Weinbau im Siebengebirge: Winzeralltag hinter dem Zaun

Weinbau im Siebengebirge : Winzeralltag hinter dem Zaun

Felix Pieper und Kollegen haben sich mühsam mit der Sicherheitsanlage arrangiert, die unterhalb des Siegfriedfelsens installiert wurde. Alles begann vor drei Jahren mit einem Schock: Die Bezirksregierung sperrte die Weinberge wegen Steinschlaggefahr und verhängte für die Mitarbeiter der Winzer ein Betretungsverbot.

Diesen Freitagmorgen wird Felix Pieper nie vergessen. „Ich saß am Frühstückstisch mit meinen Eltern, als es um kurz vor neun klingelte.“ Vor der Tür standen eine Dame und ein Herr vom Dezernat Betrieblicher Arbeitsschutz der Bezirksregierung Köln und teilten der Winzerfamilie mit, dass mehrere ihrer Parzellen wegen akuter Steinschlag- und Blockschlaggefahr gesperrt seien. Fast 70 Prozent der Anbaufläche war von dem Verbot betroffen.

Es war der 26. Juli 2013. „Ich war erst am Tag vorher aus dem Urlaub zurückgekommen. Da war das Urlaubsfeeling ganz schnell weg“, sagt Pieper. Den gleichen Besuch erhielt sein Rhöndorfer Kollege Karl-Heinz Broel. Für den Fall, dass die Winzer ihre Mitarbeiter dennoch in die gesperrten Bereiche schicken sollten, wurden ihnen empfindliche Geldstrafen im fünfstelligen Bereich angedroht.

Besonders die „Nonchalance“, so Pieper, mit der die Mitarbeiter aus Köln ihnen die Nachricht von so ungeheurer Tragweite und ohne jede Vorwarnung überbrachten, verwundert den Winzer bis heute. Immerhin lag das geologische Gutachten, auf das sich der Arbeitsschutz berief, bereits seit Monaten vor. Doch erst durch einen Zeitungsartikel, in dem sein Vater Bobbi Pieper sich zur Sperrung der Weinbergwege äußerte, wurde die Behörde auf die brisante Expertise aufmerksam.

Bürgerverein wollte den Petitionsausschuss anschreiben

„Wir waren damals einen halben Tag lethargisch. Dann haben wir beschlossen, uns zu wehren“, erinnert sich Felix Pieper. Noch am Nachmittag des gleichen Tages meldete sich der alarmierte, damalige Vorsitzende des Rhöndorfer Bürger- und Ortsvereins, Jörg Erich Haselier, zu Wort und kündigte an, erneut den Petitionsausschuss des Landtages anschreiben zu wollen – wie schon wegen der gesperrten Weinbergwege. Bobbi Pieper polterte angesichts der neun Millionen, die zuvor auf dem Drachenfels verbaut wurden, im General-Anzeiger gegen das Land: „Den Kopf pflegt man schön, aber die Füße lässt man dreckig.“

Der Rest ist Geschichte. Demonstrationen, Mahnwachen, die Aktion „Rettet den Wein“ waren in Windeseile organisiert. Viel länger brauchte es, eine Einigung über die erforderlichen Schutzmaßnahmen und die Kostenverteilung zu finden. Nach mehreren Terminen beim zuständigen Ministerium in Düsseldorf wurde vier Tage vor Weihnachten endlich die Vereinbarung unterschrieben, in der sich Land, Kreis, die Städte Bad Honnef und Königswinter und die NRW-Stiftung die Finanzierung teilten.

Der Verschönerungsverein für das Siebengebirge (VVS) als Träger der gesamten Maßnahme übernahm die Kosten der Sicherungsarbeiten an dem auf seinem Gebiet liegenden Siegfriedfelsen. Danach dauerte es jedoch noch bis zum August 2014, bis mit dem Bau des Sicherheitszauns begonnen wurde. Im November war er dann fertig.

Die Arbeit im Weinberg ist schwerer geworden

Durch den Zaunbau hat die Familie Pieper im Gegensatz zum Nachbarn Broel rund 2500 Quadratmeter Rebfläche in bester Lage verloren. „Unter dem Felsen herrscht ein spezielles Mikroklima“, sagt Pieper. Der hochpreisige Riesling Selektion kann seitdem nur noch auf kleinerer Fläche angebaut werden.

Auch die Arbeit im Weinberg wird dadurch erschwert, dass ein Teil des Weinbergweges weggefallen ist, so dass viel mehr per Hand getragen werden muss. „Aber besser so als gar keine Arbeit“, sagt Felix Pieper. Die Suche nach einer Ausgleichsfläche, in die sich auch der Rhein-Sieg-Kreis eingeschaltet hatte, ist bisher ergebnislos. Das Wunschgrundstück unterhalb des Ulanendenkmals, das seit einiger Zeit einer Erbengemeinschaft gehört, möchten die neuen Eigentümer nicht hergeben.

„Das wäre für uns toll, aber auch für Rhöndorf, weil es die Achse vom Ziepchenplatz bis zum Ulanendenkmal vervollständigen würde“, sagt Felix Pieper. Die Fläche sei schließlich auch Teil der Flurbereinigung vor 35 Jahren gewesen. Die von den Winzern vertraglich übernommene Verpflichtung, den Sicherheitszaun zum Beispiel nach einem Steinschlag zu warten, hat bisher noch keinen Handlungsbedarf nach sich gezogen. „Ich gucke ab und zu nach, ob da was Größeres liegt, habe bisher aber noch nichts gesehen“, sagt Felix Pieper mit einem Schmunzeln.

Langsam wächst der Zaun zu

Zurzeit diskutiert er mit dem Kreis allerdings darüber, ob der vier bis fünf Meter hohe Zaun frei geschnitten wird. „Der Kreis hätte das wegen der Eidechsen gerne, aber ich finde es aus optischen Gründen ganz gut, dass der Zaun so langsam zuwächst.“ Mittlerweile erkennt er durchaus an, dass die Winzer mit dem Zaun jetzt auf der sicheren Seite sind. „Auch wenn das damals unheimlich viele Nerven gekostet hat.“

Auf der Habenseite verbucht er aber vor allem die Unterstützung der vielen „Heinzelmännchen“, einschließlich Bürgermeister, die die Lese im Jahr 2013 und zum Teil auch noch 2014 bei Nacht und Nebel einbrachten. Viele bleibende Freundschaften und sogar Partnerschaften seien auf diese Weise entstanden.

2015 habe es ein Revival gegeben. „Ich hätte niemals geglaubt, dass so etwas möglich ist“, ist der junge Winzer immer noch beeindruckt von der großen Solidarität der Menschen aus dem Siebengebirge. Der von den „Heinzelmännchen“ gelesene Rebensaft firmierte 2013 und 2014 als „Guerilla-Wein“. Der 2015er Jahrgang mit denselben Komponenten trägt den Namen „Cuvée 7G“. „Wir wollten das nicht finanziell ausschlachten“, sagt Felix Pieper.

Denn eines verkennt er nicht. „Wir haben durch die ganze Geschichte nachhaltig an Popularität gewonnen.“ Auch ganz persönlich hat der Winzer von den aufregenden Tagen vor drei Jahren profitiert: „Seitdem weiß ich, dass man alles irgendwie hinkriegt, nachdem wir mit das dem Zaun gewuppt bekommen haben. Man wächst mit den Aufgaben.“