Seit 100 Jahren mit Vulkangestein unterwegs

Seit 100 Jahren mit Vulkangestein unterwegs

Schon ihrem Ursprung nach ist die Brohltalbahn hauptsächlich eine Güterbahn

Brohltal. Morgens, 7.30 Uhr: Auf dem Bahnhof der Brohltalbahn in Brohl-Lützing ist es noch dunkel. Nur in der Werkstatt brennt schon Licht. Andreas Wildeman, Werkstattleiter der Betriebsgesellschaft Brohltal-Eisenbahn, macht einen letzten Kontrollgang durch den Triebwagen, bevor es los geht, und er und sein Kollege hinunter zum Güterbahnhof fahren, um die vier Containerwaggons holen. Insgesamt 115 Tonnen Phonolith, pulvriges vulkanisches Gestein, warten an diesem Tag darauf, aus dem Steinbruch bei Brenk abgeholt zu werden. Für die Brohltalbahn eine wichtige Einnahmequelle, denn nur solange der Güterverkehr rollt, fließen auch die Zuschüsse vom Land.

Seit 100 Jahren finden auf der Brohltalstrecke Gütertransporte statt - solange gibt es die Bahn. Die beeindruckenden dampfbetriebenen Züge des Vulkan-Expreß, mit denen Ausflügler am Wochenende das liebliche Tal bereisen, kamen erst in den 70er Jahren auf. Zuvor war es lange Zeit der Güterverkehr, der die Bahn wirtschaftlich am Leben hielt. Auch heute noch finden auf der Strecke zwischen Brohl und Engeln Güterfahrten statt, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher.

"Die AG für Steinindustrie in Brenk ist der einzige Kunde, der uns geblieben ist. Alle übrigen Bruchbetreiber transportieren ihr Gestein mittlerweile mit Lastern. Und auch der in Brenk wäre liebend gern auf den Lkw umgestiegen, weil''''s billiger ist. Doch dafür bekommt er keine Genehmigung. Die Zufahrt zum Bruch ist zu steil und die Ortsdurchfahrt in Brenk zu eng. Ein Glück für uns", erklärt Wildeman.

8,50 Mark nimmt die Betriebsgesellschaft der Brohltalbahn pro Tonne. Das macht bei rund 18 720 Tonnen im Jahr knapp 160 000 Mark. Im Gegenzug dafür leistet das zweiköpfige Team bei seinen zwei bis drei Güterfahrten pro Woche harte Knochenarbeit. Die leeren Containerwaggons an den Triebwagen zu koppeln, kostet Zugführer Wildeman diesmal eine halbe Stunde, da ein Waggon in der Mitte ausrangiert werden muss. Unterwegs auf der knapp 16 Kilometer langen Strecke bis zum Phonolithwerk ist es vor allem der örtliche Betriebsleiter Wilfried Thelen, der ins Schwitzen kommt.

"Die Weichen müssen wir per Hand umstellen. Eine elektrische Anlage würde sich für die Brohltalbahn nicht lohnen", erklärt er zwischen zwei Handgriffen, mit denen er die Weichenhebel umlegt. In Niederzissen muss er ein weiteres Mal aussteigen, um einen gefährlichen Bahnübergang abzusichern. "Das ist eine Auflage zur Verkehrssicherheit. An allen anderen Übergängen genügt es, wenn ich vorher hupe und das Tempo drossele. Da der Zug ohnehin maximal nur 20 Stundenkilometer fahren darf, ist das Unfallrisiko also relativ gering", so Wildeman.

Am Phonolithwerk angekommen, heißt es auch für den Zugführer: raus in die Kälte und anpacken. Die Container müssen ladefertig gemacht werden. Dazu klettern die beiden Männer auf die Waggons und schrauben die Verschlüsse ab. Danach steht ein schwieriges Rangiermanöver an: Wildeman fährt die Waggons so unter die Verladevorrichtung, dass das grauweiße Gesteinpulver geradewegs vom Förderband durch die schmale Öffnung in den Container fällt. Eine Waage am Förderband misst, wieviel verladen ist.

"Phonolith wird für die Glasherstellung verwendet und dient dazu, die Temperatur bei der Schmelze zu verringern", erklärt Thelen. Während er darauf wartet, dass sich die Container füllen, wagt er eine Prognose: "Wenn das Werk hier nicht vorzeitig dicht macht, wird es die Brohltalbahn auch noch in 30 Jahren und länger geben. Denn Phonolith gibt es hier noch jede Menge."

Nach einer Stunde ist auch der letzte Container voll. Wildeman und Thelen machen sich auf den Heimweg, diesmal ohne Eile. Denn der Spediteur, der das Phonolith in Brohl in Empfang nimmt und per Lkw zur Glasfabrik nach Essen transportiert, hat den Termin verschoben. Für Thelen kommt der vorzeitige Feierabend gerade recht: "Meine Kinder belagern mich schon seit Tagen, mit ihnen zu spielen. Jetzt habe ich Zeit." Wildeman hingegen will noch einmal in die Werkstatt: "An alten Waggons und Loks herumzubasteln, ist eben mein Steckenpferd. Deswegen gehöre ich auch zu den Glücklichen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben."

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