25 Jahre Geiseldrama von Gladbeck

Der tödliche Schlussakt im Siebengebirge

GA-Fotograf Holger Arndt blickt 25 Jahre nach dem Ende des Gladbecker Geiseldramas auf die A 3. Dort wurden Rösner und Degowski gefasst, Silke Bischoff starb.

Bad Honnef. Auf der Autobahn 3 nahe der Abfahrt Bad Honnef stoppt ein SEK-Kommando den Fluchtwagen. Augenzeuge Holger Arndt erinnert sich.

Am späten Morgen des 18. August beschließt die Polizei, das öffentlichste Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu beenden. Um die Mittagszeit des 18. August beschließt Holger Arndt, Fotograf der Siegburger Lokalredaktion des General-Anzeigers, die Zwangspause zwischen zwei Terminen sinnvoll zu nutzen.

Im Radio hört er, der Tross habe inzwischen die Kölner Innenstadt verlassen. Reine Intuition lotst ihn durch Aulgasse und Alte Poststraße, vorbei am Walter-Mundorf-Stadion, über den Betriebsweg zur Autobahnraststätte Siegburg.

Dort sieht es aus wie immer. Vielleicht etwas weniger Betrieb als üblich. Ein amerikanischer Soldat bezahlt seine Tankrechnung und macht sich auf den Heimweg nach Frankfurt. An der benachbarten Zapfsäule steigt kreidebleich ein Mann aus einem graublauen BMW 735i mit niederländischem Kennzeichen: Udo Röbel, später Chefredakteur der Bild-Zeitung, damals jener Kölner Express-Reporter, der sich bereitwillig zu den Geiselgangstern ins Auto setzte und sie zum Entsetzen der Polizei aus der Kölner City lotste.

Aus der Tür mit der Aufschrift "Toiletten" tritt mit hängenden Schultern eine junge, blonde Frau, die inzwischen Millionen Menschen aus dem Fernsehen kennen: Silke Bischoff. Ihr folgt ein Mann mit Vollbart, tätowierten Armen und einer großkalibrigen Pistole in der Faust. Auch ihn kennen Millionen TV-Zuschauer: Hans-Jürgen Rösner.

Arndt hält Distanz, schraubt sein Teleobjektiv auf die Kamera. Als Rösner die Zapfpistole aus dem Einfüllstutzen nimmt, steigt Arndt wieder in seinen Wagen. Ungehindert fährt er auf die A3 in Richtung Frankfurt. Dort ist er allein. Kein Auto weit und breit auf der dreispurigen Fahrbahn, kein Auto auf den drei Gegenspuren. Was Arndt nicht wissen kann: Die Polizei hat die Medien-Meute gestoppt, sämtliche Zündschlüssel einkassiert und zudem den Autobahn-Abschnitt zwischen der Raststätte Siegburg und der Abfahrt Bad Honnef abgeriegelt.

Plötzlich nähert sich in Arndts Rückspiegel der BMW, überholt, rast davon, bremst, um bei Kilometer 28 auf der Standspur zu stoppen. Rösner steigt aus, entledigt sich seines Overalls, steigt wieder ein, gibt Gas, überholt den Wagen des Siegburger Fotografen - und den Wagen einer Familie aus Königswinter-Vinxel auf dem Weg in den Schweiz-Urlaub.

Der nichts ahnende Familienvater Karl Jopp am Steuer bemerkte zwar das ungewöhnliche Polizeiaufkommen an der Auffahrt Siebengebirge; doch keiner der Beamten dort kam auf die Idee, die Familie zu stoppen.

Bei Kilometer 37,5 - gleich hinter einer Bergkuppe, keine zwei Kilometer vor der Abfahrt Bad Honnef/Linz und der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz - hält der BMW erneut auf der Standspur. Arndt fährt vorbei und beobachtet den BMW durch seinen Rückspiegel. In diesem Augenblick wird die gespenstische Stille auf einer der gewöhnlich verkehrsreichsten Straßen Deutschlands jäh aufgehoben: Als der BMW wieder anrollt, schießt ein Mercedes der S-Klasse über die Kuppe, gefolgt von einem halben Dutzend weiterer SEK-Fahrzeuge.

"Plötzlich sind graue Limousinen mit irrsinniger Geschwindigkeit links und rechts an uns vorbeigerast", erzählte damals Familienvater Karl Jopp dem General-Anzeiger. "Drinnen saßen maskierte Männer. Wir haben einen Riesenschreck bekommen. Der letzte Wagen hat uns dann von der Fahrbahn abgedrängt und auf dem Standstreifen gestoppt. Da erst begriffen wir, dass die Leute Polizeibeamte waren. Aus gut 200 Metern konnten wir dann beobachten, was passierte." Fotograf Holger Arndt ist ebenfalls 200 Meter entfernt; allerdings nicht hinter, sondern vor dem Ort des Zugriffs. Er liegt auf der Fahrbahn, sieht durch das Teleobjektiv und drückt den Auslöser.

Der erste Mercedes rammt den wieder angerollten BMW, so gut es eben noch geht, doch trifft ihn nicht optimal. Irgendjemand hat nämlich die Fernbedienung vergessen, mit der sich der präparierte BMW-Motor auf Kopfdruck abwürgen lässt.

Blendgranaten explodieren, durch den Nebel peitschen 62 Schüsse aus Maschinenpistolen. Als sich der Nebel lichtet, knien SEK-Beamte auf den Rücken von Degowski und Rösner. Neben den Gangstern liegt die tote Silke Bischoff.

Regelmäßig, immer wenn er seinen Schwager in Heilbronn besucht, passiert Holger Arndt die Stelle auf der A3. Die Bilder gehen ihm seit 25 Jahren nicht aus dem Kopf. Er hat sich nicht gemein gemacht mit der Medienmeute, und anders als seine Kollegen in Köln oder Bremen lieferte er den Verbrechern auch keine Bühne oder machte sich gar zum Komplizen. Er blieb Beobachter.

"Ich habe zwar nur meinen Job gemacht. Aber ich habe auch keinen Heiligenschein verdient. Seither betrachte ich meine Arbeit deutlich selbstkritischer."

Fortsetzung: Die Folgen des Gladbecker Geiseldramas für Täter und Opfer, Politiker und Polizisten.