Gedenkens, so steht es im Titel, sollten die 200 Seiten sein, auf denen Historiker Manfred van Rey Mitte der 80er Jahre das Leben und Sterben der jüdischen Mitbürger in Königswinter schilderte. Seine Motivation: der Kampf gegen das Vergessen.

Denn erst kurz zuvor war er auf sogenannte „Nichtarier-Listen“ der Nationalsozialisten gestoßen – ein makaberes Register derjenigen Menschen, denen das Regime zur Reichstagswahl 1936 das Wahlrecht verwehrt hatte. Darunter fielen nicht nur Erwachsene, sondern auch alle neugeborenen „nichtarischen“ Kinder.

Aufsehen erregte das Buch, als sich der Publizist und Regisseur Ralph Giordano des Themas annahm und unter dem Titel „Die Juden von Königswinter“ einen noch heute eindrucksvollen Dokumentarfilm zur Geschichte der Stadt schuf. Bei einem großen Film- und Gesprächsabend im Siebengebirgsmuseum wurde nun des Schicksals der Königswinterer Juden gedacht. In den Worten des Films: „Es waren nicht viele, aber sie lebten hier 800 Jahre – bis zu ihrem Untergang.“

Fast 900 Jahre liegt die erste urkundliche Erwähnung jüdischen Lebens in der Region zurück, sie stammt aus den Jahren 1148/49 zur Zeit des Zweiten Kreuzzugs. Namen sind jedoch erst ab dem 17. Jahrhundert zu finden – damals diente eine sogenannte „Juden-Ordnung“ als Register für die argwöhnisch beäugten Mitbürger.

Gleichberechtigung erzielten sie erst im Deutschen Kaiserreich, feierten etwa die Einweihung der Oberdollendorfer Synagoge im April 1872 mit einem zweitägigen Ball im Weingut Sülz, damals noch in jüdischem Besitz. Die heutigen Verhältnisse seien so ganz anders als die Barbarei des Mittelalters, lobte der Festredner seinerzeit in höchsten Tönen. Doch noch zur Jahrhundertwende 1900 brüstete sich eine Herberge am Rheinufer auf Postkarten mit besiegelter und beglaubigter Judenfreiheit: „Viele Grüße aus dem judenfreien Hotel Kölner Hof“, hieß es da.

In der Weimarer Republik erfuhren die Juden schließlich Zugehörigkeit, ein gewisser Paul Süßkind war einst sogar Schützenkönig der Hubertus-Schützen. Doch ein Foto aus dem Jahr 1926, das Adolf Hitler und Rudolf Heß auf der Königswinterer Fähre zeigt, wirft Schatten über die vermeintliche Idylle. „Ich bin ein Königswinterer Jung, mir tun sie nichts“, beteuerte Ladenbesitzer Albert Cahn noch lange nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sogar noch nach den Novemberpogromen.

Erst auf flehentliches Bitten seiner in England lebenden Tochter Hilde Homer ließ er sich schließlich überreden, seine Heimat, an der er so sehr hing, zu verlassen. Im letzten Augenblick: Während Bürgermeister Müller triumphierte, seine Stadt sei endlich frei von Juden und Mischehen, begann ab Mitte 1941 die Deportation: erst unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht im „Judenlager“ Much, später weiter nach Osten Richtung Auschwitz.

Doch, das beteuerten die Zeitzeugen im Film, es gab auch im braunen Königswinter „liebe Menschen, die einander halfen“. Einige hielten von 1933 an unbeirrbar zu ihren jüdischen Bekannten, obwohl sie dafür im Hetzblatt „Der Stürmer“ immer öfter als Volksverräter angeprangert und von Nachbarn angefeindet wurden. Manche versteckten gar jüdische Freunde im eigenen Keller – jahrelang, bis zur Befreiung im Mai 1945.

Das Schicksal der Juden sei es gewesen, einen zweifachen Tod zu sterben, lautete das Fazit des Films: Den einen bis 1945 durch Massenmord und Freitod, den zweiten nach Kriegsende durch Verschweigen. Denn auch in Oberdollendorf gab es nichts mehr, was an die jahrhundertelange Geschichte der Juden erinnerte. Man habe die Augen aus einem kollektiven Schuldgefühl heraus geschlossen, sagte Rey, sichtbar berührt vom Film, den er jahrzehntelang nicht gesehen hatte: „Und wenn sie einmal verschlossen sind, bleiben sie es auch.“

Zu schwer sei es gewesen, sich selbst dem Vorwurf zu stellen, man habe sich durch Nichtstun mitschuldig gemacht. Dem Vergessen müsse daher der Kampf angesagt werden, so der Tenor der anschließenden Diskussionsrunde: „Denn im Judentum ist man erst wirklich tot, wenn sich niemand mehr an einen erinnert.“

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