Kanal „Gewitter im Kopf“: Youtuber aus dem Siebengebirge spricht über Tourette

Kanal „Gewitter im Kopf“ : Youtuber aus dem Siebengebirge spricht über Tourette

Unwillkürliche Bewegungen und ständige Schimpfwörter: Damit müssen Menschen mit Tourette-Syndrom leben. Jan Zimmermann ist selbst betroffen. Auf Youtube klären er und sein bester Freund Tim Lehmann über die Krankheit auf.

Jan Zimmermann schlendert mit seinem Freund Tim Lehmann über die Brücke zur Insel Grafenwerth zum Treffen mit uns GA-Redakteuren. Doch sein Gang wird immer wieder von zuckenden Bewegungen unterbrochen. Dabei ruft er Schimpfwörter und andere Kraftausdrücke, die man in der Öffentlichkeit besser nicht in den Mund nimmt. Wörter wie „Hitler“, „Mörder“, „Bombe“ oder „Attentat“ sagt er ständig. Da an diesem Tag nur wenige Spaziergänger auf der Insel unterwegs sind, fallen seine Tics (siehe Infokasten) aber nur uns auf.

Denn Jan Zimmermann, 21, ist nicht etwa schlecht erzogen. Er leidet seit er sieben Jahre alt ist am Tourette-Syndrom. Während von der Krankheit mit ihren Tics in Deutschland bis zu 500 000 Menschen betroffen sein sollen, werfen nur etwa 20 Prozent mit Schimpfwörtern um sich wie Jan. Koprolalie heißt diese Form, die sich bei Jan erst in den letzten zwei Jahren entwickelt hat.

Wir haben an diesem Tag Glück, dass uns weder ein „Fick dich“ noch ein „Du bist hässlich“ entgegenschallt. Was nicht heißt, dass Jan diese Formulierungen danach nicht sofort wieder benutzen wird. Er selbst vergleicht es mit einem Niesen. Er spürt, dass es im nächsten Moment passieren wird, verhindern könne er es aber nur durch Luftanhalten. „Aber das ginge ja nicht lange gut“, sagt er.

Fantasiefigur "Gisela"

Jan und sein bester Freund Tim, 20, die ihre Schulzeit gemeinsam an der Jugenddorf-Christophorusschule in Königswinter verbracht haben, sind seit Kurzem auch Geschäftspartner. Der gemeinsame Youtube-Kanal „Gewitter im Kopf“ hat seit dem Start im Februar fast 1,4 Millionen Abonnenten gesammelt. Jan und Tim treten dabei gemeinsam auf.

Der eigentliche Star ist jedoch „Gisela“, wie die beiden die Fantasiefigur für die Ausgeburten von Jans Krankheit nennen. Gisela ist an allem schuld. Den Namen hat Tim, der seine Ausbildung zum Rettungsassistenten zurzeit unterbrochen hat, erfunden. „Ich habe mir Gisela als eine alte, schlecht gelaunte Frau vorgestellt“, sagt er. Damit sei sie das genaue Gegenteil von Jan. „Er ist der netteste Mensch, den ich kenne. Er ist immer gut gelaunt. Er ist zu jedem immer freundlich, egal ob er die Person mag oder nicht.“

Was Jan an Tim mag, müssen wir ihn nicht fragen. Er wuschelt durch die Haare seines Freundes und sagt „Struwwelpeter“. Oder er knabbert an seinem Ohr. Tim lässt sich alles gefallen. „Man kann Jans Tics nur ignorieren oder über sie lachen. Das ist der einfachste Weg, damit umzugehen“, sagt er. „Über dein Gesicht kann ich leider nur lachen“, meldet sich Gisela zu Wort. Und: „Da ist die Titanic.“ Wir sind ja auf Grafenwerth, und ein Schiff fährt vorbei.

