Mülheim-Kärlich: Kühlturm von Kernkraftwerk steht vor dem Abriss

Mülheim-Kärlich : Kühlturm von Kernkraftwerk steht vor dem Abriss

An diesem Freitag wird der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich dem Erdboden gleichgemacht. Am Ende bleiben 500.000 Tonnen Müll übrig. Das Spektakel wird live im Fernsehen und im Livestream übertragen.

Mit architektonischen Wahrzeichen ist man in der merkwürdig gesichtslosen Kleinstadt mit dem bundesweit bekannten Doppelnamen nicht eben üppig gesegnet. Das prächtige kurfürstliche Schloss machten schon Napoleons Truppen dem Erdboden gleich. Am Freitag verschwindet nun die Landmarke, die über Jahrzehnte das Bild der 11.000 Einwohner zählenden Kommune im Rheinbogen des Neuwieder Beckens prägte: der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich, einst mit 162 Metern höher als der Kölner Dom, unübersehbar für alle, die in den vergangenen vier Jahrzehnten mal auf der B9 zwischen Andernach und Koblenz unterwegs waren.

Zuletzt maß der Kühlturm des Atomkraftwerks, das in seiner Geschichte mal gerade 13 Monate lang Strom produzierte, allerdings nur noch rund 80 Meter. Soweit hatte ihn ein ferngesteuerter Bagger schon abgeknabbert. Der Rest wird am Freitag dem Erdboden gleichgemacht, indem zwei Roboter dem Turm die Zähne ziehen. Die mächtige Betonröhre steht nämlich auf 72 Stelzen, und die werden am frühen Nachmittag nach und nach entfernt. Etwa bei der neunten oder zehnten Stütze soll das Monstrum dann in sich zusammenfallen, haben Experten ausgerechnet.

Im Lauf seiner Geschichte beschäftigte der Druckwasserreaktor am Mittelrhein annähernd so viele Juristen wie Bauarbeiter. 1975 war mit dem Bau begonnen worden, die Honoratioren der Kleinstadt bejubelten schon die 650 künftigen Arbeitsplätze. Aber erst im März 1986 konnte der nukleare Probebetrieb gestartet werden, nachdem Atomkraftgegner auch mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert waren.

Von August 1987 an lieferte das Kraftwerk tatsächlich Strom: insgesamt 11,3 Milliarden Kilowattstunden. Bis zum 9. September 1988, da war dann Schicht. Die Gründe: das deutsche Baurecht - und ein folgenreicher Formfehler des Betreibers.

Das Neuwieder Becken ist vulkanisches Gebiet und bekanntlich überdurchschnittlich erdbebengefährdet. Weil ein geologisches Gutachten es für sinnvoll erachtete, verschoben die Planer den Komplex auf dem 40 Hektar großen Grundstück um 70 Meter rheinabwärts - dummerweise war die Verschiebung aber nicht in der ersten Baugenehmigung eingetragen. Die juristischen Auseinandersetzungen währten elf Jahre, bis das Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz gegen den RWE-Konzern entschied.

Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich

Im Sommer 2000 verkündete die rot-grüne Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernenergie. Der Essener Energiekonzern einigte sich mit der Regierung Schröder, weitere Anstrengungen im Hinblick auf Mülheim-Kärlich endgültig aufzugeben, und erhielt als Ausgleich für entgangene Einnahmen die Genehmigung, zusätzliche 107 Milliarden Kilowattstunden in anderen RWE-Kernkraftwerken erzeugen zu dürfen.

2002 wurden die letzten radioaktiven Brennelemente aus dem Neuwieder Becken in die Normandie transportiert - zur französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague. 2004 wurde mit dem Rückbau des Kernkraftwerks am Mittelrhein begonnen: alles, was nicht radioaktiv ist oder aber dekontaminiert werden kann.

Aufbau kostete umgerechnet 3,5 Milliarden Euro

Man könnte es auch Abriss nennen, wenn es denn so einfach wäre. Denn für die Entfernung eines Atomkraftwerks aus der Landschaft benötigt man zwei Dinge: viel, viel Zeit und viel, viel Geld. Rund eine Milliarde Euro hat die RWE AG für den Rückbau veranschlagt. Der Aufbau in den 70er Jahren kostete umgerechnet 3,5 Milliarden Euro. Am Ende wird das Kernkraftwerk in 500.000 Tonnen Müll zerlegt sein. Davon werden schätzungsweise 3000 Tonnen radioaktiver, nicht zu dekontaminierender Abfall verbleiben - in der 44 Meter hoch aus dem Boden ragenden Reaktorkugel, die einen Durchmesser von 61 Metern hat, aber zu einem Drittel unsichtbar unter der Erde liegt. Solange es in Deutschland kein Endlager gibt, sei dies der sicherste Platz, heißt es bei RWE. Weil die Betonkuppel so dick sei, dass sie einem Jumbo-Jet-Absturz standhalte.

"Wir wissen von jeder Schraube, aus welchem unserer 1000 registrierten Räume sie stammt und wann sie das Werk verlassen hat", sagt RWE-Pressesprecherin Dagmar Butz. Vor einigen Jahren wurden zum Beispiel die beiden Turbinen und der Generator am nahen Rheinufer in Richtung Nil verschifft. Die insgesamt 1000 Tonnen wurden nach Ägypten verkauft und sind dort in einem konventionellen Kraftwerk im Einsatz.

Der Abriss eines Atomkraftwerks ist vor allem eine gewaltige logistische Herausforderung, weil eben nicht nassforsch mit der Abrissbirne hantiert werden kann - auch wenn Werkleiter Walter Hackel in den vergangenen Jahren schon mal gegenüber Besuchern anmerkte: "Rückbau ist wie Hausbau. Nur eben andersrum."

Ein Kühlturm verschwindet. Als handele es sich um einen Staatsakt, wollen am Freitag die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und deren Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) eigens aus Mainz nach Mülheim-Kärlich reisen, um dem kalkulierten Einsturz beizuwohnen. Und dank des TV-Senders SWR kann man das Spektakel von 14.30 Uhr an live am Fernsehbildschirm mitverfolgen.

Die Stadtwerke in Neuwied zeigen den Kühlturm mit einer Webcam.

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