Beitrag zur Stadtgeschichte: Neue Erkenntnisse über Hexenverfolgung in Ahrweiler

Beitrag zur Stadtgeschichte : Neue Erkenntnisse über Hexenverfolgung in Ahrweiler

Hans-Georg Klein räumt beim Vortrag über Hexenverfolgung in Ahrweiler mit Fehleinschätzungen auf. Neue Quellenfunde beleuchten die Verfolgung in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts heute anders.

Die Mainacht wird landläufig auch „Hexennacht“ genannt. Da ist die Rede von Frauen, die auf Besen um Berge und Kirchtürme fliegen. Und es gab sie, die bedauernswerten Menschen, die als Hexe oder Hexer angeklagt wurden. Darum ranken sich viele Erzählungen, die sich zwar spannend anhören, aber meist nicht stimmen. Hans-Georg Klein, profunder Kenner der Ahrweiler Geschichte einschließlich ihrer düsteren Seiten, räumte in der Vortragsreihe des Heimatvereins „Alt-Ahrweiler“ mit Irrtümern über die Hexenverfolgung auf.

So stellte er fest: Nicht im finsteren Mittelalter jagte man die Hexen, sondern in der frühen Neuzeit. Neue Quellenfunde beleuchten die Verfolgung in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts heute anders. Urteilten preußische Historiker im 19. Jahrhundert „der Papst ist schuld“, sei inzwischen klar: „Es gab keine konfessionell einseitige Hexenverfolgung.“ Als 1996 die geheimen Akten der Inquisition zugänglich wurden, zeigte sich: Nicht die Päpste waren die radikalen Hexenverfolger, sondern vor allem weltliche Einrichtungen und die Bevölkerung. In Ahrweiler fungierte der lokale Hexenausschuss als „Scharfmacher“, getragen von den Einwohnern.

Viel früher, im Jahr 1501, so Klein in der ehemaligen Synagoge, taucht Tryne von Eich als erstes Opfer in den Ahrweiler Ratsprotokollen auf. „Die Hinrichtung hatte Volksfestcharakter.“ 1517 wurden sechs Frauen verhaftet, zwei davon freigelassen, vier starben auf dem Scheiterhaufen. „Dafür hat man vier Tage lang Holz gefällt.“ 1609 wurden die Hebamme Trein und Susanne Ohligschläger als Hexen verbrannt. Andere Frauen aber kamen frei. „20 Jahre später wären sie nicht mehr davongekommen“, betonte Klein.

1610 ist erstmals von einem Hexenausschuss die Rede, der mehr Hinrichtungen fordert. 1611 revoltierten die Bürger und traten zugleich in einen Steuerstreik, weil Rat und Schöffengericht die Hexenverfolgung zu lasch betrieben hätten. Zur Verteidigung zweier in Bonn inhaftierter Aufrührer argumentierte der angesehene Jurist und Professor Stephan Brölmann aus Köln „ganz modern“, so der Referent. Die Angeklagten hätten „mit guter Absicht und gutem Ziel gehandelt, um Schaden von der Stadt abzuwenden. Sie mussten handeln, weil die Obrigkeit nicht handelte“.

Hexenflug, Hexensabbat oder Schadenszauber

Hinter dem Hexenausschuss, der verstärkt Hinrichtungen durchsetzte, standen die Hutenmeister und eine Bevölkerung, die ihrer Verwaltung misstraute. „Es war die erste nachweisbare Bürgerinitiative unserer Stadt“, sagte Klein. Ruhe kehrte unter der Bevölkerung erst ein, als die Feuer brannten. Dieses durch Hysterie, Angst und Missgunst geschürte „Große Brennen“ in Ahrweiler zwischen 1628 und 1632 kostete über 70 Menschen das Leben. Allein in den Jahren 1628/1629 wurden 26 Menschen hingerichtet. Selbst als der Hofrat die Hexenprozesse in Ahrweiler einstellen ließ, protestierten einige in den Protokollen namentlich genannt Bürger heftig.

Die Hinrichtungswelle in Ahrweiler erfasste entgegen einem landläufigen Vorurteil mit 48 Prozent fast ebenso viele Männer wie Frauen (52 Prozent). Zwar war der Glaube an Hexen Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts allgemein verbreitet. Doch erst, als die „Besagungen“, jene meist unter Folter erzwungene Aussagen von Hexen über weitere Beteiligte am Hexenflug, Hexensabbat oder Schadenszauber, als gerichtsrelevant anerkannt wurden, nahmen die Vollstreckungen massiv zu.

Wie der größere Teil des heutigen Kreisgebietes gehörte Ahrweiler damals zum Kurfürstentum Köln, wo Erzbischof und Kurfürst Ferdinand von Wittelsbach das Sagen hatte. Kurkölnische Kommissare sollten als juristische Sonderbeauftragte die Schöffen und Laienrichter in der rechtmäßigen Hexenprozessführung beraten. Doch oft trieben sie, wie Franz Buirmann und Johann Möden, die Prozesse wie „Brandbeschleuniger“ selbst voran.

Übrigens gab es nie eine Hinrichtungsstätte beim Calvarienberg. Dies habe der Chronist des Klosters nur geschrieben, „um die Wallfahrt zu beleben“, so Klein. Tatsächlich verbrannten die Verurteilten hoch auf der Ellig, worauf noch die Flurnamen „Am Gericht“ und „Beilacker“ hinweisen.

Die häufig angeführte Margarete Hansmann, Frau des mehrmaligen Bürgermeisters und Prümer Hofschultheißen Nikolaus Stapelberg, war jedoch, anders als ihr Mann, nicht darunter. Sie starb nach den Ratsprotokollen im Jahre 1623, konnte demnach nicht 1628 als Hexe verbrannt worden sein.

Als 1632 die Schweden in Ahrweiler einmarschierten und der Hofrat die Zwangsvollstreckungen stoppte, war der Höhepunkt der Hexenverfolgung überwunden. Zum Abschluss seines aufschlussreichen Vortrags äußerte Hans-Georg Klein angesichts des unsäglichen Leidens der vielen Opfer der Hexenverfolgung sein Bedauern, dass es heute Frauen gibt, die sich selbst als Hexe bezeichnen.

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