Menschen im Siebengebirge: Udo Reitz fotografiert in Bad Honnef

Menschen im Siebengebirge : Udo Reitz fotografiert in Bad Honnef

Früher war Udo Reitz in Bad Honnef und Königswinter als "Radio- und Fernsehdoktor" bekannt, weil er alte Empfangsgeräte reparierte. Im Ruhestand macht er sich nun als Hobbyfotograf einen Namen.

Bei der Antwort auf die Frage muss Udo Reitz unwillkürlich schmunzeln. Ja, sagt er, „den Radio- und Fernsehdoktor, den werde ich wohl nie so ganz los. Der hängt mir an.“ Wen wundert's? Über Jahrzehnte stand der Begriff, der den Aufsteller samt Konterfei am Ladenlokal für Radio- und Fernsehtechnik, Linzer Straße 7, zierte, für das Metier, mit dem Reitz nach 1966 als frischgebackener Meister endgültig in die Fußstapfen des Vaters getreten war.

Ende 2018 war Schluss auch mit der Radio- und Fernsehwerkstatt im Hinterhaus, in der Reitz nach Aufgabe des Ladenlokals 2014 noch Reparaturen erledigt hatte. Zugleich ist er präsent wie eh und je: Persönlich bei unzähligen Streifzügen durch seine Heimatstadt. Und virtuell, mit täglich neuen, schönen Fotos samt Likes im Netz.

Auf dem Kopf ein australischer Schlapphut, in der Hand die Kamera. „Und das dritte Auge habe ich immer dabei.“ Nicht zu vergessen: Mischlingshund Pepe als treuer Begleiter. So ausgestattet geht es spätestens um 9 Uhr morgens auf die erste Fotosafari, bevorzugt auf die Insel Grafenwerth.

Ein Drittel der Aufnahmen löscht Reitz

Vor allem Detailaufnahmen haben es dem passionierten Hobbyfotografen, der als Kind mit einer sogenannten Agfabox begann, angetan. In den 70er Jahren tat er sich mit gleichgesinnten Bad Honnefern in einem Arbeitskreis zusammen, „da habe ich sehr viel gelernt“. Technisch blieb Reitz dabei immer auf dem neusten Stand. Auch ein kleines Fotolabor gehörte zwischenzeitlich zu seiner Ausstattung. „Nur an Farbe, da habe ich mich analog noch nicht rangetraut“, sagt er heute.

Spätestens mit der digitalen Technik war das vorbei. „Früher hieß es: Ein guter Fotograf hat eine Säge und eine Kneifzange. Heute geht Bildbearbeitung komplett am Computer“, sagt der Mann, der es „nicht leiden kann, wenn ein Bild schief steht“. Digitaltechnik macht's möglich: „Gut ein Drittel der Aufnahmen kommt sowieso in den Papierkorb.“ Zur „normalen“ Fotografie und Bildbearbeitung am PC kommt als Leidenschaft jedoch noch das digitale Malen hinzu. Aufnahmen von Rheinlandschaften, Strom und Natur verleiht das eine ganz besondere Wirkung, wie einige Exemplare in Reitz' Refugium an der neuen Wohnanschrift in Selhof belegen.

Wie viele tausend Fotos er schon gemacht hat? Er weiß es nicht. Viele Ausstellungen könnte er sicher bestücken, doch seine Galerie ist eine andere: Auf seinem Facebook-Account teilt er, was vor den eigenen kritischen Augen Gnade gefunden hat. Natur und Landschaft, Schiffe auf dem Rhein, immer wieder das Aalfangschiff Aranka, aber auch Kurioses und Überraschendes wie das Tryptichon eines Baums im digitalen Malverfahren gehören dazu.

Und natürlich immer wieder Pepe, der ganz ohne Modelallüren nach Vögeln Ausschau hält oder am Ufer nach dem Nibelungenschatz sucht, wie Reitz dann kommentiert. Und warum ausgerechnet Facebook? „Ich habe einfach Freude daran, wenn den Leuten meine Bilder gefallen“, sagt Reitz. Und das tun sie. An die 500 Freunde verfolgen Tag für Tag, was Reitz vor die Kamera kommt, Tendenz steigend.

Ausbildung zum Feinmechaniker

Technikaffin war Reitz schon immer, auch das ein Erbe des Vaters. Der hatte 1933 zunächst in Köln sein Gewerbe angemeldet und eine Radioreparaturwerkstatt gegründet. Zwei Jahre später folgte der Umzug nach Bad Honnef. Nach der Kriegszäsur 1946 wagte Kurt Reitz erneut den Sprung in die Selbstständigkeit, stellte Radios, Gasanzünder und Ähnliches her und gründete Anfang der 50er Jahre seine Werkstatt an der Bahnhofstraße.

Sohn Udo, Jahrgang 1940, absolvierte eine Ausbildung zum Feinmechaniker, bevor er 1959 im väterlichen Betrieb einstieg. 1966, nach dem frühen Tod des Vaters, legte er seine Gesellen- und dann Meisterprüfung ab und führte den Betrieb an der Linzer Straße fort. Zuletzt ließ er dort in der Werkstatt manchem vermeintlich hoffnungslosen Fall seine Fertigkeiten angedeihen.

Musik ist eine weitere Leidenschaft

2018 war auch damit Schluss. Renate und Udo Reitz bezogen mit Pepe ein neues Zuhause im Herzen von Selhof. Beim Hausbesuch dort ist eine andere Leidenschaft des 78-Jährigen nicht zu übersehen. Instrumente wie ein Keyboard stehen bereit; ein Saxofon aus den 30er Jahren, eine „Quetschkommode“ („Die hatten wir in jedem Urlaub dabei.“), selbst die alte Laute seiner Mutter („Die wurde im Krieg von der Wand geschossen.“) und zwei russische Balalaikas hängen an der Wand. Musik ist unverkennbar ein weiteres Hobby des Jazz-Fans, der gerne zu Sessions geht. „Als Kind musste ich Geige lernen, aber das war nicht meins.“ Dann doch lieber Saxofon – „na ja, als ich noch jung und schön war und mehr Luft hatte“, ergänzt Reitz und lacht.

Und spielt er auch die Balalaika? „Eher nicht, ist ganz schön schwer.“ Apropos Russland: All die Jahre setzte sich Reitz für gute Zwecke ein, allen voran für Kinder im russischen Rogatschowo, 60 Kilometer nordwestlich von Moskau. Mithilfe seiner Kunden, die für das 2002 eröffnete Phönix-Kinderhaus für Straßenkinder gespendet hatten, konnte Reitz dorthin an die 25 000 Euro überbringen. Das tat er auch persönlich. „Vor fünf Jahren war ich das letzte Mal in Russland, aber Kontakt habe ich natürlich immer noch.“ Ein Herzensanliegen bleibt eben immer ein Herzensanliegen.

Und dann wären da natürlich die Tausenden Fotos, die auf CDs gesichert sind. Und aus denen er auch für Facebook immer mal wieder eine Erinnerung rauskramt wie aktuell ein Bild vom Inselcafé 2015 mit vollem Biergarten – nicht unterlegt mit dem erhobenen Zeigefinger, weil dort aktuell noch geschlossen ist, sicher aber verbunden mit dem Wunsch, dass es wieder so sein möge. Wenn es einer dokumentieren wird, dann Udo Reitz. Bei einer seiner nächsten Fotosafaris mit Pepe.

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