"Ich durfte Hoffnung schenken": Bad Honneferin spendete Stammzellen für Krebspatienten

"Ich durfte Hoffnung schenken" : Bad Honneferin spendete Stammzellen für Krebspatienten

Simone Ullrich hat Stammzellen für einen Blutkrebspatienten gespendet. Die Bad Honneferin erzählt über das Verfahren, was sie dabei gefühlt hat und wie sie mit der "großen Verantwortung" umgegangen ist.

Eigentlich, sagt Simone Ullrich, „hatte ich das schon wieder komplett aus den Augen verloren“. Gemeint ist die Typisierung bei der DKMS. Immerhin, die lag im Fall der heute 44-Jährigen sicher zehn Jahre zurück, berichtet sie. Aber dann klingelte bei ihr zu Hause in Selhof das Telefon. „Die DKMS teilte mir mit, dass ich für eine Spende in Frage komme und fragte, ob ich für weitere Untersuchungen zur Verfügung stehe.“ Ob sie überlegen musste? „Keine Sekunde.“ Monate ist das jetzt her. Alle Voruntersuchungen und auch die Spende sind erfolgreich vonstatten gegangen. Und wie durch ein unsichtbares Band ist das Leben von Simone Ullrich seither mit dem eines anderen Menschen verbunden.

Aufhebens um die eigene Person machen, das liegt ihr fern in diesem Interview. Ob sie stolz sei, wurde sie öfters gefragt. „Nein, das ist es nicht. Ich durfte Hoffnung schenken, und das macht mich unglaublich froh.“ Die DKMS hat in ihr eine glühende Befürworterin. „Der Einsatz ist unglaublich wichtig. Und für die Spender ist es kein Problem. Es tut nicht weh und man verliert nichts, was der Körper nicht schnell und gut ersetzen kann“, weiß sie nun aus eigener Erfahrung.

Abstrich als üblichste Art der Typisierung

Begonnen hatte alles durch eine Freundin, die bei der DKMS beschäftigt ist. „Irgendwann fragte sie, ob ich mich typisieren lassen will.“ Eine fast rhetorische Frage, so die Mutter eines achtjährigen Sohnes. Die Freundin überbrachte das Päckchen mit allen Informationen und dem speziellen Stäbchen für den Abstrich der Wangenschleimhaut – übrigens die längst übliche Art der Typisierung, die laut DKMS genauso hochwertige Ergebnisse liefert wie das frühere Verfahren mittels Blutabnahme. Wer sich typisieren lassen will, der bekommt das Päckchen auf Anfrage einfach nach Hause geschickt.

Dann geschah lange nichts – bis zu jenem Anruf, der die Sache ins Rollen brachte. Es folgte ein weiterer Kurztest mittels Blutabnahme beim Hausarzt, der Simone Ullrichs Eignung absicherte, dann die Bitte, sich über einen festgelegten Zeitraum zur Verfügung zu halten. Wie sie sich da gefühlt habe? Die Selhoferin überlegt einen Augenblick. „Man geht schon anders mit sich selber um“, sagt sie. Schließlich: Krank werden, und sei es „nur“ mit einem grippalen Infekt, wenn man so dringend gebraucht werde, undenkbar wäre das. „Man würde die vielleicht einzige Chance, die ein anderer Mensch auf Leben hat, aufs Spiel setzen. Dieser großen Verantwortung wird man sich sofort bewusst – und fährt sogar ein bisschen anders Auto.“

Der einzige "Sechser im Lotto"

Das Verfahren ist übrigens komplett anonym. Selbst der Zeitpunkt der Spende bleibt Sache zwischen der DKMS und der Spenderin, um mögliche Rückschlüsse auf Personen zu vermeiden. Lediglich das weiß Simone Ullrich bislang: Ihre Spende ging an eine Frau um die 30 in Deutschland. Ob sie sie gerne kennenlernen würde? „Schon, aber ich musste mich da erst mal ein bisschen bremsen. Hier geht es gerade überhaupt nicht um mich. Die Empfängerin braucht Zeit für sich, um hoffentlich gesund zu werden.“ Irgendwann werde sie sicher an die DKMS schreiben, die dann ihren Brief an die Empfängerin weiterreichen kann. Und die vielleicht irgendwann auch „ihre“ Spenderin kennenlernen will.

Ein mulmiges Gefühl habe sie nur einmal beschlichen, und das nicht etwa bei den Vorbereitungen zur Spende und der Spende selbst, sagt die Architektin, die sich in Bad Honnef mit ihrem Büro „PlanzeichenB“ als Brandschutzgrafikerin selbstständig gemacht hat. „Bei den Voruntersuchungen wird man komplett auf Links gedreht, um jedes Risiko für Spender und Empfänger auszuschließen.“ Sie sei wirklich kein Typ, der „bei jedem Wehwehchen zur Internet-Diagnose neigt“. Aber so „auf den Kopf gestellt“ hätte ja auch eine eigene Krankheit zutage treten können. Doch Simone Ullrich ist kerngesund.

Dass sie der einzige „Sechser im Lotto“ für einen anderen Menschen ist, zeigt sich auch daran, dass sie als Frau über 40 zur Spenderin wurde. Denn so verfügbar, greifen die Ärzte am liebsten auf junge Männer unter 30 zurück, da sie wegen des größeren Körpervolumens mehr Stammzellen produzieren und abgeben und oft dickere Venen mitbringen, was die Entnahme erleichtert.

Verfahren schlug perfekt an

Grund: In 80 Prozent der Fälle nutzen die Mediziner das Verfahren der peripheren Stammzellentnahme, der Apherese. Dabei wird dem Spender über fünf Tage ein Medikament verabreicht, das die Anzahl der Stammzellen steigert. Die Stammzellen werden dann in einem ambulanten Verfahren direkt aus dem Blut gesammelt. Das dauert etwa drei bis fünf Stunden, dann kann der Spender die Entnahmeklinik verlassen. Knochenmarkentnahme unter Vollnarkose aus dem Beckenknochen findet laut DKMS noch in rund 20 Prozent der Fälle statt. Maßgeblich ist immer der Bedarf des Patienten; Wünsche der Spender werden soweit als möglich berücksichtigt.

Bei Simone Ullrich schlug das Verfahren jedenfalls perfekt an. „Ich war noch in der Klinik, da war meine Spende schon unterwegs“, sagt sie. Die körperlichen Auswirkungen durch die Medikamenteneinnahme hielten sich in Grenzen. „Klar, man ist schon müde. Der Körper arbeitet ja auch daran. Ein bisschen fühlt es sich an, als bekäme man eine Grippe.“ Sie habe sich einfach ein bisschen mehr geschont als sonst. „Man wird vorher auch unglaublich gut über alles aufgeklärt und auch während der ganzen Zeit begleitet“, so Simone Ullrich. Und würde sie es wieder tun? „Jederzeit.“

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