Musikalische Zeitreise in Bad Honnef: Vor Grafenwerth das Rheingold gehoben

Musikalische Zeitreise in Bad Honnef : Vor Grafenwerth das Rheingold gehoben

Und, hat Weltmusiker Rüdiger Oppermann das „Rheingold“ entdeckt? Unbedingt! Direkt vor der Insel Grafenwerth hob er es gemeinsam mit 17 weiteren Künstlern. Dieser Konzertabend war umwerfend, er berührte die Sinne.

Rund 150 Besucher bezogen ihren Logenplatz am Westufer der Insel. Vor ihnen ankerte ein Bühnenschiff. Der laue Sommerabend, der Blick auf den Fluss, das sich verändernde Licht, das Abendrot und später die Dunkelheit – allein die äußeren Bedingungen für die Aufführung des neuen „Rheingold“ waren wie aus dem Märchenbuch, mit Wagners Oper hatte das nichts zu tun.

Kongenial die Komposition von Rüdiger Oppermann und die poetische Geschichte von Volker Gallé, dem Vorsitzenden der Nibelungenlied-Gesellschaft Worms, die Sprecher Sven Puchelt von der Kommandobrücke des Rheinschiffes aus las und von den Musikern, alles Meister ihres Faches, in entrückende Klänge umgewandelt wurde.

Der wahre Schatz ist kein Gold, ist nichts Materielles. Der Schatz ist die Musik, die all die Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende entlang des Rheins gespielt und gesungen wurde – ihn hob Rüdiger Oppermann. War er bis dahin der weltweit agierende Klangsucher in geografisch entfernten Regionen, so widmete er sich bei diesem Projekt erstmals seiner heimischen Region, er begab sich in die Tiefe der Rhein-Musikgeschichte, legte jeden Rheinkilometer zurück und erforschte die Musik.

Uraufgeführt wurde „Rheingold“ im vergangenen Jahr in Worms. Nach der umjubelten Präsentation entstand die famose Idee, auf einem Schiff den Rhein hinabzufahren und an 15 verschiedenen Spielstätten zu gastieren. So wie in Bad Honnef mit seiner Insel Grafenwerth. Oppermann: „Jeder Ort hat seinen besonderen Charakter, aber hier ist es sehr schön, hier ist nur Natur. Die Insel hat ein besonderes Flair.“

Die Reise führt zurück bis in die Eiszeit

Das entzückte Publikum stieg mit Rüdiger Oppermann in die Tiefen der Rhein-Musikgeschichte – bis zurück in die Eiszeit legte es eine Spanne von 30.000 Jahren zurück. Um die Spielweise der Eiszeitflöte zu klären, hielten führende Spezialisten sogar eine Extra-Konferenz im Urmuseum Blaubeuren ab. In diesem Museum befinden sich die Originalinstrumente, die Flöten aus Gänsegeierknochen, Mammutelfenbein und anderen Knochen, Mundbogen und Schwirrholz. Musikarchäologe Joachim Schween gehört zum Ensemble und trug mit den Uraltinstrumenten zum Klang der Eiszeit und der uralten Folklore bei.

Bijan Mahdjub, Tausendsassa aller Blasinstrumente, und Roland Schaeffer spielten nebeneinander Rekonstruktionen der Geissenklösterle-Flöten und -oboen, kombiniert mit Mundbogen, Schwirrhölzern und Schlaghölzern. Die Geissenklösterle-Höhle war das Siedlungsgebiet der Eiszeitjäger. Die Instrumente dienten damals natürlich nicht der Unterhaltung, sie standen im magisch-spirituellen Zusammenhang. Diese Magie war auch auf Grafenwerth zu spüren.

Einfach irre, als zum dreieinhalb Jahrtausende alten Goldhut von Schifferstadt der mongolische Künstler Nasaa die Obertonmelodie sang. Er gefiel außerdem als Stimme des Hunnenkönigs Attila im Nibelungenlied und improvisierte genial auf der Pferdegeige. Natürlich gab es auch die „Lore Lay“ – Jenny Thiele sang mit hoher Stimme ganz oben auf dem Schiff.

Über 60 Instrumente gelangten bei dieser musikalischen Rheinreise zum Einsatz. Neben der Rekonstruktion uralter Musik von der Steinzeit bis zu den Römern, neben notierter Musik aus Mittelalter und Barock, hörten die Besucher auch wiederentdeckte regionale Folklore. Und sie können sich nun auch vorstellen, wie die Musik der Römer „vor ihrer Haustür“ einst klang – ziemlich fetzig und harmonisch kompliziert.

Ein Drittel der 23 Stücke stellen Eigenkompositionen von Rüdiger Oppermann dar, dem Meister der Keltischen Harfe. Nach fast drei Stunden endete die Rheinreise mit Sambarhythmen im multikulturellen Rheindelta von Rotterdam.

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