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Interview mit Kulturanthropologin Dagmar Hänel: Deshalb ziehen Menschen aufs Dorf

Interview mit Kulturanthropologin Dagmar Hänel : Deshalb ziehen Menschen aufs Dorf

Was macht Dorfleben im Siebengebirge aus? Und warum gibt es eine Tendenz zurück zu Traditionen? Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland spricht im Interview über die Bedeutung dörflicher Strukturen.

Dorf und Stadt: Das sind zwei Strukturen, die in der Region um Bonn aufeinandertreffen. Das städtische Zentrum wird für Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangebot geschätzt. Doch wenn es ums Wohnen geht, zieht es viele einfach in die kleineren Kommunen im Umkreis: Da ist das Leben ländlich, naturverbunden. Und vielerorts noch dörflich. Wie im Siebengebirge.

Doch was macht Dorfleben aus? Warum gibt es eine Tendenz zurück zu Traditionen? Mit diesen Themen beschäftigt sich Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland seit Jahren. Mit der Kulturanthropologin sprach Claudia Sülzen.

Sind Sie selbst „auf dem Dorf“ aufgewachsen?

Der LVR hat dem Thema Dorf ein Projekt gewidmet. Welche sind die grundsätzlichen Fragestellungen?

Hänel: Das Rheinland ist geprägt von ganz viel Ländlichkeit, ländlichem Raum. Aber wenn man ans Rheinland denkt, dann fallen zuerst die Namen der Städte wie Köln, Bonn, Aachen oder jener im rheinischen Teil vom Ruhrgebiet. Dass es drum herum ganz viele kleinräumige Strukturen gibt, wird oft übersehen. Selbst wenn man über die Identität des Rheinländers spricht, dann geht es in erster Linie um Köln. In den Kulturwissenschaften ist es ähnlich, auch dort wird seit einigen Jahren stark im städtischen Raum geforscht – dabei trifft man gerade dort ja auch auf kleinräumige Strukturen, auf alte dörfliche Elemente.

Welche sind das?

Wir-Gefühl durch Abgrenzung zu anderen

Mit großen Unterschieden bis hinein in einzelne Begriffe?

Zuweilen führt das sogar zu Dorf-Rivalitäten?

Die kommunale Neuordnung hat aus einer Ansammlung von Dörfern Flächengemeinden gemacht. Hat dörfliche Identität gelitten?

Zugezogene werden zu Multiplikatoren

Gibt es ein Spannungsfeld zwischen Alteingesessenen und Neubürgern?

Durch die unterschiedlichen Perspektiven können auch kommunikative Konflikte entstehen. Die einen sagen: Was soll der Aufwand, das war doch immer so und haben wir immer so gemacht. Die anderen entdecken einen Brauch, eine Tradition komplett neu für sich, wollen ein Teil davon sein. Wenn man sich in die Perspektive des jeweils anderen hineinversetzt, können Konflikte aber auch genauso schnell wieder ausgehebelt werden.

Alte Heimat, neue Heimat?

"Heimat ist ein komplexer Begriff"

Was bedeutet dann Heimat?

Ein Stück weit Idylle?

Ist das mehr geworden?

Dorf ist aber auch verstaubt, altmodisch. Mit sozialer Kontrolle, die nicht nur positiv gesehen wird ...

Gelten Einschulungen bald als Traditionen?

Trotzdem haben es Traditionen teils schwer?

Welche Rolle spielt dabei die Sprache? Gibt es Begriffe, die nur für einen Raum Gültigkeit haben?

Welche Rolle spielen Originale? Oder böse ausgedrückt: der Dorfdepp?

Dann ist Dorf auch integrativ?

Städte wie Köln sind bei näherer Betrachtung eine Ansammlung von Dörfern, mit viel Stadtteilidentität?

"Junge Frauen dürfen eben auch sexuell aktiv sein"

Wir haben gerade im Siebengebirge einen Fall, in dem ein Verein versucht, eine Tradition zu erhalten. Aber dann kommt niemand zu dem mühsam ausgerichteten Fest ...

Bedeutet?

Hat dörfliches Leben Zukunft?

Dörfliche Strukturen haben aber oft ein Infrastrukturproblem: Es gibt keine Nahversorgung mehr oder die weiterführende Schule ist weit weg.

"Digitale wird Face-to-Face-Kommunikation nicht ersetzen"

Dorfgemeinschaften, die sich früher über das Maibaumaufstellen definiert haben, können also andere Aufgaben übernehmen?

Und dann klappt's auch wieder mit dem Maifest?

Wie sehen Sie Versuche, dörfliche Strukturen über Internet oder Facebook herzustellen?

Heimat als Prozess

Heimisch wird man nicht von alleine?

Wie wichtig sind Vereine für das Dorfempfinden?

Dörflich ist also nicht gleichbedeutend mit verpieft und angestaubt, sondern auch ein Entwurf für die Zukunft?