Pessach-Fest und Abendmahl: Jüdische und christliche Tradition in Unkel

Pessach-Fest und Abendmahl : Jüdische und christliche Tradition in Unkel

In der Karwoche gehen 30 Erwachsene und Kinder in Unkel jüdischen und christlichen Traditionen nach und feiern gemeinsam das Pessachfest. Der Austausch steht im Mittelpunkt.

Genau 18 Minuten haben Susanne Bilgeshausen und ihre Tochter Hannah Zeit. 18 Minuten, um Mehl und Wasser zu einem Teig zu vermengen, von Hand kleine Kugeln zu formen, sie auf dem Tisch sorgsam auszurollen und im Ofen auszubacken. Genau 18 Minuten – länger darf laut Überlieferung die Herstellung der Matzen nicht dauern. „Das ungesäuerte Brot gehört zu jedem Pessach-Fest unbedingt dazu“, sagt Zachary Gallant. Es erinnere an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. „Und bei ihrem Aufbruch blieb ihnen keine Zeit, den Brotteig säuern zu lassen.“

Gemeinsam mit Rita Cosler, Gemeindereferentin in den katholischen Gemeinden Bad Honnef und Unkel, hat Gallant in der Karwoche eine nicht ganz alltägliche Einladung ausgesprochen: „Pessach-Fest und Abendmahl – Jüdische und christliche Tradition erleben und bedenken“.

Unter diesem Motto sind an diesem Nachmittag 30 Erwachsene und Kinder in das Unkeler Pfarrheim gekommen, um die Hintergründe des jüdischen Fests kennenzulernen, das festen Regeln und Traditionen folgt. Von der großen Resonanz auf ihr Angebot waren die beiden Organisatoren dabei selbst etwas überrascht. „Es hätte auch genug Interesse für eine zweite Veranstaltung gegeben“, sagt Cosler.

Was hat es mit dem Pessach-Fest auf sich? Wie wird es gefeiert? Welche Verbindung gibt es zum christlichen Abendmahl? Es sind Fragen wie diese, auf die Gallant und Cosler an diesem Nachmittag Erwachsenen und Kindern eine Antwort geben möchten, „und zwar so, dass es auch Spaß macht“, wie Gallant betont. Vor rund vier Jahren haben Rita Cosler und ihr Mann Detlev den gebürtigen US-Amerikaner jüdischen Glaubens in Unkel bei der Arbeit in der Flüchtlingshilfe kennengelernt. Gallant engagiert sich seit vielen Jahren in verschiedenen Gremien für den interreligiösen Dialog. Im vergangenen Jahr sei dann die Idee entstanden, das Pessach-Fest mit ihm sowie interessierten Familien gemeinsam zu feiern, erzählt Cosler.

Der Austausch steht im Mittelpunkt

„Ursprünglich stamme ich aus Baltimore“, sagt Gallant. Der Liebe wegen sei er vor sieben Jahren nach Deutschland gekommen. „Im amerikanischen Judentum ist immer eine Tür geöffnet“, sagt er. „Ich habe viele Christen und Muslime als Freunde und fand den Austausch mit ihnen immer sehr spannend.“ Der Austausch steht auch an diesem Nachmittag im Unkeler Pfarrheim im Mittelpunkt. „Wann hat man schon einmal eine so schöne Gelegenheit, über den Tellerrand zu blicken?“, fragt Susanne Bilgeshausen, die aus Rheinbreitbach zu der Veranstaltung gekommen ist.

Ihre Tochter gehe in wenigen Wochen zur Kommunion, und da sei es interessant, den Vergleich zur Eucharistie zu haben. Die Matzen haben Mutter und Tochter mittlerweile aus dem Ofen geholt, jetzt raspeln sie Äpfel. Später kommen zu der Masse noch Rosinen, Zimt und Traubensaft hinzu. Charoset heißt die Speise, die gleichfalls unverzichtbarer Bestandteil des Sederessens ist.

Sederessen? Gallant erklärt: „Seder ist sozusagen der Auftakt des Pessach-Festes. Und das Apfelmus erinnert mit seiner bräunlichen Farbe an den Lehm, aus dem die Juden in Ägypten Ziegelsteine herstellten.“ Auch Rettich dürfe nicht fehlen, Salzwasser, das die Tränen symbolisiere, Petersilie als Frühlingssymbol, Bitterkraut wie Chicorée oder Romana: Jede Speise hat ihre Aussage – und auf dem Sederteller sogar einen eigenen Platz.

Einlesen im Internet

Ein bisschen habe er sich vorher schon im Internet einlesen müssen, gesteht Stefan Czeslik. „Und die Moses-Geschichte musste ich auch noch einmal Revue passieren lassen.“ Der Unkeler begleitet seine beiden Kinder Henrik und Sophia, die bereits die Geschichten um Abraham und Sarah, Jakob und Esau oder die zehn ägyptischen Plagen mit Cosler und Gallant anhand von vielen Bildern erarbeitet haben. „So etwas gibt es ja nicht so oft“, sagt auch Eva Tillmann, die mit der elfjährigen Leni und dem drei Jahre jüngeren Philipp dabei ist. Das Judentum ist bei Leni gerade Thema im Religionsunterricht, Philipp gehört zu den Kommunionkindern. „Nicht nur die Kinder profitieren von diesem Nachmittag“, sagt ihre Mutter.

Mittlerweile sind alle Matzen fertig, das Apfelmus ist durchgezogen, der Rettich geschält. Der fünfjährige Balthazar deckt den Tisch. Sophia hat Platz genommen und nascht vom Brotfladen. Schmeckt es? „Geht so“, sagt sie. „Aber es gibt ja noch Kompott.“ Ein Platz an der langen Tafel in Unkel wird an diesem Nachmittag übrigens frei bleiben – für den Propheten Elias. Auch das sieht die Tradition so vor.

Pessach-Fest und Integrations-Seder

Pessach erinnert an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Der erste Abend des Festes wird als „Seder-Abend“ bezeichnet. Dabei gibt es eine Festmahlzeit mit verschiedenen symbolischen Speisen, die in einem bestimmten Ablauf verzehrt werden, der wiederum in der Haggada (Erzählung) überliefert ist. In diesem Buch finden sich unter anderem Texte aus der rabbinischen Tradition, Dankgebete und Segenssprüche, Lieder und Gedichte. Wichtige Bestandteile sind unter anderem die Matzen, das Bitterkraut und die Charoset (Fruchtmus) in der Farbe des Lehms.

Zu einem Integrations-Seder lädt die Integrationswerkstatt Unkel für Samstag, 27. April, ab 17 Uhr in den Unkeler Bürgerpark ein (früheres Freibadgelände). Zachary Gallant leitet die Zeremonie leiten, in deren Mittelpunkt die Zuwanderung und das Zusammenleben stehen. Er beantwortet auch Fragen über das Pessach-Fest. Die Gäste werden gebeten, eine Hauptspeise ihrer Kultur und Getränke mitzubringen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Um Anmeldung per E-Mail an iwunkel@gmail.com wird gebeten. Mehr Infos: http://integrationswerkstatt-unkel.de

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