Kunstaktion Wet Painting in Königswinter: Die ganze Stadt ist eine Galerie

Kunstaktion Wet Painting in Königswinter : Die ganze Stadt ist eine Galerie

44 Künstler aus ganz Deutschland arbeiten beim „Wet Painting“ in Königswinter einen Tag unter freiem Himmel. In der Altstadt, auf dem Drachenfels, am Marktplatz und sogar in Heisterbacherrott hatten die Künstler ihre Staffeleien aufgestellt.

Im Parkgarten von Haus Bachem, inmitten einer Pfütze aus verstreut herumliegenden Farbtuben und Pinseln, hockt Erika Morozaite und bannt die letzten Farbkleckse auf ihre Leinwand. Aus Aachen angereist, ist die 26-jährige Litauerin schon seit morgens um zehn Uhr in ihre Arbeit versunken; der Frühstückskaffee steht, noch immer unberührt, längst verwaist am Rande ihres improvisierten Ateliers. Den Abgabetermin immer im Blick, prescht sie mit temperamentvoller Impulsivität vor – wilde Pinselschwünge, die sich wie ein Puzzle zu einem abstrakten Blütenmeer zusammensetzen. Ihr Stil: schillernd, lebendig, lebensfroh.

Simon Kessel, ihr Freund und Dolmetscher, schaut gebannt zu. „Man erkennt im Bild ihre ganz eigene Handschrift“, lobt er. Eine künstlerische Handschrift, die sie sich während ihres Studiums in Schottland – erst Kunstdesign in Edinburgh, dann Schmuckdesign in Glasgow – aneignete: Zwischen den satt leuchtenden Acryltupfern glänzen Blattgoldfetzen in der Mittagssonne. „Ich verbinde einfach gerne meine beiden Leidenschaften, Malerei und Geschmeide“, sagt die Künstlerin. Ob sie beim Arbeiten ein konkretes Ziel vor Augen hat? „Nein“, sagt sie und setzt zum nächsten Pinselstrich an – „I just go with the flow.“

Die ganze Stadt eine Galerie: 44 Kunstschaffende waren am Samstag nach Königswinter gekommen, manche sogar aus Berlin und Hameln, um bei der nunmehr 14. Ausgabe des „Wet Painting“ ihre Leinwände zu füllen und sich dabei vom schaulustigen Laufpublikum über die Schulter blicken zu lassen. In der Altstadt, auf dem Drachenfels, am Marktplatz und sogar in Heisterbacherrott hatten die Künstler ihre Staffeleien aufgestellt. Veranstaltet wurde das Kunstspektakel im Rahmen des Königssommers von der Gruppe „Kunst und Kultur“ der Lokalen Agenda 21 und Galerist Dave Deighton. Wie immer zentral: der gute Zweck.

Denn die Hälfte des Erlöses der Auktion, bei der am Sonntagnachmittag die am Vortag entstandenen und teils noch immer feuchten Bilder unter den Hammer kamen, wird in diesem Jahr dem Dr.-Ehmann-Kinderhaus in Siegburg, einer Fördereinrichtung für schwerbehinderte Kinder, zugutekommen. Zum zweiten Mal dabei waren Andrea Pokorny und Gerda Holder, die sich mit einer knapp drei Quadratmeter großen Papierplane und etlichen Farbschüsselchen im überdachten Eingangsbereich des Rathauses einquartiert hatten.

Neun Acryl-Ansichten der Burgruine fertigten sie an, scharfkantig stilisiert in Schwarz und Braun. Wenige Schritte weiter stäubten die Pastellkreiden: Hans Joachim Peters bannte in feinen, aber kraftvollen Schwüngen einen ungewohnt farbenprächtigen Eselsweg auf die Leinwand, während auf der Staffelei von Andreas Royé die ehemalige Lokomotive der Drachenfelsbahn dampfte. „Dry painting“ par excellence, sozusagen.

Besonders „wet“ trug hingegen Lokalmatadorin Catrin Reuter, die in fließenden Aquarellfarben der Fassade von Haus Bachem Leben einhauchte, dem Titel des Mal-Festes Rechnung. Der blau-weiße Farbrausch des Rheins hatte es hingegen Christiane Ahlemeyer aus Rheinbreitbach angetan: Abstraktes, gar Experimentelles zierte ihren „Rhine River“. Auf Extravaganz und Farbenpracht setzte Pop-Art-Künstlerin Bettina Breitkopf, erstmals mit von der Partie.

„Ich hatte bislang immer Bedenken, ob ich es trotz des Zeitdrucks schaffen würde“, erzählte sie, während sie in grell buntem Acryl die Königswinterer Wahrzeichen zu Weinflasche und Rebstock gesellte. „Jetzt sehe ich, warum das Event so beliebt ist.“ Mietek Krzyzanowski, seines Zeichens Wet-Painting-Veteran, hatte sich im Schatten der Bäume der Schönheit des Drachenburg-Panoramas angenommen. „Stressig und alles andere als einfach“ sei das Malen mit Zeitlimit, „aber auch stimulierend“. Die orange leuchtende Burgruine vor fliederfarbenem Himmel, umsäumt von grün-gelb gescheckten Baumkronen – „ein bisschen Detailarbeit braucht das Bild noch, aber ich bin gut in der Zeit“, befand der Künstler stolz.

Und Anne Meyer-Berhorn, deren Ehemann Ulrich am Sonntag die Auktion moderierte, verwob ein idyllisches Rheinpanorama mit einer eigenen Interpretation des letzten Abendmahls. Zum Schutz vor Farbklecksen in eine Mülltüte gehüllt, mischte sie eine politische Botschaft unter die Acrylpaste, inspiriert von kritischen Songtexten Heinz Rudolf Kunzes: „Keine Zeit für Grenzen, für Unterschied kein Raum“, heißt es da, „klein wird der Planet nur ohne blauen Traum.“

Mehr von GA BONN