Philosophie-Olympiade in Odense: Junge Philosophen unter sich

Philosophie-Olympiade in Odense : Junge Philosophen unter sich

Taugt die Goldene Regel "Was du nicht willst, was man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu" als universaler moralischer Grundsatz? Genauso wie viele andere junge Philosophen habe auch ich mich vor wenigen Tagen mit dieser Frage beschäftigt und bin nach mehr als vier Seiten und 3000 Wörtern zu dem Schluss gekommen, dass dieser Spruch keineswegs zum Prinzip werden darf, ist es doch zu sehr auf die subjektive Perspektive fokussiert.

Da unterscheidet es sich vom Kategorischen Imperativ Kants. Das Ganze geschah bei der Internationalen Philosophie-Olympiade (IPO) in Odense, Dänemark. Unter dem Leitwort "Kierkegaard Today" setzten sich knapp 100 Teilnehmer aus den verschiedensten Winkeln der Erde vier Tage lang in Vorträgen, Seminaren und persönlichen Gesprächen mit philosophischen Themen auseinander. Ich durfte als einer von zwei Vertretern Deutschlands in Dänemark dabei sein.

Um direkt einem Vorurteil gegenüber der Philosophie vorzubeugen: Begabte Nachwuchsdenker sind ganz normale Menschen. Und genau darin lag für mich der größte Reiz an der IPO. Nicht unbedingt das Programm wird mir am stärksten im Gedächtnis bleiben, sondern vielmehr der Kontakt und Austausch mit Gleichgesinnten aus aller Welt. Sich einfach einmal entspannt über Persönliches wie Philosophisches zu unterhalten und dabei auf derselben Wellenlänge zu kommunizieren ist etwas, das in diesem Maße nur bei einer solch außergewöhnlichen Veranstaltung möglich ist.

Der zentrale Programmpunkt wurde direkt zu Beginn abgehakt: die Endrunde diverser nationaler Philosophiewettbewerbe auf internationalem Niveau. Innerhalb von vier Zeitstunden verfasste jeder Teilnehmer einen Essay zu einem von vier vorgegebenen Themen. Gewählt werden konnten Zitate von Søren Kierkegaard, Aristoteles, Hannah Arendt oder eben die Frage mit der Goldenen Regel. Glücklicherweise fanden meine Erklärungen ein geneigtes Ohr, so dass ich mit einer "lobenden Erwähnung" knapp unter den Medaillenrängen ausgezeichnet wurde.

Ich muss sagen: Die IPO konnte meine hohen Erwartungen noch übertreffen. Abgesehen von den klaustrophobisch kleinen Hotelzimmern war die Veranstaltung in jeder Hinsicht absolut gelungen.

Alle Teilnehmer haben in der kurzen Zeit neue Freundschaften geschlossen, die dank der Möglichkeiten des Internets hoffentlich noch lange Bestand haben werden. Diese vier Tage wird niemand so schnell vergessen. Schade, dass ich als Schulabgänger nächstes Jahr nicht mehr teilnehmen kann.

Neal Graham lebt in Bad Honnef, war Praktikant beim General-Anzeiger und wird weiter als freier Mitarbeiter tätig sein. Für seinen Erlebnisbericht hat er ausnahmsweise die Ich-Perspektive gewählt.