Eisbach: Wieso das Dorf ein Vorbild ist

Ein Ort mit Eigeninitiative : Wieso das Dorf Eisbach ein Vorbild ist

Tempobremse oder Klimaschutz: Die 206 Eisbacher nehmen die Sache selbst in die Hand. Wegen seiner Eigeninitiative wird das Dorf in Königswinter immer wieder als Vorbild genannt.

Manchmal ist es den Eisbachern selbst ein wenig unangenehm, dass sie in Königswinter immer wieder als Vorbild genannt werden. Aber meistens sind sie durchaus stolz darauf. Denn es hat viel mit Eigeninitiative zu tun.

Sie haben schließlich nicht gewartet, bis die Stadt bereit war, die Wegekreuze am alten Bittweg von Oberpleis nach Eisbach zu restaurieren, sondern es selbst gemacht. Sie haben nicht gewartet, bis die letzten Zeitzeugen gestorben waren, die etwas über früher erzählen konnten, sondern in Eigenregie ein 340 Seiten starkes Buch über ihr Dorf mit dem Titel "Eisbach ist anders" herausgegeben. Sie haben nicht darauf gewartet, dass sie von irgendwoher Geld für den Erhalt der Marienkapelle bekamen, sie gründeten eine Stiftung.

Sie haben auch nicht gewartet, bis die Stadt gegen Raser auf der Eisbacher Straße vorging, sondern ein eigenes Konzept zur Verkehrsberuhigung entwickelt, umgesetzt und finanziert. Das kostete immerhin 30.000 Euro. Sie haben auch nicht gewartet, bis Politiker Maßnahmen zum Klimawandel beschließen. Stattdessen haben sie angefangen, im Dorf nachhaltiger und ressourcenschonender zu handeln. Auf den Dorffesten gibt es kein Einweggeschirr mehr. Auf siebeneinhalb Hektar wurden Streuobstwiesen angelegt. In den Gärten und an den Seitenstreifen der Straßen und Wege wurden Wildblumenwiesen als Lebensraum für Insekten geschaffen.

Bewohner von Eisbach starten Initiative zur Anschaffung von E-Bikes

Die Eisbacher starteten auch eine Initiative zur Anschaffung von E-Bikes und zur Installation von Fotovoltaik-Anlagen. Für Burkard Severin, Vorsitzender der Stiftung Eisbacher Marienkapelle, hat diese zupackende Art eine lange Geschichte, die bis zum Bau der Marienkapelle in den Jahren 1869/1870 zurückgeht. "Die Eisbacher haben nie gewartet, sondern immer selbst gemacht. Es gab immer ein paar Leute, die alle zusammengebracht haben", sagt er.

So errichteten die Dorfbewohner Ende des 19. Jahrhunderts in Eigenarbeit und aus Eigenmitteln eine Frischwasserversorgung und den Anschluss an das Stromnetz. Severin selbst hat die Eisbacher als sehr offen erlebt, als er in den 1990er Jahren in den Ort kam und sein Haus sanierte. "Die Leute blieben stehen und man war schnell miteinander im Gespräch", erzählt er. Sein Stellvertreter Stephan Neudecker, auch ein Zugezogener, lernte das Dorf durch seine Frau kennen. "Karin kommt aus Eisbach. Es war für mich immer anziehend, hier mitzufeiern, weil man als Fremder nicht schief beäugt wurde. Ich wollte gerne ein Eisbacher werden", sagt er. Er genieße es, in der Gemeinschaft zu leben, der Gemeinsinn spiele eine große Rolle. "Hier wird aber niemand gezwungen, etwas zu machen. Es gibt auch welche, die sich da raushalten."

Das kleine Gotteshaus ist auch Kunst-Kultur-Kapelle. Foto: Frank Homann

Aber auch in Eisbach sei nicht alles perfekt, es komme durchaus mal zu zwischenmenschlichen Animositäten. Claudia Weber, ein bisschen das Mädchen für alles, wenn es im Ort etwas zu organisieren gibt, kam ebenfalls durch ihren Mann Alex vor zehn Jahren nach Eisbach. "Ich durfte nicht hierher ziehen, bevor ich nicht alle Namen kannte. Bei unseren Spaziergängen an den Wochenenden hat mir Alex zu jedem Haus den Namen gesagt", berichtet sie. Beide wurden 2015 Prinzenpaar in Oberpleis. Wenn es um den Karneval geht, bleibt Eisbach durchaus nicht unter sich, auch wenn es seit drei Jahren eine eigene Karnevalsgesellschaft mit zurzeit 42 Mitgliedern gibt.

In Eisbach gab es zeitweise einen Prinzenpaarweg

Allein am Hasenweg wohnen vier Prinzenpaare, sodass die Straße für einige Zeit kurzerhand in Prinzenpaarweg umbenannt wurde. Sogar die Post an diese Adresse kam an. 206 Einwohner hat Eisbach, darunter rund 40 Kinder und Jugendliche. Früher gab es eine unsichtbare Grenze zwischen dem alten Ortskern und Neu-Eisbach. Die Menschen im Fasanenweg oder Kuckucksweg fühlten sich nicht richtig zugehörig. Doch seit den Tagen, als man gemeinsam für die Verkehrsberuhigung sorgte, hat sich auch das geändert. "Schweiß verbindet", hat Severin festgestellt. Die Maßnahmen hätten den gewünschten Erfolg gebracht. Seitdem sind Fahrzeuge, die aus Richtung Rübhausen kommen, auf der Eisbacher Straße im Schnitt nur noch mit 34 Stundenkilometern unterwegs. Vorher waren es 56.

Alles in Eisbach dreht sich um die Kapelle. In der 2015 natürlich selbst initiierten Reihe Kunst-Kultur-Kapelle fanden schon 32 Veranstaltungen statt. Nicht jede trifft den breiten Publikumsgeschmack, die meisten sind jedoch gut besucht. Und die nächsten Projekte stehen an. Zur 150-Jahr-Feier der Kapelle im Oktober 2020 soll es ein neues Buch geben, das ähnlich umfangreich ausfallen wird wie das erste aus dem Jahr 2009. Auch eigene Ortsschilder mit dem historischen Namen "Isbich" sind in Arbeit. Als Pilotprojekt in Abstimmung mit der Stadt sollen die Schilder demnächst an den drei Ortseingangsstraßen zusätzlich aufgestellt werden. "Wir sind darauf angewiesen, dass wir die Ressourcen nutzen, die da sind", sagt Severin.

Leute mit handwerklichen Fähigkeiten würden ebenso gebraucht wie Leute, die mit Geld umgehen können. Vielleicht sei ein Grund für die gute Gemeinschaft, dass Eisbach immer ein bisschen abseits gelegen habe. In wirtschaftlich schwierigeren Zeiten sei man zum Beispiel darauf angewiesen gewesen, gemeinsam einen Backes zu betreiben, sich Geräte auszuleihen oder gegenseitig auf das Vieh aufzupassen. Dieser Gemeinsinn habe sich bis heute gehalten. "Wir passen in guter Weise aufeinander auf", so Severin. "Das Schöne ist, dass man im Ort gerne gemeinsam feiert, aber auch gemeinsam anpackt", ergänzt Neudecker. Es gebe ein Einverständnis, dass Eisbach auch für die nächste Generation lebenswert bleiben solle. Zwei ganz entscheidende Personen seien dabei Pfarrer Werner Buchholz und - Burkard Severin. Neudecker: "Es braucht nicht nur Hände, sondern auch Kopf und Herz, um Dinge anzustoßen."