Rastplatz Brohltal-West: Polizei kontrolliert Lkw-Fahrer an Autobahn

Rastplatz Brohltal-West : Polizei kontrolliert Lkw-Fahrer an Autobahn

Wie sich ein Frontalaufprall anfühlt, erleben mehr als 200 Trucker noch bis Mittwochnachmittag auf dem Rastplatz Brohltal-West. Der Überschlagsimulator soll die Lastwagenfahrer fürs Anschnallen sensibilisieren.

Das ist mir zum Glück noch nie passiert. Und ich wünsche es keinem meiner Kollegen.“ Berufstrucker Klaus Bredehorst ist gerade auf dem Rastplatz Brohltal-West aus dem Überschlagsimulator gestiegen. Zwei Runden hatte sich die Fahrerkabine gedreht. Ausgangslage war ein Unfall mit Tempo 33. In der Kabine waren Bredehorst dabei Teddybären und andere Kuscheltiere um die Ohren geflogen. Im Ernstfall hätten es aber auch ein Laptop, die Kaffeemaschine oder andere sperrige Teile sein können, die sich tagtäglich in den Kabinen von Lkw-Fahrern befinden. Und: Ein Sturz vom Fahrersitz auf die Beifahrertür kommt mal eben einem freien Fall aus zwei Metern Höhe sehr nahe.

Bredehorst war von einer Streife der Autobahnpolizei Mendig auf dem Parkplatz Brohltal-West, wo er eine Pause eingelegt hatte, angesprochen worden: „Machen Sie doch mit.“ Denn die Beamten haben von Dienstagmorgen bis Mittwochnachmittag gemeinsam mit einem Team des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) die Sicherheit der Lastwagenfahrer im Visier. Dies unter dem Motto „Hat's geklickt?“. Denn „Klick“ macht nur ein eingerasteter Sicherheitsgurt. „Ohne Gurt ist ein Aufprall auf ein festes Hindernis ab Tempo 30 tödlich“, sagte Jürgen Schöbel vom DVR. „Ab 50 wird es mit Gurt auch kritisch.“ Schöbel ist mit einem Kollegen aus Frankfurt an der Oder angereist. Mit dem Überschlagsimulator, der am Wochenende auch beim Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring steht. „Wir wollen praktisch zeigen, welchen Gefahren sich Trucker aussetzen, wenn sie auf den Gurt verzichten. Das bringt mehr als jede Theorie“, sagt Schöbel, für den es seine Abschiedstournee ist. Er geht in Rente.

In Rente will in drei Jahren auch Bredehorst. 42 Jahre hat der Trucker bereits auf dem Bock gesessen. „Unfallfrei“, sagt der Mann aus Diebholz. Nur einmal sei ihm ein Kollege aus derselben Firma hintendrauf gebrummt. „Das hat ganz schön gerumst.“

Wie sich aber ein Frontalaufprall anfühlt, werden mehr als 200 Trucker noch bis Mittwochnachmittag erleben. Angegurtet in einem Schlitten, geht es mit Tempo 10 gegen eine Wand. „Das macht eine Aufprallwucht von 350 Kilo aus“, sagt Klaus Kuhn vom DVR, der mit seinem Kollegen samt Simulatoren europaweit unterwegs ist. Und: „Bei Tempo 30 sind es schon 3,1 Tonnen, die auf den menschlichen Körper einwirken. Das ist ohne Gurt tödlich“, sagt Kuhn und zeigt auf ein Foto von einem Unfall aus dem Jahr 2017, bei dem der Fahrer mit Gurt überlebt hätte.

Bei etlichen Fahrern beliebt, aber lebensgefährlich sei das Einklicken des Gurtes hinter dem Rücken oder mit einem „Ersatzteil“ vom Schrottplatz, „um das Gepiepe der Kontaktsicherung loszuwerden“. Kuhn: „Die wenigsten Leute wissen, dass das Gurtschloss auch die Sicherung für den Airbag ist.“ Ohne Sicherheitsgurt, aber mit gesichertem Gurtschloss werde der Airbag bei einem Aufprall zur tödlichen Waffe. Fahrerairbags lösten mit Tempo 400 aus, Beifahrer-Airbags wegen des größeren Abstandes zum Mitfahrer mit Tempo 600. „Das führt unweigerlich zum Genickbruch und damit zum sofortigen Tod“, so der Experte des DVR.

„Die Fahrt im Schlitten war brutal. Der Aufprall auch“, sagte ein weiterer Brummifahrer, der vorsichtshalber anonym bleiben wollte. Er war von einer Streife auf den Parkplatz gelotst worden, weil er nicht angegurtet war. Und da hatte er dann die Wahl: „30 Euro oder in die Trucker-Kirmes mit Schlitten und Überschlag.“ Das Angebot wurde gerne angenommen. Und auch die Erfahrung, dass Trucker die Gefahr, die von einem Airbag ausgehen kann, „total unterschätzen“.

„Das ist Sinn der Übung“, fand denn auch Marc Müller von der Autobahnpolizei Mendig. Er und seine Kollegen hatten sich auf Brohltal-West positioniert. Zudem waren zwei Streifen in Fahrtrichtung Süden unterwegs, um Gurtmuffel auf den Rastplatz zu lotsen.

„Die Aktion ist rein präventiv“, erklärte Müller im Gespräch mit dem General-Anzeiger. „Wir wollen aufklären. Das ist wichtiger als abkassieren.“ Das kam an. Auch bei den Truckern aus Serbien, die mit einem bulgarischen Lastzug unterwegs waren. Die Verständigung funktionierte zwar nur brockenweise, doch die Informationen kamen rüber. Eben, weil alles am eigenen Leib erfahren wurde: der Aufprall und das Wirbeln im Führerhaus. „Ich werde das meinen Kollegen alles erzählen“, sagte denn auch Bredehorst, der mit einem riesigen, blitzblank geputzten Tankwagen unterwegs war, bei einem Kaffee, den es von der DVR-Crew als Belohnung für den Besuch der Trucker-Kirmes im extra aufgebauten Zelt gab.

Im Zelt gab es übrigens einen dritten Simulator. Da ging es um den Abstand zum Vordermann, nach zu hohem Tempo die zweithäufigste Unfallursache. Auch da gab es Lücken bei den Profifahrern. Dass bei Tempo 80 gut 50 Meter Abstand sein müssen, wussten alle. Doch bei Tempo 89? Da reichen 75 bis 80 Meter gerade mal eben aus, um noch zu stoppen.

Ein Wissen, das sich auf Brohltal-West auch zwei Polizei-Praktikanten aus Lahnstein aneigneten, die zum ersten Mal einen Einsatz begleiteten. Und noch etwas lernten die jungen Männer. Bei Terminen in der Eifel sollte man immer ein Jäckchen dabei haben. Denn auf Höhe der Burg Olbrück bläst es auch im Sommer ganz schön.

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