Forschungsprojekt auch im Siebengebirge: Auf Spurensuche nach dem Gartenschläfer

Forschungsprojekt auch im Siebengebirge : Auf Spurensuche nach dem Gartenschläfer

Er ist der kleine Verwandte des Siebenschläfers: der Gartenschläfer. Ursprünglich war er in weiten Teilen Europas beheimatet. Doch seine Bestände gehen drastisch zurück – und niemand weiß, warum. Ob sich von den possierlichen Tieren mit der Zorro-Zeichnung im Gesicht einige im Siebengebirge aufhalten, sollen Spurentunnel klären.

Sein Name führt etwas in die Irre. Der Gartenschläfer schläft zwar tatsächlich gerne. Lieber als in einem Garten macht er es sich dafür allerdings in Felsspalten und zwischen Gesteinsritzen bequem. „Es sind ziemlich anpassungsfähige Tiere“, sagt Christine Thiel-Bender. „Sie kommen in den Höhenlagen am Brocken vor, aber zum Beispiel auch in deutlich wärmeren Regionen wie in den Weinbergen an der Mosel.“ Um das Siebengebirge allerdings scheint das possierliche Nagetier mit der auffälligen Zorro-Zeichnung im Gesicht bislang einen Bogen gemacht zu haben. Ob das wirklich so ist, soll in den kommenden Wochen anhand von Spurentunneln geklärt werden, die die Bonner Biologin mit Unterstützung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Kreisgruppe Rhein-Sieg, rund um die Wolkenburg platziert hat.

Die Spurentunnel sind Bestandteil eines bis 2024 angelegten Forschungsprojekts, das im vergangenen Jahr der BUND, die Universität Gießen und die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in sechs Bundesländern gestartet haben. Das Bundesumweltministerium fördert das Vorhaben mit rund 3,6 Millionen Euro, fachlich begleitet wird es vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Ziel der Wissenschaftler ist es herauszufinden, warum der Gartenschläfer aus vielen Regionen Deutschlands und Europas spurlos verschwunden ist – und im Idealfall Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

„Der Bestand des Gartenschläfers ist in den vergangenen 30 Jahren drastisch zurückgegangen“, sagt Thiel-Bender, die für den BUND das Projekt in Nordrhein-Westfalen betreut. Erstaunlicherweise jedoch nicht überall. Während es in Rheinland-Pfalz den Gartenschläfer noch relativ häufig gebe, seien andernorts die Populationen regelrecht zusammengebrochen. „Und niemand weiß, warum“, so Thiel-Bender. Der Gartenschläfer gehöre zu den wenig bekannten heimischen Tierarten und sei noch kaum erforscht.

Das soll sich mit dem Projekt „Spurensuche Gartenschläfer“ nun ändern. „In Nordrhein-Westfalen konnten wir Gartenschläfer bislang unter anderem in den Ballungsgebieten rund um Köln, Leverkusen und Bonn nachweisen“, sagt Thiel-Bender. In Gärten, Weinbergen und Obstplantagen in der Nähe des Menschen sei er anzutreffen. Auch im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis habe es bereits Hinweise auf die Schlafmaus gegeben, Nachweise gibt es aus Kessenich, Godesberg und Endenich. „Aus dem Rechtsrheinischen hatten wir bislang aus Hennef eine Meldung“, so Thiel-Bender. „Das war allerdings ein Fehlalarm.“ Auch das Siebengebirge gehört bislang zu den weißen Flecken auf der Meldekarte. „Ich bin gespannt, ob sich das durch die Spurentunnel ändert“, sagt die Biologin. 25 schmale dunkle Kästen, vorne und hinten geöffnet, hängen seit wenigen Tagen etwa auf Schulterhöhe an Baumästen rund um die Wolkenburg. „Die Tiere laufen über ein Kreppband mit einer Öl-Kohle-Mischung, das wie ein Stempelkissen funktioniert“, erklärt sie. „Dabei hinterlassen die Tiere ganz charakteristische Fußspuren.“ Futter oder andere Lockmittel brauche es im Übrigen nicht: „Gartenschläfer sind von Natur aus sehr neugierig.“ Bis zum Herbst, wenn der Nager sich in den Winterschlaf verabschiedet, werden die Tunnel etwa alle zwei Wochen auf Ergebnisse kontrolliert. Eine Aufgabe, die im Siebengebirge ehrenamtliche Helfer des BUND Rhein-Sieg übernommen haben. „Dazu braucht es dann schon Zuverlässigkeit und Spaß an der Wissenschaft“, sagt Thiel-Bender. „Denn auch, wenn es keinen Nachweis geben sollte, ist das ja ein Ergebnis.“ Das allerdings hält die Biologin für eher unwahrscheinlich: „Die Steinstrukturen im Siebengebirge sind für den Gartenschläfer ideal.“

Und auch der Zeitpunkt für das Aufstellen der Spurentunnel ist bewusst gewählt: „Sobald die Gartenschläfer ihren Winterschlaf beendet haben, sind sie ziemlich schnell ziemlich munter.“ Und verschwenden keine Zeit, sich umgehend den passenden Partner zu suchen. Dann sind die Gartenschläfer zwar vielleicht zu übersehen, ganz bestimmt aber nicht zu überhören: Die Weibchen geben durch Pfeifen Signale, die Männchen rivalisieren lautstark um die interessantesten Weibchen. „Das klingt dann ein bisschen wie schimpfende Vögel“, beschreibt es Thiel-Bender, „nur mausähnlicher“. Und das alles zu vorgerückter Stunde: Gartenschläfer sind nachtaktiv.

Die Nagetiere klettern im Übrigen gerne an Wänden hoch. „Wer also auf seinem Dachboden seltsame Geräusche hört: Es muss sich nicht immer um eine Maus handeln“, sagt Thiel-Bender. Bis 2024 hat die Biologin Zeit, dem Gartenschläfer auf die Spur zu kommen, seine Nahrung und DNA zu untersuchen, um eine zentrale genetische Karte zu erstellen. Eine Aufgabe, die sie spannend findet. Und wichtig: „Der Gartenschläfer ist ein Symbol für die biologische Vielfalt“, sagt sie. „Und wir Menschen tragen die Verantwortung, damit diese Tierart überlebt.“