Josef Thomas aus dem Siebengebirge

Auch mit 80 Jahren stets einer der Ersten

Thomasberg. Wenn es einen Titel „Läufer des Siebengebirges“ gegeben hätte, an Josef Thomas hätte über Jahrzehnte kein Weg vorbeigeführt. Er dominierte einst die Läufe in der Region und er rief den Lauftreff ins Leben.

Anfang Mai beim Leichtathletik-Sportfest in Oberpleis. Josef Thomas ist einer der Ersten. Der Geruch der neuen Tartanbahn kitzelt den 81-jährigen Thomasberger, der früher selbst der erfolgreichste Läufer des Siebengebirges war, in der Nase. Wettkampfluft – wie oft hat er die selbst geschnuppert. Schade nur, dass er schon bald wieder nach Hause muss. Seine Diabetes legt großen Wert auf Pünktlichkeit. Die nächste Spritze wartet.

Einige Wochen später bei Josef Thomas zu Hause an der Hirschbergstraße in Thomasberg. Dort ist alles picobello. Ordentlich hat er in mehreren Wäschekörben auch sein Laufleben dokumentiert. In Stapeln von Urkunden, Bestenlisten, Zeitungsartikeln, Fotos und persönlichen Notizen ist alles akribisch aufgezeichnet. Er erinnert sich noch an viele seiner Lauferfolge – oft auf den Tag genau. Dabei hilft ihm der General-Anzeiger. „Jeden Morgen löse ich das Rätsel im GA. Wenn der Kaffee durchgelaufen ist, bin ich meistens fertig. Das ist gut für das Gedächtnis“, sagt er und schmunzelt.

Wenn es einen Titel „Läufer des Siebengebirges“ gegeben hätte, an Thomas hätte über Jahrzehnte kein Weg vorbeigeführt. 1955, viele Jahre vor Beginn des Laufbooms, traf er sich schon jeden Donnerstag mit zehn Ausdauerläufern an der Tankstelle in Thomasberg, um eine Runde um den Oelberg zu rennen. „Wenn wir es mal bis zum Petersberg geschafft haben, waren wir ganz stolz“, sagt er. Die Wurzeln des Laufsports im Siebengebirge lagen dabei nicht etwa in einem Leichtathletikverein, sondern im damals noch existierenden Skiclub Thomasberg. Wobei mit Skifahren der Langlauf im Winter gemeint war. „Die alpine Ausrüstung war damals zu teuer“, erinnert er sich. Da in unseren Breiten nun mal selten Schnee liegt, wurde in der Regel gelaufen. Der Skiclub veranstaltete auch insgesamt 29 Herbstwaldläufe.

1963 übernahm Thomas dann gemeinsam mit Rainer Schiefer die Leitung der neuen Leichtathletikabteilung im TuS Thomasberg. „Rainer hatte als Lehrer in Thomasberg die jungen Leute, während ich mich um die Reiferen gekümmert habe“, erzählt er. Auch der TuS richtete elf Volksläufe mit Halbmarathon im Siebengebirge aus. 1973 gründete Thomas die Leichtathletik-Gemeinschaft Siebengebirge mit.

Zwei Jahre später schlug dann die Geburtsstunde des Lauftreffs Siebengebirge. „Der Lauftreff war immer mein Herzblut“, sagt er. Zuvor hatte man sich jahrelang jeden Sonntagmorgen im Siegburger Stadtwald getroffen, um mit den Laufbegeisterten aus Siegburg und Troisdorf zu trainieren. „Sogar der Abt vom Michaelsberg rannte damals mit“, so Thomas. Irgendwann wurde das den Thomasbergern aber zu lästig. Am Ostermontag 1975 trafen sich 150 Teilnehmer auf der schneebedeckten Margarethenhöhe. Erster Lauftreffleiter war der verstorbene Paul Rossler. „Paul strahlte Ruhe aus und hatte viel Fingerspitzengefühl für die Einsteiger, die sich noch nie bewegt hatten“, sagt Thomas. Für die Anfänger gab es eine Gruppe, in der sie fünf Minuten laufen mussten. Er selbst war lieber mit den Schnellen unterwegs.

Die 70er Jahre waren schließlich seine besten Jahre. Eine Vielzahl der Siegerurkunden stammen aus diesem Jahrzehnt. Acht Erfolge beim Insellauf auf der Insel Grafenwerth, der damals erst über vier, später über zehn Kilometer auf mehreren Runden über die Insel führte. Sechs Siege beim Adenauer-Lauf des Rhöndorfer TV. Unzählige erste Plätze beim Michaelsberg-Lauf in Siegburg. Auch auf der Bahn war Thomas kaum zu schlagen. In der deutschen Bestenliste der 32- bis 39-Jährigen tauchte immer wieder sein Name auf. Noch heute hält er in dieser Klasse die Kreisrekorde über 800 m (1:57,7), 1000 m (2:32,4) und 2000 m (5:47,7). Die ersten beiden Rekorde stellte er im Peter-Breuer-Stadion in Königswinter auf.

Sein Beruf gestattete ihm dabei gewisse Freiheiten. Thomas gehörte 1955 zu den ersten 300 Bundeswehrsoldaten in Andernach. „Da wurde jede freie Minute Sport gemacht, sodass ich dachte, ich gehe kaputt“, erinnert er sich. 1957 wechselte er nach Rheinbach, später ins Verteidigungskreiskommando in Bonn, wo er 16 Jahre lang Personalratsvorsitzender war. Die letzten Jahre seines Berufslebens verbrachte er in der Medienzentrale der Bundeswehr. Der damalige Verteidigungsminister Manfred Wörner wurde zu einem Freund, mit dem er am Wochenende im Siebengebirge laufen ging.

2000 endete seine Zeit bei der Bundeswehr. 2004 hätte der Bauchspeicheldrüsenkrebs ihn fast das Leben gekostet. „Da waren gerade die Olympischen Spiele in Athen“, assoziiert er selbst diesen Lebensabschnitt mit einem Sportereignis. „Wer ein erfolgreicher Sportler war, hat auch eine Chance, aus einer solchen Situation als Sieger hervorzugehen“, sagt er heute rückblickend. Und versucht anderen Menschen Mut zu machen, dass es auch bei dieser Diagnose durchaus noch Hoffnung gibt. Schon wenige Wochen nach der Erkrankung marschierte Thomas mit Stöcken schon wieder walkend durch den Wald. Heute hilft er immer noch gerne bei Sportveranstaltungen. Früher organisierte er viele Sportfeste und Läufe selbst.

Für das Foto wirft sich Thomas, der an der Wiesenstraße in Thomasberg geboren wurde, noch einmal in Schale – oder besser gesagt ins Trikot seines geliebten Lauftreffs. Als Kulisse hat er sich etwas Besonderes ausgedacht. Ein paar Meter will er den Weg rund um den Steinbruch am Limperichsberg laufen. „Dort fanden früher sogar mal Waldlaufmeisterschaften statt“, erzählt er. Wo könnte man den Läufer des Siebengebirges auch besser fotografieren?