März 1945 in Königswinter: Der erste Kaugummi seines Lebens

März 1945 in Königswinter : Der erste Kaugummi seines Lebens

Richard Kern und andere Königswinterer erinnern sich an die Begegnungen mit den im März 1945 vorrückenden Amerikanern.

"So um die Mittagszeit waren sie bei uns an der Dollendorfer Straße. Wir hatten noch schnell einen schwer verletzten deutschen Soldaten ins Krankenhaus gebracht - und dann waren sie da." Altbürgermeister Günter Hank erinnert sich noch genau an den 16. März 1945. Heute vor 70 Jahren zogen die amerikanischen Soldaten auch in Königswinter ein. Gasse für Gasse der Altstadt durchstreiften sie - mit der MP im Anschlag.

Ursula Biesing war damals neun Jahre alt und hockte im Gewölbekeller des "Großen Hillesheim". Ihre Familie war in Köln ausgebombt und hatte in der Heimatstadt ihres Vaters Zuflucht gesucht. Im "Hillesheim", wozu Bäckerei und Fremdenpension gehörten, erlebte das Mädchen die dramatischen Stunden des Kriegsendes.

"Der Deckel zum Gewölbekeller wurde ganz langsam angehoben und sofort wieder geschlossen", erzählt Ursula Biesing. "Angst hatte ich nicht. Als Königswinter beschossen wurde, da schon." Ihr Vater hatte es abgelehnt, wie so viele Menschen aus Königswinter, in den Ofenkaulen im Siebengebirge Schutz zu suchen. "Er war der Ansicht, wenn uns etwas passieren soll, dann passiert es da oder dort. In den Ofenkaulen war es kalt und feucht, es gab nichts zu essen. Dem wollte er uns nicht aussetzen."

Richard Kern, der spätere Fotograf vom Drachenfels, entsinnt sich genau an diese Ereignisse, die er als zehnjähriger Bub erlebte: "Die Amerikaner, die zu uns in die Ofenkaulen kamen, hatten mehr Angst als wir. Sie waren aufgeregt, verschwitzt, und sie waren friedlich. Wir hockten da ganz ruhig. Am Eingang hatten wir einen Stock mit einem weißen Betttuch hingestellt. Viele Altstädter hatten dort Schutz gesucht. Wir hatten Betten aufgestellt. Wasser holten wir an der Talstation, dort kam vom Berg frisches Quellwasser. Wer beim Bäcker Brot holen wollte, musste ihm Wasser bringen. Damals habe ich erfahren, wie lecker steinhartes Brot sein kann."

Überliefert sind auch die Erinnerungen des Friseurs Wolfgang Dudek, der mit seiner Mutter in die Cossmannsche Höhle, eine Ofenkaule vor dem Milchhäuschen, gezogen war. Der Vater hielt zu Hause die Stellung. Am Abend vor dem Einmarsch der Alliierten war er im Ort, besorgte noch ein Brot in der Bäckerei Hillesheim. Am Morgen sollte er in die Höhle zurückkehren. Vater und Sohn schliefen im Keller, als den Jungen das Rasseln von Panzerketten weckte.

Er vermutete, dass es ein US-Panzer auf Erkundungsfahrt in der Grabenstraße war. Auf dem Weg zur Ofenkaule am Morgen traf er dann drei deutsche Soldaten, die ihn nach dem Weg nach Oberpleis fragten. Königswinter sei kampflos aufgegeben worden, berichteten sie ihm. Wenig später kamen auch in seine Höhle amerikanische Soldaten. Hier erhielt er den ersten Kaugummi seines Lebens. So wie auch Richard Kern. "Abends legte ich ihn in einen Eierbecher mit ein bisschen Zucker, damit er am nächsten Morgen wieder schmeckte." In diesen Tagen lernten die Kinder nicht nur Chewing Gum kennen, sondern die meisten von ihnen sahen wohl auch erstmals im Leben einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe.

Im Amtsgericht hatten die Besatzer Quartier bezogen. Wolfgang Dudek spähte durch die Bretterritzen und beobachtete, wie Soldaten Akten zusammenschleppten und anzündeten. Dass dieses Gebäude gerettet werden konnte, war Schiffbauer Giesen zu verdanken, der mit seinen Söhnen löschte. Sie wohnten in der Feuerwache hinter dem Amtsgericht. Der Junge verfolgte auch, wie der Nachschub über die Grabenstraße und die Drachenfelsstraße rollte. Und als die Kurve zu eng war, fuhr der Panzerführer mit voller Kraft in den Wintergarten des Bergischen Hofes. Am Kaiserhof an der Bahnhofstraße soll das ebenfalls passiert sein. Ein riesiger Räumbagger "kehrte" die Straße frei. Unentwegt ging es weiter gen Osten.

Schweizer Generalkonsul als Parlamentär

Dass Königswinter von einem Bombardement oder von Luftangriffen in den letzten Tagen verschont blieb, haben die Menschen dort einem Schweizer zu verdanken. Franz-Rudolph von Weiss, Generalkonsul der Schweiz, bewohnte seit 1943 die Villa Merkens in Rhöndorf. Er vermittelte schon die kampflose Übergabe Bad Godesbergs am 8. März und setzte von da an alles daran, dass auch Honnef, Rhöndorf und Königswinter ohne größere Kampfhandlungen eingenommen werden würden.

Hier gab es mehrere Lazarette, Rhöndorf war zudem Sitz des Schweizer Konsulats. Schon am 11. März hatte der amerikanische Stadtkommandant von Godesberg rund um das Lazarett im Düsseldorfer Hof regen militärischen Betrieb ausgemacht. Es war also nur eine Frage der Zeit bis zum intensiven Beschuss. Am 12. März bestiegen Weiss und ein Mitarbeiter jeweils ein Ruderboot, kennzeichneten es mit einer Schweizer und einer weißen Fahne und fuhren von der Fähranlegestelle in Mehlem über den Rhein. An der damaligen Hindenburgstraße gingen sie an Land.

Im Hotel Wenzel traf der Generalkonsul den deutschen Abschnittskommandeur, dem er das Angebot der Amerikaner unterbreitete, das Gebiet zur neutralen Zone zu erklären. Der plädierte für eine ganztägige Waffenruhe, die den Deutschen die Evakuierung ihrer Verwundeten gen Osten ermöglichen sollte. Das funktionierte nicht mehr, weil die Wege abgeschnitten waren. Und die Amerikaner schossen bereits vier Stunden später wieder auf die Artilleriestellungen auf dem Sauren Berg und im Siebengebirge.

Den Einmarsch der Amerikaner erlebte von Weiss selbst am 16. März im Lazarett im Düsseldorfer Hof, als alle hofften, dass der Widerstand des deutschen Militärs aufhören möge. Als die ersten Amerikaner im Hof des Krankenhauses Einlass begehrten, verbürgte sich der Generalkonsul dafür, dass in dem Gebäude keine Soldaten seien und der Zutritt wegen Fleckfieber nicht möglich sei.

Die Königswinterer benannten 1956 eine Straße nach von Weiss.

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