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Im letzten Flieger raus aus China: Wissenschaftler wegen Coronavirus in Quarantäne in Windhagen

Im letzten Flieger raus aus China : Wissenschaftler wegen Coronavirus in Quarantäne in Windhagen

Wissenschaftler Maximilian Mayer und seine Frau leben seit ihrer Rückkehr nach Deutschland in freiwilliger Quarantäne in Windhagen - und sind ohne Symptome geblieben. Ihre selbst auferlegte Isolation haben sie genutzt, um Hilfslieferungen nach China zu organisieren.

Die Tage hat er gezählt. Aber zum Feiern ist Maximilian Mayer trotzdem nicht zumute kurz vor dem Ende seiner gut zweiwöchigen Corona-Virus-Quarantäne. Der 39-Jährige ist Professor in Ningbo/China; er promovierte an der Universität Bonn, an die er vielleicht auch zurückkehren wird. Zurzeit allerdings befindet sich der Politikwissenschaftler mit seiner Frau in freiwilliger Isolation. „Die haben wir uns auferlegt, seit wir Ende Januar aus China gekommen sind“, sagt er im Gespräch mit dem GA, das am Telefon geführt wird.

Das Paar ist ins leer stehende Haus eines Freundes in Windhagen gezogen – und ohne Symptome geblieben. „Dank Internet hatten wir keine Langeweile, die Versorgung war geregelt, und auch zum Spazierengehen sind wir mal raus“, sagt Mayer.

Viele Menschen sterben ohne Versorgung zu Hause

Gleich nach Ankunft in Deutschland hat er angefangen, mittels internationaler Kontakte Hilfsmittel für Krankenhäuser und Privatleute in der am meisten betroffenen Provinz Hubei, zu der die Stadt Wuhan gehört, zu organisieren, „weil die Kliniken nur die schwersten Fälle aufnehmen können und viele andere Menschen ohne Versorgung zu Hause sterben“.

Er hat sich mit seinen Mitstreitern vom „Intellisia Institute“ vor allem um die Beschaffung von Schutzmasken sowie auch um Schutzkleidung, Desinfektionsmittel und Beatmungsgeräte gekümmert, die schwer Erkrankte benötigen. „Aber der globale Markt ist fast leer gefegt.“ In China werde zwar ein Großteil solcher Masken produziert, doch das Land könne derzeit seinen eigenen Bedarf nicht decken.

Das chinesische Rote Kreuz versagt

Dazu kamen plötzliche Exportverbote anderer Länder, horrende Preissteigerungen – und: „Wir hatten es auch mit Fake-Masken zu tun, die keinen Schutz geboten hätten.“ Dennoch sei es gelungen, Material „auf teils abenteuerlichen Wegen“ ans Ziel zu bringen.

Bei der Hilfsmittelverteilung versagt habe das skandalbehaftete chinesische Rote Kreuz. Stattdessen gebe es eine große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Wie Beobachter äußerten, scheine Chinas Führung dazu bereit, eine ganze Provinz zu opfern, um die weitere Verbreitung des Corona-Virus zu verhindern, so Mayer.

Zustände in China sind „ein Albtraum“

Dabei hätten die Gesundheitsbehörden für fast drei Wochen mit ihrer mangelnden Informationspolitik dazu beigetragen. „Und dass 40 Millionen Menschen in Hubei über Nacht und ohne Plan in Quarantäne genommen werden, ist ein Albtraum.“

Bis zum 20. Januar sei eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Virus als unmöglich erachtet worden. „Wenn dann aber Staatspräsident Xi Jinping selbst von einem ernsten Problem spricht, weiß man, dass es brennt.“

Mayer entschied auszureisen. „Was nicht so einfach war, weil wir wegen des Neujahrsfests bei meinen Schwiegereltern im Süden Chinas waren und meine Frau ihren Reisepass noch zu Hause in Ningbo hatte.“

Überreaktionen außerhalb Chinas

Zu den vielen Warnsignalen gehörte für ihn die Schwierigkeit, einen Sitzplatz im Flugzeug zu reservieren, obwohl offiziell noch keine Flüge gestrichen waren. Mit dreimal umsteigen hat es dann geklappt. „Als wir im Anflug auf Frankfurt am Main waren, haben wir die Nachricht erhalten, dass die erste Fluggesellschaft alle Flüge nach China streicht.“

Beunruhigt hat ihn auch, welche enormen Kosten die chinesische Regierung mit der Quarantäne-Anordnung offenbar in Kauf nahm. Sorgen machen Mayer die panischen Überreaktionen außerhalb Chinas und Angriffe auf Asiaten: „Es gibt eine lange Tradition der sogenannten ‚gelben Gefahr’ und anderer rassistischer Stereotype, die sich auf Chinesen beziehen.“

Er selbst habe noch kein negatives Erlebnis gehabt. Dennoch: „Hysterie passt in die im Westen zunehmende Anti-China-Stimmung. Ideologisch, technologisch und wirtschaftlich wird da sowieso mit harten Bandagen gekämpft. Stichwort: Huawei.“ Jetzt Solidarität mit China zu zeigen, sei die richtige Haltung.

Bankrott vieler kleiner Betriebe droht

Drastische Folgen wegen des Corona-Virus befürchtet er für die Auto- und die Pharma-Industrie. Wegen der Zulieferer, wegen der Werke deutscher Automobilkonzerne direkt in Wuhan und weil zahlreiche Medikamente und Generika in China produziert werden.

Ganz abgesehen von den Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft: „Auf der einen Seite geht es um die Eindämmung des Virus. Auf der anderen Seite um wirtschaftliche Folgen. Vielen kleinen Betriebe in den betroffenen Provinzen droht schon jetzt der Bankrott“.

„Obwohl Präsident Xi die Epidemie-Bekämpfung zur Chefsache erklärt hat, bleibt die Lage sehr unübersichtlich“, erklärt er. Und wie wird es weitergehen? Entweder sei der Höhepunkt der Epidemie in ein bis zwei Wochen erreicht. Dann sei die Frage, wie und wann die Quarantänemaßnahmen aufgehoben würden und ob eine zweite oder gar dritte Welle zu erwarten sei.

Druck auf den Präsidenten wächst

Oder das Virus werde zur Pandemie mit nachhaltigen Folgen für die Weltwirtschaft und für die Gesundheitssysteme besonders im globalen Süden. Dann sei weniger auf Quarantäne als auf die Entwicklung von Impfstoffen und Spezialkliniken zu setzen. Mayer: „Ich vertraue auf die deutschen Notfallpläne, rate aber weiter zur Vorsicht.“

In China wachse der Druck auf den Präsidenten, und es mehrten sich Rufe gegen die staatliche Kontrolle und Zensur und für Rede- und Meinungsfreiheit. Aber es könne auch einen Innovationsschub geben, denn wegen des Virus stellten Firmen und Bildungseinrichtungen weitgehend auf Online-Arbeit um.

Auch Mayer bereitet sich mit seinem Campus darauf vor: „Das ist ein riesiges Experiment, und man kann damit der Krise auch positive Seiten abgewinnen.“ Noch hat er keinen Rückflug gebucht, will aber auf jeden Fall nach China zurückkehren, „wenn sich vielleicht im April oder Mai die Lage normalisiert hat“.