Ferienprojekt: Kinder in Aegidienberg errichten ein europäisches Dorf

Ferienprojekt : Kinder in Aegidienberg errichten ein europäisches Dorf

Beim Ferienprojekt des Stadtjugendrings in Aegidienberg haben 30 Kinder ein eigenes europäisches Dorf errichtet und ihre persönlichen Vorstellungen von einem fröhlichen Miteinander der Nationen verwirklicht.

Ein Europa, in dem Grenzen ein Fremdwort sind, aber in dem trotzdem jedes Land stolz auf seine eigene Währung ist. Ein Europa, in dem die Anschaffung von Briefkästen staatlich subventioniert wird und in dem das Parlament nicht etwa in einem Prunkbau tagt, sondern ganz bescheiden unter dem Dach einer Pfadfinderjurte – kann es so etwas geben? Die Antwort lautet: Ja. In Aegidienberg haben Kinder ihr ganz eigenes europäisches Dorf errichtet und ihre persönlichen Vorstellungen von einem fröhlichen Miteinander der Nationen verwirklicht.

Bereits seit drei Wochen wird auf der Wiese am Specksbau gehämmert und gesägt, genagelt und geschraubt, was das Zeug hält. Mehr als 80 Kinder haben seit Ferienbeginn auf dem Bauspielplatz Aegidienberg (BAEGI), dem abenteuerpädagogischen Ferienprojekt des Stadtjugendrings, ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. In jeder Woche sind dabei viele verschiedene fantasievolle „Länder-Häuser“ aus Holz entstanden – mit eigener Währung und eigener Post.

Spielgeld für jedes Land

Am italienischen Haus wird Mitte der Woche noch fleißig gearbeitet: Ida ist dabei, außen noch eine Art Balkon anzubringen, und klopft geschickt lange Nägel in bunt angestrichene Bretter. „Das soll später eine Freiluftdusche werden“, erläutert die Achtjährige. „Wir spannen noch eine Plane darüber, in der sich dann Regenwasser sammeln kann. Und wenn die Dusche fertig ist, können wir damit auch Geld verdienen.“ Sprich: Alle Nicht-Italiener müssen dann für die Benutzung zahlen. Leider ist auch im Europa der Kinder „ohne Moos nichts los“.

Zu Beginn der Feriennaherholungswoche haben alle Teilnehmer von Michael Neusel, der vom Leiter des Aegidienberger Jugendtreffs zum Chef der „Europäischen Zentralbank“ befördert wurde, Spielgeld erhalten. Die Währung konnten sich die verschiedenen Ländergruppen selber aussuchen: So wird in Griechenland zum Beispiel mit „Feta“ bezahlt. Dabei handelt es sich ausnahmsweise nicht um den bekannten Weichkäse, sondern um bunte Plastikmünzen.

18 Stück davon bewahrt Nina in ihrem selbst gebastelten Geldsäckchen auf und ist damit eine richtig reiche Frau – nicht nur für griechische Verhältnisse. Um zusätzlich Geld für ihre Baumaßnahmen zu erwirtschaften, hatten sich die Kinder so einiges einfallen lassen: Da wurden Specksteinamulette und Perlenarmbänder gebastelt und verkauft oder Massagen angeboten. „Mir ist allerdings auch etwas von illegalen Glücksspielen zu Ohren gekommen“, sagt Neusel und schmunzelt.

Schwingfunktion und Massageeffekt

Yannik wiederum hat für den Chef der Zentralbank höchstpersönlich einen Stuhl gezimmert. „Daran habe ich den ganzen Tag gearbeitet“, berichtet er stolz. Das Sitzmöbel macht einen durchaus stabilen Eindruck; die leichte „Schwingfunktion“ ist explizit gewollt, ebenso wie der Massageeffekt der hölzernen Rückenlehne. Neusel ist beeindruckt und lässt zusätzlich zu den vereinbarten fünf belgischen „Kanten“ auch noch eine „Kante“ Trinkgeld springen.

Das Feriennaherholungsangebot findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt – mit großer Resonanz. „In den ersten beiden Ferienwochen waren wir mit je 30 Teilnehmern ausgebucht.“ In der dritten Woche sind es zwar „nur“ 22 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 14 Jahren, „aber das ist urlaubsbedingt nichts Außergewöhnliches“. Das Besondere am Bauspielplatz: „Unser Europa ist in jeder Hinsicht inklusiv.“ Kinder mit Beeinträchtigungen sind wie selbstverständlich mit dabei. „Sachen, für die die Politik Jahre braucht, machen Kinder untereinander intuitiv. So haben sie zum Beispiel automatisch für ein gehbehindertes Mädchen eine Rampe gebaut“, berichtet Neusel.

Unterstützung vom Aalkönigs-Komitee und "Aktion Mensch"

Die Frage, ob ein behindertes Kind teilnehmen kann oder nicht, gibt es für die Veranstalter nicht. „Wir fragen uns vielmehr, was müssen wir machen, damit das Kind teilnehmen kann.“ Dank Unterstützung durch das Aalkönigs-Komitee und die „Aktion Mensch“ konnten in diesem Jahr genügend Mitarbeiter beschäftigt werden, um die Kinder entsprechend zu betreuen. Insgesamt kümmerten sich sechs Betreuer und zusätzlich zwei Schülerinnen des Hagerhofs, die ihren „Social Service“ hier ableisteten, um die Pänz.

Gerne würde Neusel den Bauspielplatz nicht nur weiterhin in den Sommerferien, sondern auch in den Oster- und Herbstferien anbieten, „aber dafür brauchen wir ein entsprechendes Gelände“. Die Wiese am Specksbau ist aufgrund des fehlenden Wasser- und Kanalanschlusses nur bedingt geeignet: „An heißen Tagen müssen wir täglich zweimal rund 120 Liter Wasser anfahren.“

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