So locker wie sich die beiden jungen Männer geben, so entspannt ist es für Jan aber nie. Jede Handlung muss vorher genau überlegt werden. Heute sind die beiden mit Tims Auto gekommen. „Ich darf in der Stadtbahn nicht in der Nähe der Notbremse sitzen. Es ist schon ein paar Mal passiert, dass ich sie dann gezogen habe“, sagt er. Autofahren könnte man im Vergleich als Risikominimierung bezeichnen. Aber auch dabei muss Jan auf der Rückbank Platz nehmen, damit er nicht ins Lenkrad greift oder die Hupe betätigt. Die Kindersicherung muss aktiviert sein, damit er nicht während der Fahrt die Tür öffnet. Als er in Köln seine Ausbildung zum Physiotherapeuten abbrechen musste, wollte er sich von seinen Mitschülern und Dozenten verabschieden. Dabei löste er in der Hochschule einen Feueralarm aus. Vier Löschzüge rückten an. Beim Zahnarzt betätigte er einmal den Feuerlöscher. „Das war eine Riesensauerei.“ Auch in der Bundesbahn zog er schon mal die Notbremse. Zahlen musste er für all dies nicht. Denn er hat ja Tourette.

Ausbildung abgebrochen

Auch in der Freizeit muss er überlegen, was er macht. Seit eineinhalb Jahren ist bei ihm auch Epilepsie diagnostiziert; im Kino war er seit drei Jahren nicht mehr, weil die Leinwand bei ihm epileptische Anfälle auslöst. Die gleiche Wirkung haben die flackernden Lichter in der Disco. Weil seine Freunde darum baten, wurden im Bonner Club „Nachtschicht“ kürzlich die Lichteffekte ausgeschaltet.

Nachdem er seine Ausbildung zum Physiotherapeuten abgebrochen hatte, scheiterten viele Bewerbungsgespräche bei Behörden und Unternehmen. In der schriftlichen Begründung der Ablehnungen wurde stets sein Notendurchschnitt genannt. Geholfen haben dürfte aber auch nicht, dass er einer schielenden Personalleiterin sagte: „Ist die Wand etwa interessanter als ich?“

Umso glücklicher ist er, dass er im August eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter beim Bundesumweltministerium in Bonn beginnen kann. „Die haben sich wirklich sehr ins Zeug gelegt. Sie haben sogar eine Informationsveranstaltung für ihre Mitarbeiter organisiert, um sie auf mich vorzubereiten.“ Auch wurde er gefragt, welche Beleuchtung und welcher Bildschirm für ihn am besten seien. „Heil Hitler!“, ruft er. Da ist Gisela wieder.

Die Idee zu einem eigenen Youtube-Kanal hatten die beiden bereits vor einem Jahr. Nach der Reportage über eine Tourette-Selbsthilfegruppe mit Jan im Mittelpunkt, die im Januar bei „Galileo“ auf ProSieben lief, bei Youtube hochgeladen wurde und viel positive Resonanz auslöste, war der Entschluss gefallen. Im Februar startete „Gewitter im Kopf“.

Menschen nicht ausgrenzen

Vier Millionen Mal wurde das Video aus dem Kölner Zoo angeklickt. „Da waren sehr viele Menschen und Tiere. Und Jan reagiert ja sehr auf äußere Einflüsse“, sagt Tim. Vor zwei Wochen drehten Jan und Tim ein Video im Haus der Geschichte. Weil mehrere Schulkassen dasselbe Ziel hatten, dauerte die Fotosession am Eingang mit den begeisterten Fans eine gute halbe Stunde.

Überhaupt ist es so, dass bei Aufmerksamkeit ebenso wie bei Stress Jans Tics deutlich zunehmen. „Das liebt meine Gisela. Da wird sie kreativ“, sagt er. Wenn er alleine sei, habe er so gut wie überhaupt keine Tics. „Ich versuche auch, fremden Leuten nicht ins Gesicht zu gucken. Entspannt durch die Innenstadt zu laufen, ist gar nicht möglich.“ Auch wenn er Englisch spreche, werden seine Tics unterdrückt, was dafür spricht, dass seine Störungen im Gehirnareal für die Muttersprache liegen.

Jan möchte sich aber nicht isolieren. „Den ganzen Tag im Kämmerchen sitzen, ist keine Alternative, auch wenn das viele Kranke sicher machen, weil sie Angst vor der Stigmatisierung haben. Wir wollen durch unseren Kanal auch erreichen, anderen Tourette-Kranken Kraft zu geben“, sagt er. Allen anderen rät er, Menschen mit Geh- oder Sprachfehler nicht auszugrenzen. „Wenn jemand auf der Straße anders ist als man selbst, sollte man ihn nicht anschauen, als käme er von einem anderen Planeten.“

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