Flüchtlingshilfe in Hennef: Pädagoge Hichame Abidi spricht acht arabische Dialekte

Flüchtlingshilfe in Hennef : Pädagoge Hichame Abidi spricht acht arabische Dialekte

Der Pädagoge Hichame Abidi hilft den Menschen in der Hennefer Unterkunft "Am Kuckuck".

Kurz vor Mittag betritt Hichame Abidi die Notunterkunft "Am Kuckuck". Die Menschen dort kennen ihn, kommen schnell auf ihn zu und stellen Fragen. Wie auch die Frau, die ihm berichtet, dass ihr Kind krank ist. Sie möchte wissen, wie und wo sie mit ihm zum Arzt gehen kann. Der 31-Jährige nimmt sich Zeit für die Antwort. Er erklärt ihr, dass sie vor dem Arztbesuch einen Behandlungsschein der Stadt dafür braucht. Auch dabei kann er helfen. Vor der Unterkunft hat die Hennefer Verwaltung ein mobiles Büro eingerichtet. Dort lässt sich das regeln.

Während die beiden sich unterhalten, fährt ein kleiner Junge mit einem alten, gespendeten Tretroller durch die Turnhalle an der Gemeinschaftshauptschule. Ein Mädchen turnt in der Spielecke, die der Kinderschutzbund im hinteren Teil des Raumes eingerichtet hat. Links sind die Feldbetten aufgestellt. Sichtschutzwände trennen die Schlafabteilung der Männer vom Bereich der Familien und der Frauen. In der Mitte der Halle stehen Klapptische und -Bänke, rechts befindet sich die Essensausgabe.

Hichame Abidi ist Anlaufstelle und Informationsquelle in einem. Er kommt regelmäßig in die Flüchtlingsunterkunft in Geistingen, in der zurzeit 89 Menschen leben. "Vor meiner Arbeit, nach meiner Arbeit, und wenn es dringend ist, auch zwischendurch", erzählt der Leiter des Kinder- und Jugendhauses Hennef. Er empfindet es nicht als Pflicht, den Menschen zu helfen, die in ihrer Not hier Station machen. "Das ist eine Selbstverständlichkeit", sagt er. Dabei kommen dem gebürtigen Marokkaner seine besonderen Sprachkenntnisse zugute. Er beherrscht acht arabische Dialekte, kommt schnell und ohne große Hürden mit den Leuten ins Gespräch.

Schon in seinem Heimatland lernte er neben der Muttersprache Arabisch in der Schule auch Französisch und ab der siebten Klasse Deutsch. "Das klingt so anders als Arabisch. Es war für mich eine schöne Herausforderung, diese Sprache zu lernen", erzählt der Diplom-Pädagoge. Da er unter anderem den "West-östlichen Divan" und "Die Leiden des jungen Werther" von Goethe in der Originalsprache lesen wollte, begann er im marokkanischen Fez mit einem Germanistikstudium.

Nach zwei Semestern kam er mit einem Studentenvisum nach Deutschland, sattelte um auf Erziehungswissenschaft und Erwachsenenbildung. Für seinen damaligen wie jetzigen Wohnort Köln hat er sich entschieden, "weil der Name der Stadt für mich schön klang und das Wort schön aussah", so Abidi. Braunschweig etwa sei aus gegenteiligen Gründen für ihn nie in Frage gekommen. Nach beruflichen Stationen im Rhein-Erft-Kreis und Köln kam er vor einem Jahr nach Hennef und kümmert sich dort unter anderem um die offene Jugendarbeit der Stadt.

In der Unterkunft hilft er den Flüchtlingen dabei, sich zu orientieren. "Keiner von ihnen wäre freiwillig auf die Idee gekommen, die Heimat zu verlassen. Sie hatten keine andere Wahl", sagt er. Und: "Jeder, der auf der Flucht in Deutschland landet, hat eine besondere Geschichte hinter sich." Wie zum Beispiel der 18-Jährige aus Eritrea, der erst vor Kurzem seine Mutter verloren hat. Auch ihm spendet Abidi, der eine zusätzliche Seelsorgeausbildung absolviert hat, Trost.

Wenn die Flüchtlinge ihre Zuweisung und damit ihren neuen Wohnort mitgeteilt bekommen, fragen sie den 31-Jährigen nach der jeweiligen Stadt. "Ich versuche dann, das Positive herauszustellen, berichte zum Beispiel, welche Schulen es dort für ihre Kinder gibt." Manchmal muss Abidi, der neben der marokkanischen seit zwei Jahren auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, bei Streitigkeiten in der Unterkunft vermitteln. "Es ist vergleichbar mit Familien, in denen es auch Unstimmigkeiten gibt", so Abidi. Wenn er einen Wunsch freihätte für die Flüchtlinge in der Hennefer Unterkunft, würde er diesen wählen: "Die Menschen, die zu uns kommen, sollen so schnell wie möglich ein normales Leben beginnen können. Und ihre Zukunft - bis jetzt haben sie keine."

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