Nicht jedes Altertümchen bekommt das Siegel

Nicht jedes Altertümchen bekommt das Siegel

Die Männer vom Amt legen an die Waagen, die sie prüfen, strenge Maßstäbe an - Auch die Gewichte werden austariert - Landwirte und Geschäftsleute müssen ihre Wiege-Geräte regelmäßig vorführen

Bornheim. Rolf Fritzen trägt schwer. Er schleppt seine Gemüsewaage in den Altbau des Jugendzentrums Hemmerich. Ein Altertümchen, dessen Last dem Sechtemer Landwirt kleine Schweißperlen auf die Stirn treibt. Die Skala ist verbeult, die Waage ächzt bei jeder Bewegung - wie ihr Besitzer. Der Senior bringt sein altes Schätzchen, einige Jahrzehnte alt, zum Eichen. Doch das Gerät findet keine Gnade vor den gestrengen Augen von Heinrich Held und Peter Düllgen. Der eichtechnische Angestellte und der Eichfacharbeiter verweigern dem Bauern die begehrte Prüfplakette. Die Waage bekommt das dem TÜV-Stempel vergleichbare Zertifikat nicht, sie ist zu ungenau.

Damit wollte Rolf Fritzen seine Ernte auf dem Acker und auf dem Hof wiegen. Daraus wird jetzt nichts. Mürrisch zieht der Sechtemer von dannen. Heute ist er nicht der einzige, der seine Waage vorführt und ohne behördlichen Segen wieder geht. "Wir prüfen hier viele Geräte mit einem Bereich bis 50 Kilogramm, die müssen nur alle vier Jahre vorgeführt werden. Und in so einem Zeitraum kann im täglichen Gebrauch einiges passieren", sagt Heinrich Held. Die Geräte sind mit draußen, werden hin und her geschleppt, sind das ganze Jahr in Betrieb. Da sind Gelenke ausgeschlagen, ist Metall verbogen. "Andere Waagen mit exakteren Anzeigen und geringerem Gewicht müssen alle zwei Jahre vorgeführt werden", berichtet Held und stellt wieder ein 40 Pfund schweres Kontrollnormalgewicht auf die hölzerne Waagschale.

Ein Prozent Toleranz dürfen diese Dezimalwaagen haben, die mit einem System aus Hebeln und Mechanik arbeiten, ohne Elektrizität. Hier wird ein Zentner Kartoffeln aufgelegt, auf der anderen Seite mit Fünf-Kilogramm-Gewichten das Gleichgewicht gehalten. Stimmen die beiden Zungen der Waage genau überein, bewegen sie sich bei geringen Gewichtsänderungen, dann greifen die beiden Mitarbeiter des Eichamtes Köln zur Plakette, und der Besitzer geht froh seines Weges.

"Landesbetrieb Mess- und Eichwesen" heißt die Landesbehörde offiziell, und sie ist gerade im ländlichen Raum ein Begriff. "Vor ein paar Jahrzehnten war hier in dieser Region noch viel mehr für uns zu tun", erzählt Heinrich Held. "Die Landwirtschaft ist so sehr zurückgegangen, dass wir inzwischen unser Angebot umgestellt haben. Früher sind wir in alle Städte gekommen, jetzt sind wir eine Woche täglich in Hemmerich." Hierher kommen nun Besitzer von Waagen aus dem gesamten linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis, aus Alfter, Bornheim, Meckenheim, Rheinbach, Swisttal und Wachtberg.

Und es ist keine freiwillige Angelegenheit, dass die Gewerbetreibenden aus allen möglichen Sparten ihre Geräte nach Bornheim bringen. Die Besitzer von gewerblichen Waagen sind registriert und werden schriftlich vom Eichamt zur Überprüfung aufgefordert. Das kann nach Absprache bei einem Hausbesuch im Betrieb geschehen, oder eben an einem Ort, an dem das Eichamt den Prüfservice anbietet. Fahrzeug-Waagen, Geräte, die einige hundert Kilo schwer sind oder Supermarkt-Kassen mit integrierter Elektronikwaage können nur im Unternehmen selbst geprüft werden. "Das kostet dann allerdings auch ein paar Euro mehr, jeweils 30 Prozent vom üblichen Gebührensatz. Der wiederum richtet sich nach Höchstlast, Typ und Klasse", erklärt Peter Düllgen.

Doch was hilft die genaueste Dezimalwaage, wenn die Gewichte nicht stimmen? So führen die Ladenbesitzer, Landwirte und privaten Vermarkter auch ihre Gewichte vor. Auf einer Digitalwaage, die hunderstel Gramm exakt anzeigt, messen die Kollegen aus Köln die meist gusseisernen Gewichte nach. In die Gewichtskörper, die mit losem Tariermaterial gefüllt sind, sind kleine Löcher gebohrt, die mit Pfropfen verschlossen sind.

Die Männer vom Eichamt entfernen diese "Korken" und füllen bei zu geringem Gewicht Granulat-Kügelchen nach oder nehmen bei Übergewicht etwas heraus. Der Pfropfen bekommt ein Stahlstempel-Zeichen als Siegel. Ist Nachjustieren möglich, leihen Held und Düllgen vorübergehend Austauschgewichte aus. So haben die Mitarbeiter des Eichamtes einiges zu schleppen, wenn sie in ihrem weißen Kleintransporter zum Eichtermin anrücken.

Vielen Waagen, die Held und Düllgen prüfen, sieht man an, dass sie auf dem Acker im Einsatz sind. Die robusten Messgeräte aus Altvater-Zeiten sind im Vorgebirge beliebt. "Die neuen Digitalwaagen sind sicherlich leichter und handlicher. Aber ob sie auch besser sind, will ich nicht sagen", meint Heinrich Held.

Auch Landwirt Rolf Fritzen kommt am Nachmittag mit einem zweiten schweren Waagen-Ungetüm wieder. "Die habe ich von meinem Schwiegersohn", erzählt er. Diesmal ist er zufrieden, denn diese Waage stimmt fast aufs Gramm. Und was macht er mit dem ersten Gerät, das die Prüfung nicht bestand? "Das werde ich ausrangieren, da lohnt die Reparatur nicht", sagt er. Und im Weggehen fügt er grinsend hinzu, für den privaten Gebrauch könne er sie doch noch benutzen. Doch Held und Düllgen drohen mit dem Finger: "Das gerade haben wir besser nicht gehört."

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